Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-10-11 · 41 (11.10.1912) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
41 (11.10.1912)
Date
1912-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316555--56582-3350466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 11. Oktober.:.il912 un^W T'önn 'x n&n 'h /•pHn Nr 41. WARNUNG Für die Nachwahl zum preußischen Abgeordnetenhaus im ersten Berliner Wahlkreise hielt es die Leitung; der Fortschrittlichen Volkspartei für angebracht, den getauften Herrn M u g d a n in Vorschlag zu bringen. Man muß wissen, daß in diesem Wahlkreis die Juden ausschlaggebend sind, und daß sie augenblicklich unter den nach dem Dreiklassen Wahlrecht gewählten Wahlmännern einen sehr starken Prozentsatz ausmachen. Dessenungeachtet wurde Herr Mugdan präsentiert, und seine Freunde in der Volkspartei erklärten die ihnen von jüdischer Seite vorgebrachten Bedenken voller Entrüstung als intolerante orthodoxe Treibereien, von denen eine „fortschrittliche" Partei sich nicht beeinflussen lassen dürfe. Iis ist überflüssig, zu sagen, daß diese Auffassimg von /ahlreichen jüdischen Mitgliedern der Volkspartei vertreten wurde, während einige der christlichen Führer die Selbstverständlichkeit begriffen, daß man den jüdischen Wählern nicht einen getauften Kandidaten präsentieren dürfe. Natürlich wurde Herr Mugdan ohne weiteres von den Wahlmännern akzeptiert unci seine Wahl kann als gesichert gelten. Der „Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" aber, diese herrliche Blüte jüdischen Mannesstolzes, erklärt in seiner soeben erschienenen Monatsschrift, daß er alles getan habe, was in seinen Kräften stand, um die Wahl Mugdans zu verhindern. Leider aber man sieht den Vorstand ordentlich die Hände ringen — sei alles vergeblich gewesen. Wir wollen mit den armen Schächern vom Zentralverein nicht rechten. Wir wissen, daß ihre Kräfte ziemlich gering sind, und daß der Ausgang nicht viel anders gewesen wäre, wenn sie wirklich alle Kräfte angespannt hätten, um diese schmähliche Wahl zu vereiteln. Leider haben die Herren des Vorstandes sich niebt so eifrig gezeigt, wie sie zu ihrer Rechtfertigung behaupten. Sie haben die Angelegenheit lange Zeit mit sträflicher Gleichgültigkeit behandelt, haben sich auf ein oder zwei „Unterredungen" beschränkt, ohne sich im übrigen in ihren F.rholungsreisen stören zu lassen, und waren noch zwei läge vor der entscheidenden Versammlung der Wahlmänner nicht darüber informiert — wann diese Versammlung stattfinden würde. Doch wollen wir dem Zentralverein diese kleinen Sünden nicht wreiter verübeln, für die sich der Vorstand in der Generalversammlung Absolution erteilen lassen mag*. Schwerer allzu schwer wiegt die große Sünde, die dieser Verein fortgesetzt begeht, indem er die Lebensinteressen des Judentums einer verstaubten Theorie zuliebe gefährdet. Für den rechtschaffenen Zentral vereinler gibt es ja keine Judenfrage und kein jüdisches Volkstum, keine universale jüdische Solidarität und keine jüdische Zukunft. Es gibt für ihn nur eine in Deutschland legalisierte jüdische „Religionsgemeinschaft", die unbegreiflicherweise unter den Anfeindungen gewisser Leute sogenannter Antisemiten zu leiden hat. Aufgabe des Zentralvereins ist es, dafür zu sorgen, daß diese Antisemiten beseitigt werden, damit der „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" sein Recht finde. Zu diesem Zwecke wacht der Verein darüber, daß die Witwe Piefke mit 10 Mark Geldstrafe belegt werde, weil sie ihre Abneigung gegen die Nase des Herrn Cohn in unziemlicher Weise zum Ausdruck gebracht hat - womit die Judenfrage gelöst ist. — Wen kann es wundern, stoße erhält, sobald er sich in einer ernsten Angelegenheit hervorwagt? Nicht die Fortschrittliche Volkspartei, auch nicht die gelegentliche Nachlässigkeit des Zentralvereins trägt die Schuld an der Mißachtung jüdischer Interessen und jüdischer Empfindungen. Schuldig ist das Prinzip, schuldig ist die vom Zentralverein vertretene und gezüchtete Auffassung, daß der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens als „Zoon politikon", in seiner gesamten nationalpolitischen Betätigung nur und ausschließlich Deutscher sei. Schuldig ist die Vogelstraußpolitik gegenüber der gegenwärtigen Lage der Juden, gegenüber der jüdischnationalen Bewegung, wie gegenüber dem Antisemitismus. Dieser Zentralverein, der der Außenwelt und seinen eigenen Anhängern ständig versichert, es gäbe keine jüdische Nation und die jüdischen Sonderinteressen seien ausschließlich religiöser Natur -— dieser Zentralverein sollte in einer p o I i t i s c h e n Frage jüdische Sonderwünsche durchsetzen können? Auf welche moralische Kraft sollte er sich denn dabei stützen? Mischt sich die Fortschrittliche Volkspartei vieldaß dieser Verein Rippen- Falle Muodan - wie im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.