Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1242 DIE^ELT Nr. 40 führenden Gruppen der Armenier, zum Verfasser hat, hat großes Aufsehen und besonders in jüdischen Kreisen allgemeine Genugtuung hervorgerufen. Missionsarbeit und heilsame Reaktion Im Vororte Haidar Pascha ist jüngst ein 19 jähriges jüdisches Mädchen, frühere Schülerin einer Kongreganistenschule, plötzlich spurlos verschwunden. Sie hat sich im Kloster dieser Schule taufen lassen und den Schleier genommen. Die Ueberredungskünste der Oberin und der Schwestern dieser Anstalt sollen noch eine Reihe anderer jüdischer Mädchen dem gleichen Entschlüsse nahegebracht haben. Es ist bisher unmöglich gewesen, den Aufenthaltsort der Verlorenen ausfindig zu machen und sie ihren Eltern wiederzugeben. Dieses Ereignis hat die größte Aufregung in der hiesigen Judenheit und ganz besonders in Haidar Pascha selbst hervorgerufen. Es entstand dort eine Bewegung zur Entfernung aller jüdischer Kinder aus den Kongreganistenschulen und für die Förderung der jüdischen Schulanstalten, die in Stand gesetzt werden sollen, die gefährdeten jüdischen Kinder aufzunehmen. Die Seele dieser heilsamen Bewegung ist die Haidar Paschaer Sektion unseres „Makkabi" und ganz besonders deren Präsident David Coenca, Den Höhepunkt der Bewegung bildete der Jom-Kippur-Tag. Nach zahlreichen Reden von der Tribüne herab wurden zu Neilall unter ungeheurer Begeisterung der Gemeinde und der Teilnahme aller, auch der Frauen, Gaben für die jüdische Schule gespendet, und so in wenigen Minuten über 450 Pfund, nahezu 9000 Mark, zusammengebracht. Das ist für einen Vorort Konstantinopels eine außerordentliche Leistung und eröffnet schönere Aussichten als bisher für die innere Fortentwicklung der hiesigen Judenschaft. Das hebräische Gymnasium in Jerusalem Von Jehoschua Feldmann, Jaffa Die große Stoßkraft, deren die jüdisch-palästinensische Renaissancebewegung bedurft«:, um auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation überhaupt vorwärtszukommen, brachte es mit sich, daß Aufgaben von nicht geringerer Bedeutung, aber von leichterer Durchführbarkeit, wie beispielsweise die Belebung der hebräischen Sprache, Schaffung nationaler Schulen und nationaler Literatur, in den Hintergrund traten. Da gleichzeitig andere jüdische Organisationen sich dem Schulzweck widmeten, wurde unsere demokratische Volksorganisation von der kulturellen Arbeit zunächst entlastet. Nun ist es zwar zu begrüßen, daß wir der agrikulturellen und industriellen Arbeit erhöhte Aufmerksamkeit schenken konnten. Was die zionistische Organisation auf diesen Gebieten mit ihren doch noch immer geringen Mitteln geschaffen hat, findet mit Recht die Bewunderung der Kundigen, und man wird ihr das nicht so leicht nachmachen können. Beinahe verhängnisvoll war es aber, daß man mit der Abwälzung anderer dringender Aufgaben den Blick für das Ganze zu verlieren begann. Wie anders war es doch in den großen Tagen der Chibath Zion! Nicht nur die geistigem Führer der Bewegung, auch der tatenreichste der Zionsfreunde, der edle Edmund Rothschild, freute sich von Herzen über den kleinsten Fortschritt des Hebräischen, und wurde nicht müde, bei seinen häufigem Besuchen im Lande an die Kinder der Kolonisten hebräische Fragen zu richten. Wenn nun die zionistische Organisation kein spezielles Kulturressort geschaffen hat, so ist damit nicht gesagt, daß von zionistischer Seite nichts auf diesem Gebiete geleistet worden sei. Im Gegenteil. Schon heute kann man deutlich sehen, wie anregend die zionistische Organisation für die Keime einer jüdisch-palästinischen Kultur gewirkt hat. Direkt jedoch gingen alle diese Arbeiten von einzelnen Mitgliedern der Organisation aus, die sie auf eigene Verantwortung begannen, und erst nachher, als sich diese Schöpfungen bereits im Leben bewährt hatten, fanden sie den Segen und die Anerkennung der Organisation. Ein typisches Beispiel hierfür sind unsere beiden Gymnasien in Jaffa und Jerusalem. Seit ich in diesem Blatte in meinem Aufsatze „Das Hebräische Gymnasium in Jaffa" („Welt", 1907, Nr. 32), wohl als erster, für diese Anstalt eine Lanze gebrochen habe, hat sie sich so rapid entwickelt, daß sie füglich auf propagandistisches Lob bereits verzichten kann. Nur soviel sei gesagt, daß diese Schule mit ihren 200 ausländischen Schülern weit über ihre pädagogische Bedeutung hinaus zu einem wichtigen Faktor in unserer städtischen Kolonisation geworden ist. Wohl war es ein Geburtsfehler, daß man das erste hebräische Gymnasium nicht in der Metropole des Landes, in Jerusalem, ins Leben rief. Ussischkin hat das frühzeitig erkannt, und die Entwicklung des später begründeten Jerusalemer Gymnasiums hat ihm recht gegeben. Aber dieser Fehlgriff in der Ortswahl ward der Segen Jaffas. In der Tat: wir können uns heute das herrliche Tell-Awiw ohne das Gymnasialgebäude mit seinen Hunderten von Schülern und seinen vielen Lehrerwohnungen gar nicht denken. Gemeinsam ist jedoch beiden Gymnasien, daß sie die Schöpfungen einzelner sind und in ihren ersten Stadien als verfrüht betrachtet wurden. Während es aber das Jaffaer Gymnasium, wie gesagt, nicht mehr 'nötig hat, seine Existenzberechtigung zu beweisen — ist es doch bereits damit beschäftigt, Parallelklassen einzurichten! — so sind von der Bedeutung des Jerusalemer Gymnasiums bisher nur sehr enge Kreise durchdrungen. Es war der einzige gerechte Vorwurf, den Jadob Schiff mir gegenüber bei seinem seinerzeitigen Aufenthalte in Palästina gegen die zionistische Arbeit in Palästina vorbrachte: daß man Jerusalem zu sehr vernachlässige. Und doch ist die Organisierung der Intelligenz und die Verbreitung der Hausindustrie das einzige, was wir mit unseren bescheidenen Mitteln für Jerusalem tun können! Die meisten von uns halten das Projekt des Herrn Dr. Bendersky - Kiew bezüglich der Errichtung einer medizinischen Hochschule für ganz verfrüht. Auch der weit bescheidenere Vorschlag des Herrn Dr. J. Klausner, nämlich die Errichtung einer hebräischen Fakultät für Geisteswissenschaften, ist allem Anscheine nach noch nicht im Stadium der Reife. Aber im Herzen sind wir uns wohl alle darüber einig, daß die Gründung höherer Schulen in Jerusalem für uns eine Frage ersten Ranges ist. Gelänge es uns, in Jerusalem eine achtunggebietende jüdische Universität zu schaffen und zu erhalten, so würde dies nicht nur unser Prestige im Lande außer-