Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 41 DIEl&ELT 1267 wird. Diese ewige Antinomie gehört zum Wesen der Religiosität, sie ist es, die in Sinn und Gegensinn den religiösen Enthusiasmus erzeugte. Aber gerade der Enthusiasmus war in demselben Maße, in dem der religiöse Inhalt ins Schwanken geraten war, einer ganzen Generation allmählich verloren gegangen. Sie war glaubenslos geworden, und statt dessen „wissenschaftlich" gerichtet, vielfach gerade jener positivistischen Wissenschaftlichkeit ergeben, die, ihrem Namen zum Trotz, vielfach einen kleinlichen und negierenden Geist erzeugte. Den Enthusiasmus aber, in dem die selbstsüchtige und in tieferem Sinne selbstmordende Eigensucht, in dem alle sterile Intelligenz wegschmilzt wie der Schnee an der Frühlingssonne, diesen Enthusiasmus erweckte der Zionismus wieder. In Herzls Schriften und auf dem Kongreß, in Volksversammlungen und Studentenvereinen erklang ein lange entbehrter Ton, ein Ton, der der religiösen Stimmung verwandt war, ja, der nicht anders als durch den Begriff des Religiösen charakterisiert werden kann. Es gibt wohl einzelne unter uns,, und es sind vielleicht nicht die schlechtesten, die die logische Erkenntnis zu Nationaljuden gemacht hat, andere, die den ganzen Jammer unseres Stammes gar nicht sehen, sondern naiv ihr Volkstum bejahen, aber beide Gruppen 4'eben der geistigen Bewegung des Nationaljudentums nicht ihr Gepräge. Das erhält sie von denen, die ingrimmig der Schwächen, der Zerrissenheit, ja der Gemeinheit gedenken, der der Jude verfallen ist, — und die mitten aus diesem Verfall ein Stück Ewigkeitsjudentum dichtend hervorbrechen sehen. Denn wir glauben an inser Volkstum. Das ist etwas anderes, als wenn wir erkennend sagten: wir wünschen, daß das Volkstum erhalten bleibe — es ist nötig, die russischen Juden in ihrem Daseinskampfe zu unterstützen — nur in der Rückkehr zum Ackerbau liegt die Gesundung des Judentums; das alles mag richtig sein, das neue nationale Judentum aber glaubt an sein Volkstum — nicht weil, sondern trotz — in einer religiösen Inbrunst, die nicht erst vom Verstände die Bestätigung erwartet. Der Kreis scheint geschlossen: was zum Inhalt der Religion gehörte, eine Orientierung im Ueberindividuellen, wird Inhalt des neuen Volksgefühls; die Form, in der man sich der Religion bemächtigt, der Glaube, ist auch die Form des nationalen Willens. Doch es fehlt noch eines, vielleicht das Wichtigste. Indem die Religion jenes eigentümliche Ineinander eines bestimmten Objektes und eines bestimmten Gefühles erforderte, hat sie sich besondere Gebilde geschaffen und umgestaltet, in denen beide Bedingungen erfüllt wurden: die religiösen Form e n. Erst durch sie wird die Religion die Beherrscherin der Seelen. Wenn im freien, formlosen Gebete die Seele ganz persönlich ihrem Gotte gegenübertrat, wenn überall da, wo ein überquellendes Gebetsbedürfnis die Menschen ergriff, die vereinheitlichende Kraft der Religion gelockert wurde, — so fand sie in der religiösen Form wieder Macht über die Gemeinde. Schon die Teilnahme vieler an einer gemeinsamen Aktion, die durch die feste Form ermöglicht wird, gewährt den Gefühlen des einzelnen eine ganz neue Intensität. Vor allem aber befriedigt die Form das ästhetische Bedürfnis des Menschen nach' Ausdruck, nach Gebärde. Unser alter Ritus ist voll davon: der Sederabend oder die Ssuckoh, Kol Nidre oder Freitagbend, überall öffnen die Sinne, Auge und Ohr, die Pforten, um den religiösen Inhalt in sich aufzunehmen. Denn alles Bestimmte, um eines schönen