Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1328 D1E2 darität zu geraten. Als vor einem halben Jahre auf einer jüdischen Notabeln-Versammlung in London eine Vereinigung aller großen philanthropischen jüdischen Organisationen zum besseren Schutz der jüdischen Interessen vorgeschlagen wurde, lehnte der Abgeordnete für Whitechapel im Unterhause, Mr. S a m u e 1, jetzt S i r Samuel, im Namen der offiziellen Londoner Gemeinde diesen Vorschlag mit der Begründung ab, die englischen Juden könnten sich nicht kompromittieren und nicht den Verdacht auf sich sitzen lassen, dal) die Juden wirklich eine nationale Einheit bilden. Dabei ist dieser tapfere Sir Samuel ein jüdischer Abgeordneter, d. h. von einer jüdischen Mehrheit gewählt. Brechen aber irgendwo Pogrome aus, und muß der Minister des Auswärtigen um Intervention angegangen werden, dann glänzen diese jüdischen Abgeordneten entweder durch Abwesenheit, oder sie tun so, als ginge sie die ganze Sache gar nichts an. In vielen Fällen springen dann christliche Abgeordnete ein . . . Klagt man aber den Engländern gegenüber, daß die Lage der Juden in Ost-Europa, in Nord-Afrika und in Zentral- Asien unerträglich sei, dann verweisen sie immer auf die drei jüdischen Minister und auf die 16 jüdischen Mitglieder des Unterhauses, die infolge ihres Reichtums großen Einfluß, sowohl auf die Partei, als auf die Regierung haben. Was bringen uns diese jüdischen Politiker? Unglück und nochmals Unglück. Da sie eingefleischte Assimilanten sind, mißbrauchen sie ihren Einfluß zur Bekämpfung des Zionismus . . . Waren es nicht diese Leute, die jahrelang ihr Bestes getan haben, um unsere Bank zu diskreditieren? Haben nicht diese Assimilanten Merzl in der perfidesten Weise verfolgt und ihn der niedrigsten Absichten geziehen? Und war es nicht Lord Rothschild, der Peer des Vereinigten Königreiches und Mitglied des House of Lords, der, um die russischen Juden in Whitechape! gefügig und für seine Politik nutzbar zu machen, öffentlich erklärte, die russischen Juden entzögen sich dem Militärdienst und desertierten massenweise? Kann sich Purischkewitsch auf einen besseren Kronzeugen berufen, als auf den „ungekrönten Judenkönig"? Diese jüdische Politik, die uns nichts, aber rein gar nichts einbringt, bildet auch noch in anderer Beziehung eine Gefahr für unser Volkstum. Wir Juden haben alle Verantwortlichkeit, alle Pflichten einer nationalen Gemeinschaft, dagegen keine der Vorteile und Privilegien eines Volkes. Sobald ein prominenter Jude eine Dummheit oder gar ein Verbrechen begeht, macht man die jüdische Gesamtheit dafür verantwortlich. Wo es leiden heißt, da sind wir ein Volk, und werden als solches auch anerkannt. Aber da wir keines der Privilegien eines Volkes haben, fehlt uns jede juristische Gewalt über das jüdische Individuum. Wir können es nicht bestrafen, und wir können auch nicht durch vorbeugende Maßregeln ein Verbrechen oder Vergehen verhindern. Da die jüdischen Politiker nicht als Juden, sondern als Deutsche, Engländer, Franzosen, oder als Bürgerliche oder Sozialisten auftreten, so wirft ein Volk dem zweiten, eine Partei der anderen Verjudung vor, während die Juden selbst nicht wissen und nicht spüren, daß) ihre Söhne die politische Welt aus den Angeln heben. Treibt ein Jude antiklerikale Politik, müssen die polnischen Juden leiden, ist ein Jude Sozialist, müssen die Juden leiden, ist ein Jude Anti-Sozialist, dann heißt es jüdische Ausbeuter. Als Illustration mag die antisemitische Haltung der englischen Suffragettes dienen. Asq u i t