Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1324 endlich die lange erwartete Freilassung des des Ritualmordes angeklagten Bei Iis zur Folge haben würde. Statt dessen ist eine Wendung zum Schlimmen eingetreten. Die antisemitische Staatsanwaltschaft wagt es jetzt, gegen einen der Verteidiger von Beilis, den Rechtsanwalt Margolin, die Anklage zu erheben, daß er die berüchtigte Wera Tschebyrjak durch eine hohe Geldsumme habe bewegen wollen, sich selbst des Mordes an Justschinski zu beschuldigen. Es ist zwar feststehend, daß die Staatsanwaltschaft sich damit außerordentlich blamieren würde, wenn es einmal zum Prozeß kommen sollte. Im gegebenen Moment handelt es sich jedoch um einen geeigneten Hetzstoff zur Beeinflussung der Kiewer Wähler, und es scheint, daß es der Regierung und den reaktionären Parteien ganz besonders daran gelegen ist, in Kiew einen Sieg zu erfechten. Die Gewissenlosigkeit der Hetzagitation hat denn auch in diesen Tagen ihre Spitze erreicht. So wurde einem Wahlflugblatt zugunsten der reaktionären Kandidaten die Affäre justschinski zu gründe gelegt. Wiederum ist darin der Kopf des ermordeten Knaben abgemalt, wiederum lautet die schreiende Ueberschrift: „Der Ritualmord an Andrei Justschinski. Ein Werk der Chassidim in Kiew. Hütet, Christen, eure Kinder!" Unter den Bildern sind die herausfordernden Unterschriften: „Das Haupt des von den verfluchten Juden in den Tod gemarterten Knaben Andrei Justschinski nebst den Spuren der rituellen Stiche/4 Dann folgen zahlreiche erlogene Angaben über frühere Ritualmorde, die jedesmal mit irgendeinem aufwieglerischen Sprüchlein versehen sind. Nach dem Sammelsurium dieser aufreizenden Notizen und Sentenzen kommt dann fast unvermittelt ein fürchterliches, „echtrussisches Geschimpfe" über die fortschrittlichen Dumakandidaten der Stadt Kiew und eine pogromistische Empfehlung der patriotischen Kandidaten, zweier ganz unbedeutender und charakterloser Männer. Bemerkenswert aber ist die bestimmte Versicherung in diesem Flugblatt, daß der Ritualmordprozeß demnächst endgültig stattfinden würde. Die ganze ergänzende Untersuchung war also nur eine Komödie, um die europäische öffentliche Meinung zu beruhigen. Die Untersuchungsbehörden konnten nach den aufsehenerregenden Maienthüllungen nicht mehr stumme Zuschauer bleiben. Da wurde denn der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschk e w i t s c h , zitiert, um gleichsam der Gerechtigkeit freien Spielraum zu gewähren. Monatelang hat denn die Nachuntersuchung gewährt, und zum Schluß war Maschkewitsch Wochen hindurch verschwunden. Dann kam Stscheglowitow nach Kiew, hatte eine Unterredung mit dem als Ritualmordankläger engagierten Staatsanwalt T s c h a p 1 i n s k y , und nach wie vor blieb der unschuldige Beilis in Haft. Was nur hinter den Kulissen vorgehen mag? Englisch-jüdische Literatur-Vereine (Von unserem Berichterstatter.) London. Mit dem Herbst fängt auch die Saison der jüdischen Literaturvereine an, und speziell in der Provinz dreht sich das ganze Gemeindeleben der Jugend um die Social and Literary Society. Nur zu oft sind diese Vereine mehr ,social" als „literary"; Tanz und harmloses Amüsement bilden das wahre Programm, das nur zum Schein einen literarischen Aufputz hat. Auch das hat seine Berechtigung, denn der jüdisch-soziale Einfluß, den diese Sammlungspunkte der Jugend auf das Gemeindeleben ausüben, ist ganz bedeutend. Aber auch ein bißchen jüdisches Wissen fällt da ab, und mancher