Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1262 DIE] leicht in die jüdischen Kultusangelegenheiten? Verlangt sie, der getaufte Herr Mugdan solle in den Synagogenvorstand gewählt werden? Keineswegs. Es handelt sich ausschließlich um eine Frage der preußischen Politik, und da soll die religiöse Ueberzeugung des Kandidaten für fortschrittliche Männer eine Rolle spielen dürfen? O nein! Das wäre reaktionär, und die Volkspartei folgt nur den Theorien des Zentralvereins, wenn sie seinem Flehen kein Gehör schenkt. Der Zentralverein will die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden erkämpfen, d. h. doch die Gleichberechtigung des einzelnen jüdischen Staatsbürgers. Niemals hat er für KELT \i. 41 die jüdische Gemeinschaft etwas' erstrebt, ja, er hat alle Merkmale dieser Gemeinschaft abgeleugnet. Wie kann er es da auf sich nehmen, den „konfessionellen Gegensatz" in die Politik zu tragen? * Die Hoffnung ist gering, daß die Herren vom Zentralerem noch umlernen könnten. Aber es ist die Aufgabe des Chronisten, wieder einmal die gänzliche Ohnmacht dieses Vereins festzustellen, und es ist politische Pflicht, vor dem Abgrund zu warnen, in den das Deutsche Staatsbürgertum jüdischen Glaubens" führen muß. R. L. o r/- o iz □ □□□n n^o WELTCHRONIK =^=27 □ □□□□□ j) o Freie Wahlen (Von unserem Berichterstatter,) Odessa. Soeben wurden die Wählerlisten der Stadt Odessa der Oeffentlichkeit übergehen. Die Listen brachten der jüdischen Wählerschaft eine Ueberraschung, auf die man selbst bei unseren unvergleichlichen Verhältnissen nicht gefaßt sein konnte. Freilich zweifelte kein Mensch daran, daß unsere Stadtväter, von einer freundlichen Behörde unterstützt, ihr möglichstes tun würden, um das Wahlrecht der Juden zu schmälern. So konnten wir uns schon vor Monaten überzeugen, daß das vom Gesetze vorgesehene Wahlrecht der sogenannten „kleinen (d. h. steuerfreien) Mieter" der jüdischen Bevölkerung gegenüber einfach illusorisch gemacht wurde, während man von dem gleichen Recht für die christliche Bevölkerung den ergiebigsten Gebrauch machte. Es verhält sich damit so, daß die „kleinen Mieter'4' nicht, wie etwa die Miets- und Gewerbesteuer zahlenden Bürger, ohne eigenes Zutun, sondern nur auf Grund einer speziellen Meldung in die Wählerlisten eingetragen werden. Nun haben es die Parteien der „Rechten" übernommen, eine massenhafte Eintragung der ihnen nahestehenden christlichen Wähler zu veranlassen, und eine wohlwollende Behörde unterstützte gütigst diese Bemühungen. Die von den Agenten der „schwarzen Hundert" gesammelten Meldungen wurden von diesen einfach zu Tausenden direkt der Behörde übergeben und anstandslos sanktioniert. Zu gleicher Zeit wurden die persönlich überreichten Meldungen der j ü - di sehen „kleinen Mieter" unter den nichtigsten Vorwänden oder auch ohne jeden Vorwand einfach in den Papierkorb geworfen. Von ca. 3600 Meldungen dieser Art wurden kaum 100 — es waren dies erstaunlich hartnäckige und unerschrockene Leute, die die Mühe nicht scheuten, zwanzig und mehrmal aufs Polizeirevier zu gehen und sich vom Herrn Polizeileutnant echt russisch anschnauzen zu lassen — berücksichtigt. Und doch war man allgemein überzeugt, daß all diese Praktiken eine wesentliche Verschiebung im prozentualen Verhältnis der jüdischen Wähler im Vergleich zu den Wahlen des Jahres 1907 nicht bringen würden. Neben einer sehr erheblichen Steigerung des Mietszinses in den jüdischen Vierteln in den letzten Jahren, die einen recht beträchtlichen Zuwachs der jüdischen Mietssteuerzahler zur Folge hatte, war es der Eifer unserer Steuerbehörde, der die Reihen der jüdischen Wähler in den letzten Jahren ganz enorm stärkte. Die Staatsweisheit unseres Finanzministeriums, die in dem einfachen Grundsatze: „eine günstige Bilanz um jeden Preis" gipfelte, hatte nämlich zur Folge, daß die Steuerleistungen der jüdischen Bevölkerung im Ansiedelungsrayon im Laufe der letzten Jahre in rücksichtslosester Weise hinaufgeschraubt woirden. Der ärmste Handwerker, Handelsangestellte und Krämer wird heutzutage mit der drückenden Gewerbesteuer belegt. Speziell in Odessa hatte der Eifer unserer Fronvögte die Folge, daß die Zahl der jüdischen Steuerzahler, die wie gesagt auf Grund der Angaben der Steuerbehörde ohne weiteres in die Wählerlisten eingetragen werden, in den letzten Jahren um 50no gestiegen ist. Man durfte nun erwarten, daß der Zuwachs der steuerzahlenden jüdischen Wähler das Anschwellen der christlichen ,,kleinen Mieter" zumindest wettmachen würde, daß also der Prozentsatz der jüdischen Wähler zumindest der gleiche wie anno 1907 (40,8'»o in der ersten und 39,12«»/«» in der zweiten Kurie) bleiben würde. Bei der größeren Intelligenz und Beweglichkeit der jüdischen Wähler wäre dann der Sieg der jüdischen Kandidatur in der einen und der allgemeinen fortschrittlichen in der anderen Kurie gesichert, um so mehr, als auch ein Teil der nichtjüdischen Wähler fortschrittlich stimmt und die Ansprüche der Juden auf eines der Odessaer Mandate billigt. Und nun erfolgte die Veröffentlichung der Wählerlisten, die auch die ärgsten Schwarzseher überraschen mußte. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die Zahl der jüdischen Wähler nicht nur relativ, sondern auch absolut erheblich zurückgegangen ist". Während die jüdischen Wähler 1907 mit 8261 Mann 39,12" <> der gesamten Wählerschaft ausmachten, machen sie jetzt mit 7237 Mann nur rund 25°o aus, da die christliche Wählerschaft um ca. 9000 Mann gewachsen ist. Sehr bemerkenswert ist die Tatsache, daß gerade die städtischen Bezirke durchgängig einen absoluten Rückgang aufweisen, während das Domizil der rückständigen christlichen Masse, die Vorstädte, im Gegenteil einen kolossalen Aufschwung zu verzeichnen haben. Wie hat man nur das Kunststück fertig gebracht? Sehr einfach. Man hat tausende und abertausende Juden, deren Wahlrecht außer allem Zweifel steht, einfach nicht eingetragen. Man rechnete dabei nicht ohne Grund darauf, daß nur die allerwenigsten darunter in der äußerst kurzen Reklamationsfrist die sehr umständliche und verwickelte Prozedur einer erfolgreichen Reklamation werden zu Ende führen können, während die meisten nicht einmal den Versuch machen werden, auf ihrem Recht zu bestehen. Dies allein nicht genug, machte man noch von dem bewährten Mittel der Namensentstellungen den ergiebigsten Gebrauch. Die Zahl der entstellten Wählernamen ist außerordentlich groß und wird zweifelsohne die Zahl der eventuellen erfolgreichen Reklamationen übergangener Wähler übertreffen. Bemerkenswert ist, daß das eifrige Säuberungswerk sich mit außerordentlicher Folgerichtigkeit gegen alle die Personen wandte, die in der Oeffent-