Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1322 die: nur. bestehen bleiben kann, wenn den einzelnen Nationen des Reiches eine gewisse nationale Selbständigkeit gewährt wird. Hier blüht ja auch die Hoffnung des jüdischen Volkes. Es wäre daher durchaus möglich, daß die junge Türkei dazu gelangt, auch ihren europäischen Besitzstand zu reformieren und die Nationalitäten der balkanischen Provinzen zu einem lebendigen Teil des Reichsganzen zu machen. Bedenkt man, daß in der europäischen Türkei von rund ö Millionen Einwohnern ziemlich 3 Millionen Mohammedaner sind, und daß, um speziell mazedonische Verhältnisse zu berücksichtigen, von 3 Millionen Einwohnern (die in f>--8 Nationalitäten zerfallen), etwa 1300 000 Mohammedaner (darunter 500 000 mohammedanische Türken) und 63 000 Juden sind, daß also nur etwa die Hälfte der Einwohner der europäischen Türkei den verschiedenen christlichen Konfessionen angehört, so rückt der „Kreuzzug", der die Türkei aus Europa vertreiben soll, in ein eigentümliches Licht. Die entscheidende Bedeutung des jetzigen Krieges für die Aufrechterhaltung ihres europäischen Besitzstandes wird die Türken jedenfalls zur äußersten Kraftanstrengung treiben. Der Ausgang ist freilich völlig ungewiß und niemand [ELT-- Nr. 43 vermag die Konsequenzen zu übersehen, die Sieg oder Niederlage der Parteien für die Politik der Großmächte nach sich ziehen wird. Sollte es aber der Türkei gelingen, ihren europäischen Besitzstand zu wahren, so wird sie im eigenen Interesse die verlangten Reformen durchführen müssen. Sonst würde sich doch' über kurz oder lang die Lehre von Tripolis wiederholen: Daß ein Herrenvolk nur dann fremdnationale Gebiete dauernd besitzen kann, wenn es diese Gebiete durch gute Verwaltung, Schonung der nationalen Besonderheiten, durch Belebung von Handel und Verkehr zu einem dem Reichsganzen organisch eingegliederten Bestandteil macht. Wenn die Balkanstämme kulturell und wirtschaftlich durch eine starke Zentralregierung gefördert werden, so dürfte ihnen — insbesondere den Mohammedanern — die Zugehörigkeit zur Türkei erwünschter erscheinen, als die Aufteilung unter europäische Staaten. Dies ist der Weg, den die türkische Regierung beschreiten muß, um das Erbe der Vergangenheit in Wahrheit zu erwerben und zu besitzen. Dieses Programm bedeutet auch die Förderung der jüdischen Immigration und der jüdischen Kolonisation Palästinas. R. L. IL □□□□DD WELTCHRONIK o^D 6 Die türkischen Juden und der Krieg (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Die Juden des türkischen Reiches sind von den heißesten Wünschen für den Erfolg der osmanischen Waffen erfüllt. F:s wird nun auch das erstemal sein, daß sie mit ihrem Blut für den Sieg ihres Vaterlandes eintreten werden. Im Vororte Haskoy, in der Synagoge „Mizrahi", hat vergangene Woche ein großes jüdisches Meeting stattgefunden, an dem wohl 5000 Personen teilgenommen haben mögen. Mehrere jüdische und ein muselmanischer Redner hielten begeisterte patriotische Ansprachen. Eine Gruppe jüdischer Frauen und Mädchen des Vorortes Kusgundschuk bildete ein Propaganda-Komitee für den Roten Halbmond. Die jüdischen Studierenden der Hauptstadt haben eine Gruppe formiert, die sich korporativ zum Samariterdienst im Felde melden will. In Saloniki hat sich ein jüdisches Freiwilligenkorps gebildet. Hie Schüler der Allianzschule in Haifa haben eine Sammlung für den Kriegsfonds veranstaltet, die dem Direktor den besonderen Dank des Wali eintrug. — Zu diesen Kundgebungen hat sich der Appell gesellt, den der Großrabbiner von Saloniki, Jacob M e i r, in allen Synagogen \ erlesen ließ, sowie die zahlreiche Teilnahme jüdischer Frauen und Mädchen in Konstantinopel an den Samariterkursen und sonstigen Arbeiten für den Samariterdienst. Das jüdische Hospital in unserem Vororte Balat hat einen Teil seiner Räumlichkeiten und Betten für die Pflege der Verwundeten frei gemacht und wird voraussichtlich demnächst ebenfalls einen Samariterkursus für jüdische Hörer und Hörerinnen eröffnen. Trotz all dieser Zeichen vaterländischer Gesinnung sind hier doch Verhältnisse eingetreten, die den Juden den Kriegsdienst nicht in jedem Falle als Ehre und Glück erscheinen lassen konnten. Wie man weiß, sind bis vor dreieinhalb Jahren die nichtmohammedanischen Völkerschaften vom türkischen Heeresdienste frei gewesen. Seitdem hat unsere Jungmannschaft, genau wie die aller übrigen Nationalitäten, mit Eifer und schönem Erfolge ihre Pflicht getan und tut sie auch jetzt, indem sie die Scharen des zweiten Aufgebotes im Felde vermehrt. Die türkische Regierung hatte nun aber im Gefolge der allgemeinen Mobilisierung eine Maßregel getroffen, die für die Nichtmohammedaner ein schwerer Schlag werden mußte. Sie hat in dem begreiflichen Streben, die Zahl der Reservisten soweit als möglich zu erhöhen, auch alle Männer im Alter von 29 bis 45 Jahren als Reservisten erklärt, die sich demnach ebenfalls zum Kriegsdienste zu melden haben. Nun haben aber die nichtmohammedanischen Männer dieser Altersstufen keinerlei militärische Ausbildung hinter sich; sie haben nie gedient, ihr Körper ist gegen die Anforderungen des Krieges nicht abgehärtet; auch haben sie die Ablösung ihres Militärdienstes in früheren Jahren bereits in Geld erlegt. Ihre Einberufung bedeutet daher für alle diese, zum größten Teil Ernährer zahlreicher blutarmer Familien, eine Katastrophe. Angesichts dieser Lage haben die Patriarchate sämtlicher christlichen Reichsvölker wiederholte und energische Schritte beim Kriegsministerium und dem Gesamtkabinette unternommen, um diese Einberufung rückgängig zu machen. Auch das Großrabbinat hatte sich diesen Schritten angeschlossen. Kürzlich wußte denn auch die offiziöse „Agence Ottomane" zu verkünden, daß die Regierung den Standpunkt der nichtmohammedanischen Völker als berechtigt anerkannt und die Dienstfreiheit ihrer 29- bis 45-Jährigen angeordnet habe. Leider sind noch in letzter Stunde Zweifel an der Authentizität dieser Meldung aufgetaucht, denn die Militärbehörden erklären, bisher keine entsprechende Weisung vom Kriegsministerium empfangen zu haben und fahren immer noch fort, die gleichen Altersklassen aller Nationalitäten für den Waffendienst zu registrieren. Für das Vaterland Der Großrabbiner erhielt vom Präsidenten des Roten Halbmond die Einladung, sich mit Senator Behor E f f e n d i