Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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spülen, zu fegen und zu waschen . . . Na, kürz, sie hat mich gepreßt und ich habe ihr den Scheidebrief geben müssen . . . Die zweite, die sich von mir scheiden ließ, war eine neue Sorte von Mißgeschick. Ich habe eben mit den Weibern Glück! Man muß, wie zu allem, auch zu einer Frau Glück haben. Kurz, was mir jetzt beschieden war, ist noch nie dagewesen! Wieder stak Feiwel, der Schadehen dahinter! Ausspeien möge ihn sein Grab, den Verräter Israels! . . . Der Bösewicht will natürlich von nichts gewußt haben! „Bin ich schuld daran?" fragt er. „Ich sehe ein Frauenzimmer, das ledig ist, da red' ich ihr halt zur Heirat zu! Kann ich ihr ins Herz sehen? Woher soll ich ihre Extravaganzen kennen? Mir gefällt dein Bart!" ... So hat er mich abermals eingefädelt. Kurz und gut, was braucht es langer Worte, er hat mir eine Stumme aufgeschwatzt — wahrhaftig, eine Stumme! In den ersten paar Tagen habe ich aufgelebt. Ein Weib, das nicht spricht — allen Zaddikim sei's vergönnt! — Aber auch sie war von gemeiner Art, aus irgendeiner Schusterstube, und ich gefiel auch ihr nicht. Was tut das Weib, um mich loszuwerden? Paßt auf! Sie hatte, trotz ihrer Sprachlosigkeit, eine furchtbare Stimme, und mit der hat sie getutet. Was ihr eigentlich nicht paßte, weiß ich bis heute nicht, denn sie sprach ja nicht; doch sie hat getutet und mir dazu Fußtritte und Maulschellen ausgeteilt, bis der Scheidebrief da war! Nur eine ist bei mir gestorben. Derselbe Schadehen Feiwel — an der Zunge möge er hängen! — hat mich wieder rumgekriegt und mir ein zerfressenes Kleid angehängt — eine Lungenkranke! Allerdings — sie war ein gutes Weib, so wahr ich lebe, ein braves Weib, aber sie hat Blut gespuckt und war dürr wie eine Spinne. Sie hatte wirklich keinen Fehler. Sie war ein einfaches, seelensgutes Weib, wie es sein soll. Leider hat ihre Krankheit sie verzehrt. Wie ich sdron sagte: ein zerfressenes Kleid! Eines Tages war sie weg, erloschen! Denkt euch mein Leid! Wieder nichts! Leer! Mein Glück! ... Sie hinterließ etwas Geld. Während ich noch Schiwah sitze, ist Feiwel, der Satan — ausgelöscht werde sein Name! — wieder da: „Ich hab's gewußt," sagte er, „ich dachte mir's ja. Weib wirst du keines haben, aber Erbschaft--Jetzt wirst du erst eine rechte Hochzeit haben können! Fünfzig Taler sind doch etwas wert! Wie hast du dir das eigentlich vorgestellt? Du wirst fünfzig Taler kriegen und dazu so ohne weiteres ein schönes Weib ohne Kinder und ohne Fehler? Wofür eigentlich? Stehst du so hoch in Gottes Kredit?" Ich habe ihm alles Böse gesagt; doch wenn ich mir's recht überlege — er hatte nicht unrecht. Ich war wie vernarrt in den Menschen, weiß Gott, wie das kam! Ich war Melammed und er hat mich in die Schule geschickt! Es war leicht für ihn, denn ich war so verzehrt vom Leid,- daß ich kaum denken konnte. Und Feiwel hatte mich schon wieder hineingeredet — die Kunst verstand er. Es war ein Glück : er ist gestorben. „Und doch" — seufzt Sender — „ich bin bald achtzig Jahre alt; aber wenn sich eine Frau für mich fände, ich möchte noch einmal mein Glück versuchen. Aber jetzt, in dieser Zeit! Es gibt keine rechten Frauen und keinen rechten Schadehen mehr . . . Glaubt ihr wirklich, ihr jungen Leute, es sei gut für einen alten Mann, einsam zu sein, ganz, ganz einsam, wie ein Meilenstein auf der Landstraße? . . . Und ohne Kind? Ich wünsche es keinem Juden, nicht meinem ärgsten Feinde!" ... Senders eisgrauer Bart zittert, die braunen Lippen zucken, seine Brille läuft an. Und er macht eine Handbewegung, die sagt: „Vorbei!" Cinquante Ans d'Histoire L'Alliance Israelite Universelle 1860—1910 par N. Leven. Tome Premier. Paris 1911. Narcisse Leven, der greise Präsident der Alliance, hat zu ihrem fünfzigjährigen Jubiläum ihre Geschichte geschrieben, deren erster Band jetzt vorliegt. Er behandelt vornehmlich die äußeren Ereignisse, insbesondere die Lage der Juden in den einzelnen Ländern der Verfolgung, und ist zu einer ausführlichen diplomatisch-politischen Geschichte der Judenheit, insbesondere der orientalischen, in den letzten 50 Jahren geworden. Ein zweiter Band, der die jüdische Auswanderung und Kolonisation, sowie das Schulwerk der Alliance behandeln wird, soll folgen. Besonders interessant sind die Kapitel über Serbien, Rumänien und Marokko. In ihrer unausgesetzten Tätigkeit für die Befreiung unserer Volksgenossen in diesen Ländern hat sich die Alliance in den ersten 20 Jahren ihrer Arbeit ein außerordentliches Verdienst um die Gesamtjudenheit erworben. Den Höhepunkt des Buches wie der Alliance selbst bildet der Berliner Kongreß von 1878. Dort hat sie die restlose Emanzipation der serbischen und bulgarischen Juden durchgesetzt, sowie — leider nur auf dem Papier — die der rumänischen. Für das Studium der rumänischen Judenpolitik wird Levens Buch ein unentbehrlicher Wegweiser werden; nach ihm ist die Emanzipation in Rumänien nicht eigentlich am Widerstand der Rumänen selbst gescheitert, die sich wohl schließlich gefügt hätten, als an dem mangelnden guten Willen der Großmächte, insbesondere Deutschlands, den prinzipiellen Beschluß des Kongresses auch in die Wirklichkeit zu überführen. Das Abschwenken der deutschen Reichspolitik vom Liberalismus ließ Bismarck eine Intervention zugunsten der Juden als inopportun nach innen, die Regelung der Differenzen mit Rumänien wegen der weiland Stroußbergschen Eisenbahnen und wohl auch die zunehmende Entfremdung zwischen Deutschland und Rußland als unerwünscht nach außen erscheinen, und so harren die rumänischen Juden heute, nach 34 Jahren, noch immer vergebens auf die Erfüllung ihrer verbrieften Rechte. Mit dem Scheitern der Alliance-Aktion in Rumänien neigte sich ihr politischer Stern zum Sinken; auf der Madrider Konferenz 1880 konnte sie nur mit größter Mühe eine Verschlechterung der Rechtslage der Juden in Marokko abwehren, und dann begannen die trüben Fluten des Judenhasses in allen Ländern immer höher zu steigen. Das lange Schlußkapitel über den Antisemitismus in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland und Frankreich, wie die in der Einleitung gegebene Uebersicht über die jüdische Geschichte von der zweiten Zerstörung des Tempels bis 1860 bieten inhaltlich nichts Neues. Aber es ist immer und immer wieder gut, die Seiten der Geschichte unseres Volkes umzublättern, damit wir nicht verzeihen und nicht vergessen; aus ihnen steigt der Geruch verbrannter Knochen und das Schreien