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Die Welt · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1264 DIE3qKELT Nr. 41 aber gar nicht an eine Berücksichtigung der bescheidensten jüdischen Forderungen. Dem Vernehmen nach wollen sie den Juden, die fasl 11 " ■» der ganzen Bevölkerung ausmachen und den verhältnismalhg stärksten Anteil an der direkten Steuerleistung des Landes haben, kaum 5 oder 6 von den 204 Landtagsniandaten gewähren, wovon noch 3 Mandate erst im Wege der nicht gesicherten jüdischen Majoritäten in den galizischen Handelskaminern zu erlangen wären. Ferner wird von den polnischen Parteien die Schaffung eines polnischen und ruthenischen Wahlkatasters verlangt, wobei die Juden in den polnischen Kataster einverleibt werden sollen. In den letzten Tagen hat gegen diese Stellungnahme der polnischen .Machthaber insbesondere die galizische poale-zion istische Partei eine rege Agitation im Lande entwickelt. In mehreren Städten wurden jüdische Volksversammlungen abgehalten, und überall wurde energisch gegen die anti-jüdische Politik der polnischen .Machthaber, wie auch gegen die Haltung der assimilatorischen Landtagsabgeordneten protestiert. Auch die zionistische Partei will in der nächsten Zeit solche Protestversanunlu ngen einberufen, insbesondere auch deshalb, um die Cileichgültigkcit, die sich in dieser für die galizischen Juden so wichtigen Frage leider bemerkbar macht, zu beseitigen und die jüdischen Massen im geeigneten Momente zu einer energischen Aktion aufzurütteln. Der jüdische Religionsunterricht in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) B u d a p e s t. Anknüpfend an die Tatsache, daß sich das Ministerium für Kultus und Fnterricht mit der Idee der Verstaatlichung des gesamten Religionsunterrichts befaßt, veröffentlicht der Fachinspektor der Pester Kultusgenieinde, Prof. Dr. Max Weih, in der vom Generalsekretär der Gemeinde, Dr. Julius Weißburg, trefflich geleiteten Monatsschrift „Hitközsegi Szemle" (Gemeinde-Rundschau) einen Aufsatz, welcher mit anerkennenswerter Offenheit die Unzulänglichkeit des Religionsunterrichts feststellt und mit scharfen Worten sich gegen die hier herrschenden Zustände wendet. Der Verfasser kommt zu dem Schluß, dal) es vom Standpunkt des Judentums vielleicht gar klüger und besser wäre, den ganzen Religionsunterricht einzustellen, als ihn in der bisherigen Are und Weise weiter zu führen. In den Gemeinden der Provinz wird der Religionsunterricht zumeist von Personen erteilt, welchen die nötige pädagogische und theologische Kenntnis direkt abzusprechen ist. Der Religionsunterricht wäre eigentlich von den Rabbinern zu versorgen, doch sollen dieselben durch andere Berufsobliegenheiten derart (?) in Anspruch genommen sein, daß ihnen hierzu keine Zeit übrig bliebe. Ls werden daher die subalternen Gemeindebeamten, Volksschullehrer ohne höhere Qualifikation, ja selbst die Schochtim herangezogen, die den Schülern die höheren Gesichtspunkte der Religion nicht vor Augen führen können. Ein großer Teil der Schüler, speziell in den .Mittelschulen, steht auf einer viel höheren Stufe der Bildung als die Religionslehrer, die selbst nie eine Mittelschule besucht haben. In vielen Gemeinden existiert aber der Religionsunterricht überhaupt nur in der Theorie. Es kommen Fälle vor, daß der Religionslehrer kaum einigemal seine Schule besucht, die Schüler suchen dann am Ende des Semesters ihren sogenannten Religionslehrer auf, der ihnen gegen Entrichtung einer festgesetzten Taxe das Zeugnis „vorzüglich4'* ausstellt. In jenen Genieinden, wo ein regelrechter Religionsunterricht erteilt wird, ist