Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1246 -D IE 2 sie herauszugeben. Ich nahm es ihm auch gar nicht übel: Ohne Kinder ist kein Ehebund fest . . . Wir lebten von den Zinsen. Die ganze Verwandtschaft war stets im Zimmer. Ein Wort zu zweit zu sprechen, war unmöglich. Und sie sah mich nur an und Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie war nur noch die Hälfte dessen, was sie einmal gewesen, und diese Hälfte war - daß Gott erbarm! — gelb, vergrämt und verschrumpft . . . Es schnitt mir ins Herz; sie dauerte mich so sehr!" Tränen füllen Senders Augen bei der Erinnerung. „Doch was war zu tun! Der Rabbi befahl es! Der Schwiegervater war einverstanden (blieb ihm doch die ganze Mitgift), der Vater kam an . . . Man führte die Scheidung durch ... Ich war damals so an die Dreißig, etwa sieben- oder achtundzwanzig Jahre alt, und mußte zum Vater zurück! . . Mit dem Handel war nichts zu machen, es fehlte an Geld. So wurde Sender ein Mclammed. Doch ein Melammed ohne Frau ist kein Melammed. Sechs Jahre war er Melammed und hatte indessen drei Frauen; eine gab i h m den Scheidebrief, zweien gab e r ihn. Eine war — daß Gott erbarm! — ein rechtes Unglücksweib. Man hatte ihm eingeredet, sie sei eine Witwe; dann kam's heraus, daß sie schon viermal geschieden war. Er war ihr fünfter Mann, unberufen! Man sagte, sie habe ein Kind; sie brachte fünf mit! Es war noch ein Glück, daß nicht alle Kinder ihr geblieben waren, denn sie hatte in jeder Ehe drei bis vier gehabt! . . . „Und es war schwer/' erzählte er, „ihr den Scheidebrief zu geben. Sie war so ein Unglücksvogel, so ein gottverlassenes Geschöpf, daß es nicht möglich war, mit ihr zu leben und erst recht nicht, sie loszuwerden. „Seid überzeugt, ich bin gründlich hereingefallen! Ihr sagt: Ein Weib, was ist da Besonderes zu unterscheiden? - Freilich, Freuden dieser Welt suchte ich nicht. Ich war Melammed; da hatte ich keine Zeit dafür. Doch das war ein richtiger Golem. Man mußte kommandieren, sonst geschah nichts, ^teh' auf!* rief ich; sie stand auf. ,Kleide dich an!' sie gehorchte. ,Koch' dies und das!' — alles führte sie auf Befehl aus; doch von selbst — nichts. Wenn ich vergaß, ihr zu sagen, was zu tun sei, wußte sie nichts. Meine Würde und mein Ansehen verlor ich fast durch sie: i c h mußte auf den Markt einkaufen gehen, ich mußte die Kinder ankleiden — nicht meine Kinder, sondern fremde! So einen Klotz hat es noch nie gegeben, seit die Welt besteht. Sie hatte gar keine Seele! Sogar essen mußt' ich sie heißen! Alles Böse auf Feiwel, den Schadehen, bis ins vierte Glied!! Der hat mir das Prachtexemplar angehängt! Sie hatte freilich 250 Rubel, von den Männern, die ihr den Scheidebrief gegeben hatten; jeder hatte sich wohl dafür bis aufs Hemd entblößt. Doch dies Geld war bei einem Vetter angelegt und der verzinste es mit kaum 13 Prozent. Ich meinte schon, es sei mein Tod! Ich rede zu ihr — sie antwortet nicht! Sie wreiß gar nicht, was man zu ihr redet! Und dann hatte sie noch eine Eigenart: Sie konnte ihre eigenen Kinder nicht leiden! Sobald eines ihr nahe kam, gleich setzte es einen Puff, einen Knuff . . . Das Geschrei in der Stube hörte nie auf. Ich habe einmal im Zorn einen Leuchter nach ihr geworfen — es tut mir noch heute weh. Denn in Wahrheit -— war sie denn schuld? Es wird wohl eine Krankheit gewesen sein — daß Gott erbarm! Ich fuhr mit ihr zu jedem Rabbi, den ich nur erreichen konnte. Keiner konnte ihr helfen . . . Ein Doktor kann einen