Same hat da schon Frucht getragen. Obwohl auf neutralem Boden stehend, kommt der nationale Gedanke viel eher und öfter Nr. 43 zum Ausdruck als in der Synagoge, wo Zion wohl noch in den Gebeten verblieben aber gewöhnlich von der Kanzel verbannt ist. Die Literaturvereine sind in eine „Union", die auch den schönen hebräischen Titel „Agudath Dorsche Da'at" führt, zusammengefaßt. Die Union besorgt für die Provinz Redner aus der Hauptstadt und weckt die Tätigkeit der Vereine durch jüdische Konferenzen in verschiedenen Teilen des Landes. Auch regt sie das Interesse so mancher hochstehenden Persönlichkeiten für die jüdische Literatur an. So ist dieses Jahr der Präsident der Union Sir Matthew Nathan, gewesener Gouverneur von Hongkong und Natal, General-Postmeister und jetziger Staatssekretär der Reichsfinanzen. Auf diesen Mann wurde hingewiesen, als einst von einem jüdischen Gouverneur eines jüdischen Ugandagebietes die Rede war. Seine Antrittsrede am nächsten Dienstag gilt den „Jüdischen Reisenden", und es ist interessant, festzustellen, daß der Vortrag unter dem Vorsitz des Mr. Elkan N. Adler, wohl dem bekanntesten „jüdischen Reisenden" der Gegenwart, stattfinden wird. Die Chief-Rabbi-Frage Die Chief Rabbi-Frage ist in ein neues Stadium getreten und wird gewiß bald ihre Erledigung finden. Dr. B. Drachm a n, aus New York, der neben Dr. Herz, New York, und Dr. Hyamson, London, als dritter Kandidat der Wahl- Kommission sich in England vorzustellen hatte, ist jetzt in London eingetroffen. Er hat schon eine Probepredigt in der Großen Synagoge gehalten, und wird hier ungefähr sechs Wochen verbleiben. Wie ich höre, hat er einen guten Eindruck auf verschiedene Kreise gemacht. Dr. Drachnian ist gebürtiger Amerikaner und hat seine theologische Bildung auf dem Breslauer Rabbinerseminar erworben. Er hat u. a. S. R. Hirschs „Neunzehn Briefe" ins Englische übersetzt, und seine streng konservative Richtung ist schon dadurch genügend gekennzeichnet, daß er im reformfreundlichen Amerika der Rabbiner einer ganz orthodoxen Gemeinde ist. Daß er ein reicher Mann ist, wird ihm auch gewiß von vielen als eine Tugend angerechnet werden. Jedenfalls ist die Stunde der Entscheidung ganz nahe, und die Gemeindegewaltigen werden sich für einen der genannten Herren entscheiden. Das Oberrabbinat der englischen Judenheit wird gewiß nicht mehr das sein, was es unter der Adler-Dynastie war, aber das muß als die natürliche Folge einer Entwicklung betrachtet werden, die früher oder später kommen mußte. Die Juden im Bukowinaer Landtag (Von unserem Berichterstatter.) C z e r n o w i t z. Der Bukowinaer Landtag, in welchem auf Grund der im Vorjahre durchgeführten Wahlen zehn jüdische Abgeordnete (darunter 2 vom jüdischen Großgrundbesitz) sitzen, wurde am 8. Oktober eröffnet, am 15. begannen die Sitzungen des Plenums. Für die Dauer der Landtagssession konstituierte sich eine besondere „jüdische Kurie" und in sämtliche (8) Ausschüsse, in welchen der bedeutendste Teil der Arbeit erledigt wird, wurde je einer von unseren Abgeordneten gewählt. Diese hatten denn diesmal sehr wichtige Interessen eines jüdischen Gewerbestandes zu vertreten, der bedauerlicherweise in der letzten Zeit großenteils an den Bettelstab gebracht worden ist. Selbstverständlich sind dies die j ü - dischen Schanker. Vor zwei Jahren wurde nämlich ein Landesgesetz sanktioniert, demgemäß ein Schank Steuerkontingent von 1000 000 Kronen fixiert worden ist. Dieses Gesetz traf DIE3^ELT