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Die Welt · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1266 DlEl^KELT- > Nr. 41 Der religiöse Trieb und die Nation Von Moses Calvary, Crossen a. O. I. Seit 1800 kehrte sich ein großer Teil der deutschen Juden von dem religiösen Leben ab. Es ist hier nicht der Ort, den Grund dieser Erscheinung zu untersuchen. Dem einen fehlte vielleicht die Kraft und der Wille der Entsagung, andere hatten rationalistische Bedenken, mancher gab die alte Form auf, weil seinem Gefühlsleben diese .Welt zu enge ward. Damit schwand aber auch'ein positiver Wert. Man hat, nicht ganz mit Unrecht, oft gesagt, daß der Religion im Grunde die Erhaltung des Judentums durch die Jahrhunderte hindurch zu verdanken sei. Sie besaß für die Judenheit im Kampfe ums Dasein biologisch etwa die Bedeutung der Schale für die Muscheltiere. Es geht uns liier nichts an, ob die jüdische Religion innerhalb der Jahrtausende stets dieselbe geblieben ist — dem aufmerksamen Leser der spärlichen mittelalterlichen jüdischen Profanliteratur kann nicht entgehen, daß die Stimmung des gegenwärtigen traditionellen Judentums zwar lange vorbereitet war, aber doch erst einige Jahrhunderte alt ist — wir haben es eben mit dieser Stimmung zu tun. Welche Werte enthält sie, und inwieweit kann und will der deutsche Zionismus den Verlust ausgleichen? Um die Frage zu beantworten, wird es nötig sein, sich über den religiösen Trieb überhaupt und seine Bedeutung für den Juden der Gegenwart klar zu werden. Es gibt in allen Religionen Zeiten, in denen das Dogmatische, der Glaubenssatz, mit aller Entschiedenheit betont wird; Zeiten auch, in denen es in den Hintergrund tritt. Aber ganz konnte keine historische Religion bisher dieses Elementes entbehren. Es wird nicht immer, wie im Christentum der nachlutherischen Orthodoxie, als eigentlicher Brennpunkt der Religion empfunden, — aber indem die Religion neben der Kunst, der Wissenschaft, der Gesellschaft, dem Staate einen besonderen Komplex geistigen Daseins behauptet, bedarf sie, wie diese, eines bestimmten Objektes. Sei dieses nun Gott, Sittlichkeit, selbst irgendein historisches Geschehnis, immer werden die religiösen Gefühle an einem bestimmten Inhalt nicht sowohl haften, wie diesen Inhalt mit Notwendigkeit erzeugen. Wo wir deutlich und kenntlich von andern Lebensformen unterschieden, Religion wahrnehmen, weist sie irgendwie auf ein überindividuelles Dasein hin, auf ein Dasein, das eben der Erfahrung nicht gegeben ist. Gnade und Erlösung, Weltschöpfung und Weltende, Freiheit und Notwendigkeit, — an solche Begriffe rankte sich das Denken des religiös empfindenden Menschen, um irgendwo und irgendwie in das Gottesbewußtsein zu münden. Erst durch diese Objektiviertheit, durch den Hinweis auf den einen, von irdischen Nebeln ungetrübten Stern gewinnt der Fromme jene beseligende Sicherheit, die ihm ein haltloses religiöses Gefühlsgewoge nimmermehr gewähren könnte. Als nun seit den Zeiten der Renaissance das Diesseits mit immer stärkerer Wucht und Größe den Menschen umfaßte, als die Zeit der Aufklärung Gott in so weite und erhabene Ferne rückte, daß er menschlichem Bewußtsein eigentlich unerreichbar wurde, — da traf die Juden, die langsam in diese Entwicklung hineingewachsen waren, auch von hier aus ihr Schicksal. Sie hatten ja seit Jahrhunderten kaum einen anderen Inhalt ihres jüdischen Denkens als den religiösen. Innerhalb der religiösen Begriffe