Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316555--56589-3350473- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
12Ö8 DIE3MELT: Nr. 41 spielen, daß ein Konflikt gar nicht in Frage kommt. Die Orthodoxie ist freilich infolge der Ausbreitung des nationalen Gedankens nicht mehr das Mittel der Erhaltung, verliert also an Wert für das Volksganze; als Erfüllung der religiösen Bedürfnisse des einzelnen behält sie ihre alte Stelle. Der Liberalismus muß freilich den Gedanken seiner Autarkie, den Wahn, daß er ein ganzes Menschenleben ausfüllen könne, aufgeben; seine wissenschaftlichen, ethischen, ästhetischen Forderungen können in der Seele des Nationaljuden denselben Wiederklang wie in der des Assimilanten finden. Wenn die Juden für die Bcsiedelung Palästinas eintreten, oder für ein russisches Hilfswerk, oder für den Bau eines Technikums, das mag in seinen Konsequenzen für die herrschende Religiosität verhängnisvoll sein, wir wissen es nicht, — vorläufig berührt es sie gar nicht, weil ihre Schwingungen in ganz anderen Ebenen verlaufen. Aber eben weil das Nationaljudentuin nach seinem Ziel, seiner Gefühlserregung, seinem Willen zur Form der religiösen Bewegung so nahe steht, mußte aus dem Gegensatz ein Kampfeseifer werden. Dieser Eifer ist vorläufig verständlich. Ist doch nicht zu verkennen, daß die verwandten Strömungen und Gebilde hier auf ein Ziel hinwirken,, das bis vor kurzem der Religion zu widersprechen schien. Wir berufen uns auf das Blut, also auf die Natur, die Triebe, - und gerade die galten der Religion als so überaus fragwürdig; unsere Impulse gehen auf Organisation, auf öffentlich-rechtliche Sicherung, auf das Judentum als einen reinlichen Machtfaktor, und gerade alles Machtstreben wurde bisher von der Religion am entschiedensten verdammt. Die Orthodoxie fürchtet, daß die traditionellen Werte verlieren, wenn der Enthusiasmus sich neue Ziele setzt; der Liberalismus verlangt nichts als ethische Vertiefung und beruft sich mit einigem Recht auf die Propheten, die zweifellos das staatliche Dasein zwar voraussetzen, aber keineswegs in ihm einen religiösen oder sittlichen Wert erblicken. Es ist wahr: „alle Macht ist böse," und das Blut ist kein sittlicher Faktor. Dennoch: wir glauben jetzt schon zu sehen, daß in der nationalen Bewegung eine Glut erwacht ist, heißer, innerlicher, lebenspendender als in irgendeiner anderen Richtung des gegenwärtigen Judentums. Alle Macht ist böse, aber der Wille eines Volkes, sich durchzusetzen, hat von jeher die heiligsten und tiefsten Strebungen erzeugt; das Blut ist nicht sittlich, aber alle Sittlichkeit wandelt die sonderbarsten Irrwege, wenn sie sich den Banden des Blutes zu entziehen strebt. Unsere Seele kommt aus der Tiefe der Gegensätzlichkeiten nicht heraus, wagen wir es denn, diese Gegensätzlichkeit zu leben! Die Entwicklung, von der das nationale Judentum nur das erste und deutlichste Symptom war, ist nicht isoliert, in beiden spezifisch religiösen Parteien ist neues Leben erwacht. Die Orthodoxie erstrebt, wie seit langem, eine einheitliche und in sich geschlossene Weltanschauung, der Liberalismus sucht sich an Ewiokeitsdenkern, wie Plato, Kant, Goethe, neu zu orientieren und zu vertiefen. Wir schlagen nicht stolz an unsere Brust und rufen: Sehet, das ist unser Werk; der Ruhm der Anciennität lockt uns nur wenig. Wir sind froh in dem Bewußtsein, daß die lange verschüttete Quelle, aus der wir Wasser lebendigen Lebens schöpfen, auch andere neu erquickt, — die Quelle der tiefbegründeten Weitanschauung und des Enthusiasmus. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Der Nationalismus wird, obwohl er in seiner heutigen Gestalt so vielfach aus religiösen Quellen gespeist wird, nicht Religion sein wollen oder können. Er wird aber in unsern Zeiten der inneren Erregung der Sammelpunkt für alle diese Bestrebungen sein müssen. Denn weder Orthodoxie noch Liberalismus sind imstande, allein für sich das Leben des einzelnen zu gestalten. Die Orthodoxie, gebunden an eine Weisheit, die nicht die unsere ist, an Formen, die der künstlichen Einprägung und der gedanklichen Erklärung bedürfen, kann in Westeuropa sich zwar organisieren, sich wohl auch verinnerlichen, aber keine Lebensfülle entfalten. Daß der nationale Gedanke an sich ihr frisches Blut zuführt, ist, — von Einzelheiten abgesehen, —- äußerst fraglich, wohl aber weist er ihr ein Ziel, denn erst inmitten eines natürlichen Volkslebens könnten ihre Lehren den ganzen Menschen zu umfassen suchen, ihre Formen Ausdruck der daseinsfrohen Gesamtpersönlichkeit sein. Vollends der Liberalismus! Ich denke nicht daran, ihn etwa mit den Idealen des Zentral¬ oder Abwehrvereins zu identifizieren. Die Masse der liberalen Juden mag sich von den Gesichtspunkten äußerer Politik und gedankenloser Bequemlichkeit leiten lassen, die — wenigen - religiösen Liberalen suchen ernsthaft nach einem Ausdruck für den inneren Menschen der Gegenwart. Indem sie aber ihre Forderungen an den nirgends existierenden Menschen an sich richten, entziehen sie sich selbst den Boden. Wenn überhaupt eine religiöse Wiedergeburt, fruchtbar und unverkrüppelt, entstehen soll, so wird sie die Erfüllung der nationalen Sehnsucht zur Grundlage haben. In seiner geistreichen Theorie der Tragödie weist Aristoteles darauf hin, daß die menschliche Seele durch den Ueberschuß an ziellosen Strebungen der Sympathie in Spannung versetzt sei und durch die Tragödie in Furcht und Mitleid entladen werde. Die Auffassung läßt sich, wie schon Groos in seiner Lehre vom Spiel gesehen hat, erweitern. In uns ist heute eine Fülle von religiösen Spannungen, die des Zieles entbehren, — Friedrich Naumann spricht einmal in ähnlichem Zusammenhange von heimatlosen Gefühlen. Er vergleicht sie einem Weinstock, dessen Reben wie verlorenes Laub am Boden liegen, während die Wand, an der sie sich emporgerankt hatten, durch neues Gemäuer ersetzt wird. Unser richtungsloser Enthusiasmus, unsere Sehnsucht nach Hingabe, unser Persönlichkeitsdrang, — alles dieses Ge woge von Gefühlen findet eine neue Heimat im nationaler Judentum. Das Actions-Comite hat den Schluß des Schekeljahres auf den 31. Oktober 1912 festgesetzt. Die Landes- und Sonderverbände werden daher dringend gebeten, die Schekelsammlung in den nächsten Wochen zum Abschluß zu bringen und die eingehenden Beträge nach London oder Berlin zu überweisen.