h ist gegen die Bestrebungen dieser Amazonen, [ELT Nr. 43 aber die Führerinnen der Suffragettes machen jetzt die jüdischen Mitglieder des Kabinetts für die Haltung Asquiths verantwortlich, und noch vor 14 Tagen verkündete die Führerin der englischen Frauenstimmrechtlerinnen in Glasgow, die englischen Frauen, die nach Freiheit lechzen, würden nicht dulden, daß „Foreigners", die England beherrschen, die englische Frau in der Sklaverei halten. Die Juden, die jetzt die englische Regierung in ihrer Hand haben, sollten nicht glauben, daß sie uns ungestraft unterdrücken werden. Diese Demagogie wird den drei jüdischen Ministern wenig schaden, aber um so mehr werden die jüdischen Massen Englands ihre Folgen zu spüren bekommen . . . Und schließlich sei noch folgendes bemerkt: Man wirft der liberalen englischen Regierung vor, daß sie mit dem reaktionären Rußland einen Pakt geschlossen und damit die Unterdrückung der Fremdvölker stillschweigend gebilligt habe. Sitzen nicht in dieser liberalen Regierung drei Juden und beteiligen sich nicht drei jüdische Minister an allen Regierungsgeschäften, auch an der englischen auswärtigen Politik? Hat schon jemand von uns einmal an die Folgen dieser Beteiligung dreier Juden an einer Regierung, die russophile Politik treibt, gedacht? Wie soll Rußland den Protest mancher westeuropäischer Juden gegen die Unterdrückung der Juden im Zarenreiche ernst nehmen, wenn drei jüdische Minister in England die Politik der Triple-Entente und der Verhätschelung Rußlands mitmachen? Darf ein ehrenhafter jüdischer Politiker,, selbst wenn er kein Nationaljude ist, einer Regierung angehören, die mit Rußland verbündet ist? Was die Engländer selbst von der Ehre dieser Juden halten, ist neulich zutage getreten, als englische Juden, Freunde und Verwandte der jüdischen Minister, Grey gebeten haben, er solle sie bei Sasonow einführen. Er hat dies abgelehnt, nicht trotzdem, sondern weil drei Juden seine Kollegen im Kabinett sind. Solange dies nicht der Fall war, hat England für die Juden eher etwas übrig gehabt . . . Nein, diese jüdische Politik ist zu dumm. Sie schadet uns nach innen und außen und bringt uns Schande und Spott. Wenn Juden nicht den Mut haben, als jüdische Politiker aufzutreten (z. B. Mr. Samuel, der Abgeordnete für Whitechapel) oder wenn sie das nicht können, dann sollen sie öffentlich erklären, daß sie mit dem Judentum nichts zu tun haben, damit das Judentum für sie und für ihre Dummheiten nicht verantwortlich gemacht werden kann. Dann werden sie auch nicht als Juden auftreten können, wo es gilt, unsere nationalpolitischen Pläne zu durchkreuzen, sie werden eben nicht mehr als Führer des jüdischen Volkes angesehen werden. Sollten sie sich aber weigern, das zu erklären, so werden wir uns eines Tages gezwungen sehen, dies selbst zu tun, um weiteres Unglück zu verhüten . . . In der Diaspora können wir nur jüdische Volkspolitik treiben. Wenn sich Juden an der allgemeinen Politik beteiligen, geraten sie, wenn sie nicht direkt jüdische Abgeordnete sind, meist mit sich selbst oder *mit ihrer Umgebung in Konflikt. Deshalb: Treibt nur dort Politik, wo große jüdische Massen leben und eine politische Vertretung dieser Massen gerechtfertigt werden kann, oder wo die nichtjüdischen Wähler einen bewußten Nationaljuden mit ihren politischen Interessen betrauen. Treten diese beiden Fälle nicht ein, so wählt, wen ihr wollt, nur keinen israelitischen Streber. Wer zu feige ist, Farbe zu bekennen, soll zu Hause bleiben. Jede wahre Volksvertretung bedarf mutiger Männer.