hatten sie eine gewisse jüdische Selbständigkeit, wenn auch nicht ohne starke Einflüsse von außen, immerhin zu bewahren gewußt; nun standen sie vor der Tatsache, daß es in dem Kampfe um die Religion, den sie geführt hatten, gar nicht mehr Partei zu nehmen galt, weil beiden Kämpfern der Boden entzogen war. Im Anschluß an Europa fand ihr Denken, auch soweit es religiös interessiert war, Inhalte genug, aber es war kein gemeinsamer jüdischer Inhalt mehr. Das Judentum begann zu zerflattern; der Jude, vom Geiste der Aufklärung ergriffen, wird zum Individualisten. Aber der Mensch der Gegenwart sehnt sich wieder mit allen Trieben aus der Vereinzelung heraus. Diese Sehnsucht hatte in unvordenklichen Zeiten neben Staat und Gesellschaft auch Religion erzeugt und fortentwickeln helfen, sie ist es, die den modernen Juden zum Nationaljuden macht. Schon S i ni m e I hat ganz im allgemeinen auf die Analogie hingewiesen, die zwischen dem Verhalten des einzelnen zur sozialen Allgemeinheit und dem zur Gottheit besteht, da in beiden Beziehungen dasselbe Verhältnis von Unterworfenheit und. Freiheit, von Losgelöstheit und Umfaßtsein herrscht. In der Nation ist uns wieder, wie im religiösen Glaubenssatz, ein überindividueller Inhalt gegeben. Auch sie weist uns aus dem Schwanken unserer Stimmungen, Meinungen, Handlungen auf ein Jenseits unserer Persönlichkeit, in dem wir uns bergen mögen, — auf Gemeinsamkeiten des Blutes und der Seele, die unserm klaren Willen entzogen, uns die Ruhe und Sicherheit verschaffen, die der religiöse Mensch besaß und die ein ewig waches Bewußtsein uns geraubt hat. Und wenn die andern Inhalte unseres Daseins allgemeines Menschengut sind, so erfüllt die Nation uns gegenüber auch wieder dieselbe Funktion, der einst die Religion mitdiente: sie führt wieder zu einer Einheit des Judentums zurück, stärker, als es etwa allgemeine Grundsätze von Solidarität und Zionsliebe vermocht hätten. Doch die inhaltlichen Bestimmtheiten der Religion genügen bei weitem nicht, sie zu charakterisieren; es ist ein ganz bestimmtes Verhalten der Seele, das wir religiös nennen. In der Ekstase der Mystik gewinnt es seinen überschäumendsten, vollsten, in der Frömmigkeit einiger Psalmen seinen reinsten, einfachsten Ausdruck. Es ist überaus schwer, diesem Gefühl gedanklich nahe zu kommen. Daß der religiöse Glaube kein einfaches Fürwahrhalten sei, lehrt die primitivste Betrachtung. Schon in der Religion der Naturvölker ringen Angst und Bewunderung miteinander, das rein religiöse Denken gipfelt in dem ungeheuerlichen credo quia absurdum, in zusammengeballter Erregung und friedevoller Beseligung verläuft dem Frommen unser Jomkippur. Aufruhr der Seele und gleichzeitiges Insichbeschlossensein, auf einen Punkt starrendes, zerwühlendes Denken und triumphierender Verzicht auf eben dieses Denken, — welcher Religiöse hätte das noch nicht erlebt! Es scheint, daß gerade die Widersprüche nötig sind, um die gewaltige Spannung der Seele zu erzeugen, die der religiösen Erregung mehr als irgendeiner andern eigen ist. Und wo der religiöse Mensch zur Ruhe gekommen zu sein scheint, und schlechthin der Gottheit sich vertrauend hingibt, eben da haben wir den tiefsten Widerspruch, daß der Mensch gerade in dieser Hingabe, in der scheinbaren Auflösung und dem Zerfließen in ein Allgemeines, weit entfernt, sich zu verlieren, im Gegenteil seiner Persönlichkeit um so sicherer

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