Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 40 O ((□□□□ □ □ o VV——- V^= D!E3^ELT FEUILLETON 1245 o □□□□□ n D§ Senders Ehen Von J. L. Perez. (Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz.) Sender hat schon sechs Frauen gehabt und will zum siebenten Male heiraten. An seine erste Frau erinnert er sich kaum. Sein Vater, Reb Pinchas — er ruhe in Frieden! brachte ihm einmal eine goldene Uhr mit, dann mußte er Pelz und Streimel anlegen und dann — stand er unter der Chuppe ... Er kann sich durchaus nicht entsinnen, wie die Frau aussah. Undeutlich sieht er noch ein Kleid mit silbernen Borten, ein seidenes Kopftuch, ein Paar Ohrringe, — aber das Gesicht?... Sie muß doch auch ein Gesicht gehabt haben! . . . Deutlich weiß er nur noch, daß er ein bis zwei Monate vor der Hochzeit Bar-Mizwah geworden war. Damals nahm ihm der Vater, ein Chassid des Beizer Rabbi, vor allen Leuten das Versprechen ab, daß er im Hause des Schwiegervaters keine fremden Bräuche annehmen werde, daß er nicht des Schwiegervaters Wege gehen, nie ein Chassid des Kozker Rabbi werden, sondern alljährlich nach Beiz pilgern werde. Der Rabbi des Städtchens, der auch ein „Beizer" war, kniff ihm zum Lobe für seinen ersten Talmudvortrag in die Wange. Dann sagte er ihm, die Thora allein rette nicht vor der Hölle; und der Gaon von Wilna, der doch sicher ein großer Thoragelehrter gewesen, gehöre jetzt droben doch nicht zu den Ersten: er sitze im Vorhof des Himmels bei einer Gemara und lerne nach. Und das Herz bricht dem Gaon, da er sehen müsse, wie einfache, schlichte Juden, die kaum das Alef-Beiß kennen, sofort in die höchsten Himmelshöhen mit all ihren Freuden eingehen . . . „Denn das Wichtigste," schloß der Rabbi, „ist Inbrunst und Glaube, Glaube an Ihn, und noch mehr, Glaube an das Wirken jenes Mannes, der . . Was weiter folgte, ist Sender heute bereits entschwunden. Der Schluß des Ganzen aber war ungefähr der: Es sei fast besser, treife zu essen, als zum Rabbi nach Kozk zu pilgern und dergleichen . . . Bald nach der Hochzeit begann die Hölle: Sender starb fast Hungers. Das Beten und Lernen begann um acht Uhr früh, und zum Essen kam man erst in später Abendstunde; da schnarchte er schon längst auf einer Bank im Winkel ... Er begann Speisevorräte zu mausen, die Milch mit Strohhalmen aufzuschlürfen, beim Schwiegervater Geld zu stehlen und sich dafür Lebensmittel zu kaufen. Der Schwiegervater bedachte ihn dafür mit Ohrfeigen, die Schwiegermutter mit Besenhieben oder Tellerwürfen. Da faßte er sich eines Tages ein Herz und — entlief. Doch man faßte ihn. „Gemeiner Wicht!" schrie der Schwiegervater, „die Frau ist in der Hoffnung, und der Lump macht sich aus dem Staub!" Das war Sender neu und er begriff es kaum. Drei Tage nachher starb die Frau im Kindbett. Sender schmerzte es tief. Doch ehe er noch Zeit h'atte, seinen Schmerz zu verweinen, riß ihm der saubere Schwiegervater Streimel, Uhr und Pelz vom Leibe und komplimentierte ihn drastisch zur Tür hinaus. Auf welche Weise er damals nach Hause gekommen war, kann er sich inidit mehr erinnern. Er weiß nur noch, daß Beizer Chassidim ihm dabei halfen. Damals war er vierzehn Jahre alt. Bis zum sechzehnten Jahre saß er dann zu Hause, und der Vater ein Getreidemakler — ließ während dieser zwei Jahre alle seine Geschäfte im Stich und prozessierte mit Senders Schwiegervater. Für den Lebensunterhalt sorgte die Mutter, die sich als Magd verdingt hatte. Der Vater war darauf aus, dem „Kozker Chasir alle Haare auszureißen". Er borgte stets Geld für Reisen zu dem und jenem Rabbi, kam immer in hellem Zorn heim und verabreichte Sender unzählige Prügel: „Nur so ein Taugenichts wie du läßt sich hinauswerfen!" Wenn die Mutter sich der Sache annahm, wrurde es noch ärger. Sender dankte Gott, als er zum zweitenmal unter der Chuppe stand. Ehe die Braut kam, bat er Gott von ganzem Herzen, die Ehe möge diesmal glücklich sein. Er wußte, der neue Schwiegervater war ein Beizer Chassid; so wird es denn nicht nötig sein, aus Tellern und Kellern zu stehlen. „Doch, du lieber Gott, sie möge mir nicht im Wochenbett sterben! Lieber mag sie unfruchtbar sein!" Denn Sender wußte: Wäre die erste Frau nicht gestorben, so hätte er es die zwei Jahre beim Schwiegervater ausgehalten. Dann wäre das Paar bei seinem Vater verköstigt worden ... Er hätte nicht halbnackt heimkehren müssen, in der größten Winterkälte . . . Als er sich an den damaligen Frost erinnerte, erbebte er im Innersten seines Herzens. Er sah und hörte und spürte kaum, wie die Musikanten spielten, wie man um ihn und die Braut siebenmal den Reigen führte . . . In seinem Herzen rief es laut: „Herr der Welt, lieber eine Kinderlose!" . . . Er hatte es in böser Stunde erbeten . . . „Sie war," erzählte er, „ein nettes Weibchen, ein gutes Kind. Sie hat mir alles von den Augen abgelesen. Und lustig war sie! Bald gab's einen Klaps, bald einen schelmischen Kniff. Sie lachte und sang, daß ich meine Freude dran hatte. Die Stube war doppelt so hell, wenn sie darin war. Ein gutes Weib ist immer fröhlich! . . . Doch — sie war wirklich kinderlos. Ich hatte mich nicht von ihr geschieden. Es ist doch mal schon so: Woran man sich bindet, davon kann man sich schwer losreißen. Und ich war an sie gebunden — das heißt nicht an sie — ein Weib ist ein Weib! — doch an ihre Freude, an das helle Lachen, das mir so wohl tat , . . Allein meine Muttei, — die hat imir einen Jammerbrief nach dem .andern geschickt: sie will Enkel haben! Zu allem Unglück war ich das einzige Kind, meine Mutter konnte sonst keine Enkel haben; und gerade das war der sehnlichste Wunsch ihres Lebens! Jeder Brief war feucht von Tränen. Der Vater schrieb vor Zorn und Aerger überhaupt nicht mehr, und eines Tages wurde ich auf sein Betreiben vor den Rabbi zitiert . . . Uebrigens hatte sie auch ein wenig Schuld an dem, was kam ... In letzter Zeit wurde sie ganz anders. Sie verlor ihre Fröhlichkeit, die Augen röteten sich und so oft sie mich ansah, seufzte sie . . . Sie fürchtete den Scheidebrief . . . Wir wohnten beim Schwiegervater. Die Mitgift war noch hinterlegt, denn der Schwiegervater fürchtete sich,