der Lehrplan kein einheitlicher. Es gibt Mittelschulen, in denen nur biblische Geschichte gelehrt wird. Ueher jüdische Geschichte, über die Propheten und ihre Lehren, über Ethik und Apologetik, hört der Schüler kein Wort. Nicht an letzter Stelle muß der Erteilung des zweifachen Religionsunterrichts Erwähnung getan werden. Die Religionslehrer der neologen und orthodoxen Gemeinden tauschen fortwährend ihre Schüler. Das Kind neologer Eltern, welches in Religion die Note „Genügend" erhielt, kann im nächsten Semester in „orthodoxer4' Religion die Note „Vorzüglich" erhalten. Auf dem Gebiete des Religionsunterrichts läßt sich überhaupt die Orthodoxie viel größere Sünden zu Schulden kommen als die Neologie. In vielen orthodoxen Gemeinden herrscht der Grundsatz, daß die Mittelschuljugend ohnehin dem Judentunie verloren gehen muß, der Religionsunterricht wäre demnach eine verlorene Mühe. Und es wachsen tatsächlich ganze Geschlechter ohne Religionsunterricht auf. Dies ist der in Kürze skizzierte Gedankengang des Aufsatzes. Da der Verfasser eine offizielle Persönlichkeit ist, bedürfen die von ihm gerügten Mißstände wohl keiner Bekräftigung. Wir müssen aber seinen Ausführungen noch hinzufügen, daß bis vor einigen Jahren der Religionsunterricht auch in Budapest sich in derselben mißlichen Lage befand. Schreiber dieser Zeilen gehört auch einer Generation an, welche in der Mittelschule niemals etwas über die Geschichte des jüdischen Volkes nach dem Abschlüsse des Talmuds hörte. Da ist der Grund zu suchen, weshalb die Judenschaft Ungarns eine streng abgesonderte Stellung im Gesamtjudentume einnimmt und quasi mit einer chinesischen Mauer abgeschlossen den modernen sozialen und kulturellen Bestrebungen im Judentume verständnislos gegenübersteht. Das Gemeinschaftsgefühl ist noch ganz unentwickelt, weil die Juden hierzulande ihre eigene Geschichte nicht kennen. In Budapest wurde vor einigen Jahren diesen skandalösen Zuständen — auf Betreiben der jüngeren Rabbiner und Religionslehrer - ein Ende bereitet. In der Provinz blieb aber alles beim alten. In einzelnen Gemeinden wurde zwar das Unhaltbare der Zustände anerkannt, doch konnte wegen der materiellen Schwierigkeiten keine Abhilfe geschaffen werden. Die Aufgabe des Rabbinerverbandes wäre es, sich dieser schweren Unterlassungssünde der ungarländischen Judenheit anzunehmen. Dieser Verband befaßte sich seit seiner Gründung größtenteils mit der Besserung der materiellen Lage der Rabbiner, Witwen- und Waisenfürsorge usw. Einen gar zu schweren Kampf um ihr Dasein haben aber die Herren dennoch nicht zu bestehen, mindestens nicht in dem Maße, daß sie darüber ihre Pflichten vergessen dürften. Wie der Zionismus bekämpft wird (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Seitdem Herzl die wunderbare Charakteristik des Mauschel schuf, ist uns dieser Typus leider immer wieder entgegengetreten. Hören wir, was Herr Szabolcsi, Redakteur der jüdischen Wochenschrift „Egyenlöseg", über die letzte Sitzung des zionistischen Zentralkomitees zu berichten weiß: ,,In den ersten Tagen des Septembers hielt die zionistische Organisation in Berlin eine zentrale „GroßVersammlung*'* (!) ab, etwas wie einen Filialkongreß . . . Die Versammlung nahm einen sehr interessanten Verlauf, und wenn wir im amtlichen Bericht blättern, finden wir manche sonderbare Rede, welche die völlige Dekadenz des Zionismus und die Entzweiung der Führer zeigt. Im allgemeinen waren zwei Parteien auf der Versammlung, die jetzige Leitung, welche durch fortwährende ziellose Reisen und durch rohe Demagogie

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