Wortes Jakob Burckhardts zu gedenken, hat ein Königsrecht gegenüber dem Dumpfen, Unsicheren und Anarchischen. In dem Wert, den das traditionelle Judentum auf die Form legte, war es auch begründet, daß man die Bedeutung der Dogmen leugnen konnte, sie schienen wirklich zurückzutreten gegenüber einem Judentum der Tat, wie man es nannte. Diejenigen irren durchaus, die der Meinung sind, daß die Form an sich erkältend, starr, antireligiös wirke. Der Kirchenstil und die Madonnenmalerei beweisen, wie gerade die feste Form tiefste künstlerische und religiöse Werte hervorbringt. Aber die großen Formen konnten ihren religiösen Stimmungswert nur behalten, solange sie als selbstverständlich galten, solange die Seele in ihnen sich bejaht, bereichert fühlte. Es kam die Zeit, wo man mühselig zu suchen begann, was sie eigentlich bedeuteten, was für ein verborgener Sinn in ihnen enthalten sei. Hier lag der Keim des Verfalls, ja, er war schon gegeben, als nur das Bedürfnis nach einem solchen Sinne der Formen erwachte. So kam es. daß die Masse des deutschen Judentums keine Form für ihr gemeinsames Gefühl mehr hatte, weil eben dieses Gefühl selber verblaßte — auch Sitzungen von Vertrauensmännern der Alliance konnten daran nichts ändern. Noch weniger half der Liberalismus, denn die Formen, die er an Stelle der alten setzte, entsprangen nicht einem lebendigen,, starken Gefühle, sondern waren von vornherein künstliche Gebilde, für weite Kreise vielleicht nützlich, doch eben ein dürftiger Notbehelf, der ebenso viel Schaden wie Nutzen stiftete. Und nun erzeugte auch das Nationaljudentum, kraft seines Aufschwunges, sich wieder die Formen, deren es bedurfte. An Stelle der verödeten Synagoge beginnt die Volksversammlung zu treten, wie einst aus der Volksversammlung die Synagoge sich gebildet hatte. Turn- und Studentenvereine sind keine bloßen Uebungsplätze der Muskeln und der Beredsamkeit, sie sind sich bewußt, einem großen Gefühle zu dienen. Und vor allem der Kongreß bedeutete wieder eine gewaltige Gefühlsgemeinschaft. Das sind alles keine Formen, die sich wirklich an Kraft mit den alten, religiösen schon vergleichen ließen, ----- wie könnte die Diaspora solche hervorbringen! Aber daß sie überhaupt da sind, und befruchtend, vertiefend, seelenerweckend wirken, das ist uns ein Stück Beruhigung in der Halbheit dieses Jahrhunderts. II. Wenn dem nun so ist, wenn in unsenn nationalen Streben sich Erscheinungen weisen, die dem religiösen Erlebnis zum mindesten verwandt sind, wie kommt es da, daß beide Parteien des religiösen Judentums, Orthodoxie und Liberalismus, sich abwehrend gegen uns verhalten, ja sogar eine entschiedene Kampfesstellung einnehmen? Schwerlich liegt es daran, daß die Religion ein weiteres Ziel hat, als das bloß Ueberindividuelle, daß sie im Ethischen, Kosmischen, Metaphysischen Stellung zu nehmen verlangt. Sie mußte doch empfinden, daß der Strom, der das Nationaljudentum trägt, im Grunde dem ihren verschwistert ist. Aber das ist es eben: gerade die Verwandtschaft erzeugte die Kampfesstimmung. Man kann, wir sehen es an tausend Beispielen, in seiner Forschungsarbeit ein wissenschaftlicher Denker und doch in seinen religiösen Bedürfnissen voller Voraussetzungen sein, man kann in seiner praktischen Tätigkeit dem Tage und" in den religiösen Feierstunden dem Herrn dienen, — denn es handelt sich hier vielfach um Linien, die sich gar nicht schneiden. Das Erwerbsleben, die Politik, die Forschung, die Religion spielen sich, oder können sich doch in so verschiedenen Provinzen der Seele ab-