Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1240 - DIE2 sächlich verlassen die Juden die kleinen Städtchen, so daß in den letzten 20 Jahren in Ostgalizien einer Zunahme von 74 000 die Auswanderungvon 160 000 Juden gegenübersteht. Die polnische und ruthenische Bevölkerung der Städte wächst schneller als die jüdische, welche allmählich den anderen Nationen den Platz räumen muß. In Buczacz und Brody haben die Juden eine absolute, in Stanislau, Zolkiew, Tarnopol, Kolomea und Drohobvcz eine relative Majorität. Ueberh a u p t haben sie in 10 von 19 Städten ein Uebergewicht. Brody hat 671;3°,o Juden, Buczacz 54,-4'-S, Stanislau 45,6 "o, Kolomea 44,3 «»o, Drohobvcz 44,2 <><>, Zolkiew 40,6 »/o, Tarnopol 41,3 Zloczöw 39,6 <>o, Sokal 38,9 <Vb, Sonok 38 o/0> Brzezany 36 uo, Snialyn 35,5 "o, Stryj 34,6 "o, Lemberg 27,8 o/o usw. Für die jüdische städtische Bevölkerung läßt sich folgende Regel aufstellen: In fast allen Städten verringert sich allmählich die prozentuale Stärke des jüdischen Elementes zu Gunsten des polnischen und ruthenische n. In Städten, die keine Fortentwicklung zu verzeichnen haben, ist die jüdische Emigration am stärksten (der Rückgang der Handelsstadt Brody!). Nur Lemberg, Drohobycz, Stanislau und S t r y j haben einen starken jüdischen Zuwachs erhalten. Die traurige wirtschaftliche Lage hat eine Verringerung der jüdischen Bevölkerung verursacht. Mögen diese Zahlen alle Juden in Galizien aufmuntern, den Kampf für die jüdischen Rechte fortzuführen! Der 11% starken jüdischen Nation muß man — wenn Recht in Galizien herrschen soll — eine ihrer Ziffernzahl entsprechende Mandatensumme sichern. Ueber die Zukunft der 900 000 galizischen Juden müssen im Landtage jüdische Abgeordneten mitberaten. Jüdische Städte, die eine jüdische kompakte Masse haben, sollen n u r jüdische Wahlkreise bilden! Lemberg. Ben Koach. Die Repräsentanz der südafrikanischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) J o h a n n e s b u r g. Dal! die Juden Südafrikas nicht den Vorwurf der Rückständigkeit verdienen, dafür spricht der vor einigen Wochen gegründete United Board o f D e p u t i e s. Schon seit einigen Jahren bestand in Johannesburg ein Board of Deputies der in Transvaal und Natal lebenden Juden, und eine ähnliche Körperschaft fungierte in Kapstadt für das Kapland. Diese beiden Organisationen haben zweifellos viel Gutes getan, aber jetzt, da die Vereinigung Südafrikas durchgeführt wurde, erwies es sich doch als wünschenswert, daß ein gemeinsamer Board of Deputies zur Vertretung aller Juden Südafrikas geschaffen wurde. Die Aufgabe des Board of 'Deputies wird sein, die gesamten bürgerlichen Interessen der Juden gegenüber der Regierung zu vertreten. Damit entstand die Frage, welche Stellung die zionistische Organisation in Südafrika zu dieser neuen Institution einnehmen sollte? Von Seiten einiger Personen wurde die Meinung vertreten, daß die Zionisten sich von dem neuen Board of Deputies völlig fernhalten müßten. Wir können es jedoch nur begrüßen, daß die Zionisten diesen Standpunkt nicht akzeptierten und daß sie in dem Board of Deputies sehr gut vertreten sind. Noch erfreulicher ist es, daß in dem Komitee, welches zur Ausarbeitung eines Konstitutions¬ und Statutenentwurfes für den Board gebildet wurde, ivon dreizehn Mitgliedern sieben Zionisten sind, darunter verschiedene Mitglieder der Exekutive der South African Zionist Federation. [ELT Nr. 40 Der König-Eduard-Oelbaumhain Bekanntlich haben die hiesigen Zionisten seinerzeit beschlossen, einen Oelbaumhain in Palästina auf den Namen des verstorbenen Königs Eduard VII. zu gründen, als Dank für seine Freundschaft für das jüdische Volk. Der Wald soll aus 10 000 Bäumen bestehen, von denen bereits ca. 1000 gestiftet worden sind. Zur Förderung dieser Stiftung veranstaltete der Johannesburger Jewish National Fund Club ein Kostümfest, das außerordentlich gut besucht war. Die Gattin des Mayors (Bürgermeisters), Airs. Do well Ellis, war mit ihrer Schwester erschienen und verteilte die Preise. Der Erfolg war sehr groß, und es ist zu hoffen, daß dem Fonds ein erheblicher Betrag zugeflossen ist. Das politische Programm der osmanischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) K o n s t a n t i n o p e 1. Die Wahlgruppe, deren Entstehen auf die Initiative der leitenden Körperschaft der jüdischen Nation in der Türkei, des Medschliss Dschismani zurückzuführen ist, ist, wie es unfehlbar geschehen mußte, bei ihrer Arbeit an den Punkt gelangt, wo sie ohne Programm, d. h. ohne vollendete Selbstklärung und ohne Willensbekenntnis, nicht mehr auskommen konnte. Und so hat sie sich denn ihr politisches Programm geschaffen, das künftig den politischen Leitstern der jüdischen Nation in der Türkei abgeben soll. Dieses Programm ist durch und durch patriotisch und durch und durch jüdischnational. Es beweist, daß eine vollkommene Harmonie dieser beiden Grundprinzipien nicht nur möglich, sondern auch naturgemäß und logisch ist. Wir geben im folgenden eine deutsche Uebersetzung des vorläufig französisch gefaßten Program nies wieder, wie es in der letzten Sitzung der Wahlgruppe einstimmig angenommen wurde. „Die jüdische Wahlgruppe legt ihrer Tätigkeit folgende Thesen zugrunde: 1. Das jüdische Element, eines der völkischen und religiösen Elemente des einen und unteilbaren osmanischen Reiches, arbeitet mit allen Kräften und in harmonischem Zusammenwirken mit allen anderen Elementen für die politische Einheit, die Unabhängigkeit und die Macht des osmanischen Reiches, sowie für den Schutz und die Verteidigung der osmanischen Konstitution. 2. Es arbeitet für die soziale, intellektuelle und ökonomische Hebung des Reiches, für die Reformierung der Justiz, des Steuerwesens, der Boden- und Immobiliengesetze sowie der Arbeitergesetzgebung in modernem Sinne; insbesondere für die Abänderung der Zehnten-Einnahme, für die Entwicklung der innerosmanischen Kolonisation, für Abschaffung aller Ausnahmegesetze oder Restrikt iv-M aß regeln, die dem Geiste der Verfassung widersprechen, für Einführung des Hypothekenwesens und Anerkennung der Gesellschaften als juridische Personen im Immobilien wcsen, und für die Einführung des obligatorischen und unentgeltlichen Elementarunterrichts für alle osmanischen Kinder, 3. Alle Elemente des Reiches haben Anrecht auf die Erhaltung ihrer nationalen und religiösen Existenz innerhalb der Grenzen der Konstitution des Reiches und der organischen Statuten, die ihnen von altersher bewilligt wurden, auf die Aufrechterhaltung ihrer Sitten und Gebräuche, sowie auf den Gebrauch und die Pflege ihrer nationalen Sprachen und Kulturen.