Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316557--56636-3350587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43 blETOELf 1323 ins Einvernehmen zu setzen, um in der jüdischen Gemeinde das Hilfswerk für den Roten Halbmond zu organisieren. Senator und Großrabbiner beschlossen, eine Spezialkommission zu diesem Zwecke zu bilden, die ihre Zweige in allen Vororten haben soll, und Delegierte aller hiesigen jüdischen Vereine einzuberufen. Der Medschliss dschismani beriet in außerordentlicher Sitzung über die Maßregeln zur Unterstützung der Familien der einberufenen jüdischen Soldaten und beschloß, der bereits seit vorigem Jahre bestehenden Hillskommission für Balat die Organisierung dieses Hilfswerks zu übertragen. Der erste jüdische Offizier aus Palästina, Herr Eisenberg, ist diese Woche auf den Kriegsschauplatz abgegangen. Unter den 17 Freiwilligen der juristischen Fakultät in Konstantinopel sind zwei Juden, Jecheskel R a b i n o w i t z und Zewi Cohen. Andere Juden, darunter russische, haben sich als Freiwillige für den Roten Halbmond eintragen lassen und gehen auf den Kriegsschauplatz ab. Die Hilfsaktion für die Erdbebengeschädigten Die jüdische Hilfskommission hat ihre Vorarbeiten ziemlich beendigt. Man hat beschlossen, zu allererst die Aktion in Gallipoli vorzunehmen, wo keine Unterkunftsstätten vorhanden sind wie in Tschorlu. Die Kommission hat daher für die Reparaturen der beschädigten Häuser der Armen in Gallipoli die ersten 24 000 Francs angewiesen, und die Bauarbeiten haben bereits ihren Anfang genommen. Das Exekutivkomitee des Ordens Bne-Berith in Chicago hat neue 2500 Frcs. an die Hilfskommission überwiesen. Die Gesamtsumme der eingelaufenen Gelder beträgt jetzt 50 000 Frcs. Rückkehr des Großrabbiners Der Großrabbiner Ha im Nahum Effendi ist vergangenen Mittwoch von seiner Europareise zurückgekehrt. Der Sieg der Warschauer Juden (Von unserem Berichterstatter.) Warschau. Nach den vielen Enttäuschungen, die uns die nunmehr zu Ende gehende Wahlkampagne brachte, ist es eine besondere Genugtuung, einen glänzenden Sieg, den das Judentum, genauer: das nationale Judentum Warschaus davongetragen, zu verzeichnen. Wie wir bereits berichtet haben, lagen die Verhältnisse in Warschau so, daß sich die Vertreter der verschiedenen jüdischen Gruppen bereit erklärt hatten, das Warschauer Mandat trotz der Ueberzahl der jüdischen Wähler einem Polen zu überlassen mit der einzigen Bedingung, daß dieser das Prinzip der jüdischen Gleichberechtigung anerkenn«. Da sich aber kein von irgendeiner polnischen Partei aufgestellter oder unterstützter Kandidat finden ließ, der diese Bedingung akzeptieren wollte, so sahen sich die Vertreter des organisierten Nationaljudentums veranlaßt, wider ihren eigenen Willen den Kampf aufzunehmen und eine eigene Wahlmännerliste aufzustellen. Eine höchst lächerliche Stellung nahmen die „Polen mosaischen Glaubens" ein. Sie machten anfangs den Versuch, den ruhigen Antisemiten Kucharzevvski gegen den wütenden Antisemiten Dmowski zu unterstützen. Die Entrüstung der jüdischen öffentlichen Meinung schlug aber die nicht gerade tapfere Gesellschaft aus ihrer Position und sie proklamierte Wahlenthaltung, während sie andererseits die Wahlliste der Nationaljuden eifrig bekämpfte. Da wurden aber die polnischen „Herren" unwillig ob diesem Verrat an der polnischen Sache. Flugs duckten sich nun die israelitischen Polen und annullierten die Abstinenzerklärung. Wenige Tage vor den Wahlen wurde von den Führern der Assimilanten feierlich die Erklärung abgegeben, daß sie ihren Standpunkt geändert hätten und nunmehr Kucharzc vv s k i tatkräftig unterstützen würden. Diese Unterstützung nutzte aber nicht viel. Umsonst hatte der famose Herr N a t h a n s o h n am Kol-Nidre-Abend in einer polnischen Wahlversammlung für die „Chassidim" feierlich die Garantie übernommen und die Nationaljuden gleichzeitig als geringfügige Radaumachergruppe hingestellt: Die Wahlen brachten ihm und seinen edlen „Herren" eine totale Niederlage. Unter den achtzig Wahlmännern, die am 15. Oktober gewählt wurden und die aus ihrer Mitte den Dumaabgeordneten stellen, sind 11 Parteigänger Dmowskis (Dmowski selbst fiel übrigens durch), 22 Parteigänger Kucharzewskis und 47 Nationaljuden. 1) i e Juden haben also die absolute Mehrheit und können über das Warschauer Mandat nach Gutdünken verfügen. Von 15 Stadtteilen haben die Juden nur für 10 eigene Wahllisten aufgestellt - die anderen haben sehr wenig Juden aufzuweisen - und in S Vierteln siegten ihre Listen vollständig. Die edlen Polen, die es bis zum letzten Tage ablehnten, mit den Juden überhaupt in Verhandlungen zu treten, sind geschlagen und ihre jüdischen Handlanger, die ihnen immer weismachen, die wahren Vertreter der jüdischen öffentlichen Meinung zu sein, gedemütigt. Die Wahlen in Lodz Zu gleicher Zeit wie in Warschau fanden auch in L o d z die Wahlen der Wahlmänner statt. Hier war die Situation von vornherein viel einfacher und klarer. Sobald es sich herausstellte, daß die jüdischen Wähler hier die Mehrheit hatten, wurde mit anerkennenswerter Einmütigkeit allgemein die Ansicht vertreten, daß es lächerliche Selbstentäußerung wäre, die Vertretung dieser jüdisch-polnisch-deutschen Stadt freiwillig einem Nichtjuden zu überlassen. Die jüdische Liste j*ing glänzend durch. Von 80 Wahlmännern sind 51 Juden; die übrigen 29 Plätze wurden unter Polen und Deutschen verteilt. Die Wahl des national-jüdischen Kandidaten Dr. Bomasch, der übrigens der einzige jüdische Kandidat ist, erscheint somit gesichert. Schade nur, daß die rhethorischen Mittel des Herrn Bomasch für die verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe eines jüdischen Dumaabgeordneten etwas bescheiden sind. Leider sind auch in der Liste der jüdischen Wahlmänner Warschaus keine imponierenden Redner zu finden. Dies ist um so bedauerlicher, als auch die übrigen wenigen jüdischen Kandidaten, die gute Aussichten haben, nicht gerade zu den glänzenden Rednern und Politikern zählen. Unser glänzendster und fähigster Kandidat — Wladimir J a b o t i n s k y in Odessa — ist leider, nachdem die Veröffentlichung der famosen Wahllisten Odessas die Aussichtslosigkeit der jüdischen Kandidatur in der zweiten Kurie Odessas dargetan hatte, zurückgetreten. Auch Grusenberg, der gleichfalls zu unseren besten Rednern gehört, hat keine Aussichten, gewählt zu werden. Zur Affäre Justschinski Kiew. Vor einigen Tagen hat hier der Justizminister Stscheg- 1 o w i t o w geweilt und sich mit dem Ritualmordprozeß beschäftigt. Man hatte allgemein mit Bestimmtheit damit gerechnet, daß die Anwesenheit des Justizministers in Kiew