Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316555--56584-3350468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 41 DIE3MELT 1263 lichkeit etwas bedeuten. So wurde auf zionistischer Seite Ussischkins Vatersname entstellt, während B i a 1 i k , Rechtsanwalt T r i w u s , Redakteur K 1 e i n m a n n u. v. a. einfach nicht eingetragen wurden. Auf die jüdische Bevölkerung Odessas wirkten die Wählerlisten geradezu bestürzend. Die Streitigkeiten über die Personenfrage verstummten auf einmal, und es bemächtigte sich weiter Kreise die Ueberzeugung, daß die zweite Wahlkurie für uns endgültig verloren sei. Man erachtet es daher für richtig, daß die jüdischen Kandidaten für die zweite Kurie (Jabotinsky und S a k e r) freiwillig zurücktreten, damit ein fortschrittlicher, nichtjüdischer Kandidat, welcher allein der reaktionär-antisemitischen Gefahr beg-egnen könnte, mit vereinten Kräften gewählt wird, während gleichzeitig in der ersten, weniger bedrohten Kurie S 1 i o s b e r g gewählt werden soll. Andererseits wird indes in der Presse die Ansicht vertreten, daß es gerade jetzt angebracht wäre, möglichst viele fortschrittliche Kandidaten für den ersten Wahlgang aufzustellen, damit der Kandidat der Reaktion nicht sofort die absolute Mehrheit erlange. Natürlich müßten die fortschrittlichen Kandidaten untereinander ein Abkommen treffen, wonach sie sich sämtlich verpflichteten, nach dem ersten Wahlgang zugunsten desjenigen unter ihnen zu verzichten, der die relativ meisten Stimmen auf sich vereinigen würde. Das jüdische Wahlkomitee hat sich zur Frage noch nicht geäußert. Dieser Tage soll die Entscheidung nach dieser oder jener Richtung getroffen werden. Eine antisemitische Wahlparole der Deutschliberalen (Von unserem Berichterstatter.) Wien. „Deutsche Stammesbrüder mosaischen Glaubens, wählet antisemitisch!" So lautete die Wahlparole des „deutschen Freisinns" anläßlich der Reichsrarswahlen in Neutitschein, und sie war erfolgreich. Der Rassenantisemit und deutschradikale Parteimann Dr. Bodirsky siegte mit Hilfe der Christlichsozialen und — Deutschfreisinnigen. Die Neutitscheiner Wahlen sind wohl das traurigste Kapitel in der Geschichte des mährischen Liberalismus. Nach dem ersten Wahlgange, in welchem die deutschfortschrittliche Partei kaum 12 o/o der abgegebenen Stimmen auf ihren Kandidaten Kunovsky vereinigt hatte, gab das offiziöse Parteiorgan, der Brünner „Tagesbote", offen zu, daß die deutschliberale Kandidatur von der Parteileitung b a - gatellisiert wurde. Kein einziger liberaler Abgeordneter fand es der Mühe wert, im Wahlkreise zu erscheinen, auch nicht die Heroen des Liberalismus, die Täuflinge Licht und Redlich. Dafür wurde der an dieser Stelle besprochene Werbeartikel des Antisemiten Sommer, der zugab, daß er eine judenfeindliche Gesetzgebung wünsche, aber vor den Juden des Wahlkreises das Knie beugte — im ganzen Blätterwalde wohlwollend kommentiert. Die alten, guten Achtundvierziger haben sich wohl ob der merkwürdigen Auffassung ihrer Epigonen vom Liberalismus und Freisinn im Grabe umgedreht. Die antisemitische Wahlparole der deutschfortschrittlichen Führer wurde von den mährischen Juden mit einem Gleichmut aufgenommen, der uns schamrot macht. Anläßlich der Landtagswahlen des Jahres 1896 raffte sich doch noch eine Delegiertenversammlung der mährischen Judengemeinden zu einem — wenn auch nur papiernen — Protest gegen den deutschen Judenhaß auf und beauftragte die jüdischen Gemeinden, den deutsch-mährischen Abgeordneten in scharfen Resolutionen mit Stimmenthaltung zu drohen, wenn sie sich nicht verpflichteten, eindeutig und energisch gegen den Antisemitismus aufzutreten. In diesen 16 Jahren scheinen die Häupter der Kultusgemeinden und politischen Gemeinden auch das letzte Stückchen Tatkraft und Verantwortungsgefühl eingebüßt zu haben, und nicht einmal der noch nicht dagewesene Fall, daß die deutschliberale Partei, die ohne Juden in Mähren nicht mehr bestünde, im ersten Wahlgange gegen den Antisemiten nur ein Scheinmanöver aufführt, um ihm im zweiten Wahlgange das sichere Mandat zu verschaffen, kann sie aus ihrer Totenstarre wecken. Eine Erklärung des österreichischen Kriegsministers Wien. In der österreichischen Delegation wurde der Kriegsminister über den bekannten, auch in diesen Blättern besprochenen Erlaß interpelliert, der die Militärbehörden beauftragt, bei Beförderung zu Reserveoffizieren nicht bloß das Verhalten des Aspiranten, sowie seine geistige und physische Eignung, sondern in erster Linie das soziale und familiäre Milieu, sowie das Aussehen in Berücksichtigung zu ziehen. Obwohl die Interpellation von einem deutschnationalen Abgeordneten stammte, der nicht im Sinne hatte, die offensichtlich antisemitische Tendenz des Erlasses zu tadeln, sondern sich lediglich dagegen wandte, daß nunmehr kleinbürgerliche Elemente vom Offiziersstande ausgeschlossen sind, kam Kriegsminister Auf f cnberg in der Beantwortung auch auf den judenpunkt zu sprechen und betonte, daß nach wie vor im österreichischen Heere nur der Mann, nicht seine Nation oder Konfession gelten werde. Es macht den Eindruck, daß der Kriegsminister von der allzu „gewissenhaften" Befolgung und antisemitischen Auslegung seines Erlasses bei der Beförderung der diesjährigen Einjährig-Freiwilligen selbst unangenehm überrascht ist. Die Juden haben sich als brave Soldaten und als tüchtige, intelligente Offiziere stets bewährt — wir verweisen nur auf das statistische Werk Frühlings über die Juden im österreichischen Heere — und haben sich in den Feldzügeri, insbesondere anläßlich der Okkupation Bosniens und der Herzegowina als mutige und energische Krieger hervorgetan. Es liegt also gewiß nicht im Interesse des Reiches, die latente judenfeindschaft der Militärbehörden zu einer offiziösen zu stempeln. Die galizische Landtagswahlreform und die Juden (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Bis jetzt wurden die Juden in den monatelangen Verhandlungen der polnischen und ruthenischen maßgebenden Politiker über die Wahlreform zum galizischen Landtag nicht einmal erwähnt. Auch jüdischerseits ist bis zum heutigen Tage nichts geschehen, was die Polen daran erinnern könnte, daß schließlich auch den 900 000 galizischen Juden ein gewisser Einfluß auf die Wahlreform zur höchsten und einflußreichsten autonomen Körperschaft im Lande zugesichert werden sollte. Alle Bemühungen der galizischen zionistischen Partei, die durch Deputationen, Aufrufe und Volksversammlungen die fünf assimilatorisch-jüdischen Landtagsabgeordneten zu einer Aktion zugunsten der jüdischen Bevölkerung aufrütteln wollte, sind an deren Unentschlossenheit gescheitert, sowie an ihrer Furcht vor den polnischen Machthabern, von denen sie ja ganz abhängig sind. Die Polen selbst denken