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Die Welt · 1912-10-25 · 43 (25.10.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
43 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DI BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRÖ. BERLIN, 25. Oktober 1912 Uni^l? T'Dnn 'X pt^niD Y'> ^2 Nr. 43. KREUZZUGr An den nationalen Kämpfen, die sich im Laufe der letzten 100 Jahre in Europa abgespielt haben, sind zahlreiche Angehörige des jüdischen Volkes beteiligt gewesen. Die Emanzipation brachte den Juden viele Rechte und alle Pflichten des Staatsbürgers, und sie haben stets gezeigt, daß sie diese Pflichten mit tiefem Ernst erfaßten. Der Staat ist die Organisationsform der modernen Menschheit, und wenn das eiserne Würfelspiel gewagt werden muß, weil seine Lebensinteressen es fordern, so muß der Bürger den blutigen Weg der Pflicht und Ehre beschreiten. Im Kampfe gegen unsere jüdischen Gegner haben wir oft erklärt, daß Staat und Nation nicht identische Begriffe sind und daß das nationale Ideal nicht mit dem staatsbürgerlichen verwechselt werden dürfe. Glücklich die Nationen, die ihren eigenen Staat haben, glücklich die Staaten, die auf der Grundlage nur einer Nation errichtet sind! In solchen Staaten verschmilzt Bürgerpflicht mit nationalem Ideal zur Einheit und aller Zwiespalt der Empfindungen wird vermieden. Doch gibt es Staaten, wie die Schweiz, die mehrere Nationen umfassen, und es gibt Nationen, wie die Polen, die in verschiedenen Staaten zerstreut leben. Die Juden haben das Schicksal erlitten, nach dem Verlust ihres eigenen politischen Gemeinwesens über die ganze Welt zerstreut zu werden, und so sehen wir sie heute als Bürger fast aller Staaten der Erde. Auch in dem Balkankriege, dessen Zeugen wir sind, werden sich Juden als Angehörige aller kriegführenden Staaten gegenüberstehen, und sie werden ihre Pflicht erfüllen. Die Türkei und Bulgarien, die beiden Hauptgegner in diesem Ringen, haben ihre jüdischen Untertanen stets mit wohlwollender Gerechtigkeit behandelt und dürfen auf ihre Treue bauen. An Zahl sind unsere Stammesbrüder in der Türkei freilich weit stärker vertreten, als in den kriegführenden Balkanstaaten, denn diese zählen insgesamt nur etwa 50 000 Juden, während im Gesamtgebiete der Türkei rund 500 000, in der europäischen Türkei an 200 000 Juden leben. Für das osmanische Judentum gewinnt das Schicksal der Türkei noch eine besondere, über das staatsbürgerliche Interesse hinausgehende Bedeutung, denn das Land der jüdischen Vergangenheit und der jüdischen Zukunft ist ein Teil dieses Reiches, und sein Schicksal ist an das der Gesamtmonarchie geknüpft. Auf türkischem Boden soll sich die Renaissance des Judentums vollziehen, und cliese Hoffnung schafft einen Zusammenhang von besonderer Art zwischen Judentum und Osmanentum. — Wenn nun der große Entscheidungskampf um die europäischen Provinzen der Türkei entbrannt ist, so muß es entschieden verurteilt, werden, daß dieser Kampf durch die Proklamationen der Balkanstaaten zu einem religiösen Kriege gestempelt wurde. Was die Balkanvölker zum Kriege trieb, war nationaler Ehrgeiz, war Eroberungsdrang. Die Zeit der Kreuzzüge ist endgültig vorüber, und selbst wenn man die Absicht der slawischen Staaten, ihre Stammesgenossen von der türkischen Herrschaft zu befreien, begreiflich finden kann, so muß die Aufpeitschung des religiösen Hasses, wie sie in dem bulgarischen Kriegsmanifest versucht wird, höchst unsympathisch berühren. Es klingt uns Juden nicht angenehm in die Ohren, wenn das Christentum angerufen wird, bevor das Morden beginnt. Dieser Ruf weckt schreckliche Erinnerungen und sollte im Europa des 20. Jahrhunderts nicht mehr vernommen werden. Die ruhige Würde des Tones, in dem die Proklamation des Sultans an die türkische Armee gehalten ist, steht dazu in merklichem Gegensatz und läßt in uns allerlei Gedanken über orientalische Kultur und europäische Zivilisation wach werden. Ob die Vernichtung der türkischen Herrschaft in Europa wirklich jenen ersehnten Zustand der Ruhe und des kulturellen Fortschritts auf dem Balkan zur Folge haben würde, steht dahin. Es ist wahr, daß die Türkei keinen ernsthaften Versuch unternommen hat, durch Reformen die Entwicklung ihrer europäischen Provinzen zu : fördern. Doch muß gerechterweise gesagt werden, daß man ihr zu diesen Reformen nicht die nötige Zeit gelassen hat, und es darf als fraglich bezeichnet werden, ob die Ausdehnung Bulgariens und Serbiens auf Kosten der Türkei die Balkankrise beenden wird. Die Verschiedenheit der Nationalitäten und religiösen Bekenntnisse in den umstrittenen Gebieten läßt hieran Zweifel entstehen. Die Türkei ist ein Nationalitätenstaat, und ihre leitenden Persönlichkeiten beginnen einzusehen, daß sie

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