kranken Fuß heilen; aber wenn gar kein Fuß da ist? Da kann der [ELT - Nr. 40 Doktor einpacken! Und der Rabbi — Vergebung für den Vergleich! heilt kranke Seelen. Doch Gott hatte wohl vergessen, ihr überhaupt eine Seele einzublasen. Kein Rabbi kann da helfen. Sie blieb, was sie war. Und ehe ich sie los wurde! Eine Menge Rabbonini wollten die Scheidung nicht durchführen! Sie besitzt, sagten sie, nicht soviel Vernunft, den Scheidebrief rechtskräftig in Empfang zu nehmen. Eine treffliche Begründung, meint Ihr nicht? Wenn sie Vernunft gehabt hätte, wäre sie doch mit ihrem ersten Mann alt geworden! — Und als ich endlich einen Row erwischte, der es übernahm, die Scheidung durchzuführen, da hat es von Peßach bis Sukkoth gedauert, ehe man ihr eindrillte, was sie zu sagen habe. In Wahrheit hätte sie auch das nie gekonnt, wäre nicht die Rebbezin gewesen. Das war ein prächtiges Weib, ein Ausbund an Klugheit. Sie fand einen Ausweg. Bei der Amtshandlung war sie dabei, und als die Frage kam, ob mein Golem einwillige, nickte die Rebbizim mit ihrem klugen Kopf. Das sah mein Golem und das Ja' kam mit Gottes Hilfe heraus." Die andern zwei Frauen haben sich von ihm geschieden. Der einen gefiel sein langer struppiger Bart nicht, sie haßte, sagte sie, struppige Bärte. ,,Was kann ich tun, da ich nun einmal einen langen Bart habe? Ich habe ihr auseinandergesetzt, daß ein Bart eine ehrwürdige Manneszier sei. Juden schwören bei ihrem Barte wie bei einer heiligen Sache. Sie blieb aber dabei: mein Bart widere sie an und sie könne keinen Bissen hinunterwürgen wegen meines Bartes. Da habt ihr's. „Was soll ich denn mit dem Bart tun?" frage ich. „Zerdrisch dir den Schädel samt dem Bart an der Wand," schreit sie, „oder scheide dich von mir!" Ich habe mich lange gewehrt. Ich hatte Scheidung und Heirat schon bis zum Halse satt. Hat man schon endlich geheiratet und ein paar Schüler zusammengebracht, da soll man sich wieder scheiden, wieder die Schule verlieren! Die alte Leier! Ueberdies war zu meinem Unglück im Städtchen ein Teich, der keinen Namen hatte. Man hätte also zur Scheidung nach einer anderen Stadt fahren müssen*). Ich suchte ihr also die Sache auszureden - umsonst! Ich bitte, ich schreie: „Meinetwegen! Nur wart' noch ein Jahr oder wenigstens ein paar Monate!" Sie will nichts hören, nichts bedenken. „Scheidung! Scheidung!" schreit sie wie besessen. Ich habe der Hexe schließlich nicht mehr geantwortet und setzte mich mit meinen Schülern zum Lernen . . . Doch sie stellt sich hin und schreit: „Scheidung! Scheidung!" und schmeißt dabei die anderthalb Teller, die noch im Hause sind, zur Erde. Es war ein Glück, daß sie sich ekelte, mir nahe zu kommen, sonst hätte sie mir mehr als einmal den Bart ausgerissen. Das war eine wilde Furie, eine Schlächttrstochter, die Witwe eines Schneiders! Vornehme Familie, was? Ich mußte die Gemeinde bitten, daß man mir gestatte, im Beth-Hamidrasch Schule zu halten. Sie kommt aber ins Beth-Hamidrasch und sehreit am heiligen Ort: „Scheidung! Scheidung!" Ich bat die Väter meiner Schüler, in ihren Häusern unterrichten zu dürfen. Sie hatten Mitleid mit mir, und ich hatte eine oder zwei Wochen Ruhe. Kam sie in ein Haus, so warf man sie hinaus. Da änderte sie ihre Taktik: Sie hörte auf zu kochen, Geschirr zu *) Bekanntlich darf eine Ehescheidung nach dem jüdischen Religionsgesetz nur in einem Ort, der an einem Flusse liegt, vollzogen werden, und zwar muß der Name des Flusses im Scheidebrief angegeben werden.