Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316554--56563-3350446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Um so schädlicher ist das Verhalten einzelner Exaltados. Gegenwärtig treibt wieder der Täufling Abg. Dr. Stransky sein Unwesen. Der deutsch-tschechische Ausgleich, dieses schwierige und heikle Werk, dessen Gelingen für die Entwicklung der Sudetenländer von größter Bedeutung ist, hat es diesem Uebertschechen jüdischer Abstammung angetan. Schon vor Jahresfrist erging er sich in den heftigsten Angriffen gegen die Führer des tschechischen Volkes, insbesondere gegen den bekannten Parlamentarier Dr. Kramarz, weil sie dem Ausgleiche zustrebten, und fand in den Zeiten schwerer wirtschaftlicher Not in einer Massenversammlung den traurigen Mut, vor jedweder Nachgiebigkeit gegenüber den Deutschen zu warnen. Inzwischen wurde an dem Ausgleichs werke mühsam weitergearbeitet, und weil es endlich einmal zustandezukommen „droht", zieht Dr. Stransky noch ganz andere Seiten auf. Dieser Tage suchte er in einer Prager Versammlung nachzuweisen, daß die Tschechen den Deutschen bereits auf den Leim gegangen und fast verloren seien. Es gäbe nur ein letztes Rettungsmittel: Das tschechische Volk müsse die mit den Ausgleichsverhandlungen betrauten Unterhändler verjagen und den Ausgleich begraben. Das dunkle Empfinden, daß der perfekte Ausgleich für Herrn Dr. Stransky das Ende seiner politischen Daseinsberechtigung bedeuten könnte, drängt ihn in einen Hyperradikalismus, der ebenso gefährlich ist, wie er diesen verflossenen Juden lächerlich macht. Er muß ihm den Haß aller modernen und friedliebenden Elemente des tschechischen Volkes eintragen. Der Organisation der tschechisch-assimilatorischen Juden aber, die mit Dr. Stransky in enger Fühlung steht, ist energisch zu raten, von dem genannten Herrn recht weit abzurücken, wenn sie sich an dieser Brunnenvergiftung und an dem Schaden, der der ganzen Judenheit des Landes aus ihr erwachsen könnte, nicht mitverantwortlich machen will. Der Anteil der Juden an der städtischen Bevölkerung Galiziens (Auf Grund der soeben erschienenen statistischen Ergebnisse.) Auf der Tagesordnung steht jetzt in Galizien die Landtagswahlreform, welche den langen und heftigen Streit der Polen und Ruthenen beendigen soll. Diese Wahlreform ist auch eine Lebensfrage für die zahlreiche jüdische Bevölkerung in Galizien, denn der polnisch-ruthenische Ausgleich droht den Juden mit völliger Entziehung ihrer politischen Rechte als selbständiger Nation, mit einer fast gänzlichen Ausschaltung bei der Verteilung der Mandate. Die Feindseligkeit der Behörden und die verräterische Taktik der wenigen „Vertreter" der jüdischen Massen bestätigen alle Befürchtungen, die im jüdischen Lager entstanden sind. Gerade jetzt, zur Zeit der allgemeinen Diskussion über die nationale Schichtung des zukünftigen Landtages, erscheint ein statistisches Buch von Dr. J. W e i n f e 1 d, welches auf Grund der Volkszählung vom Jahre 1910 die konfessionelle Zusammensetzung der städtischen Bevölkerung Galiziens in der Zeitperiode 1881—1910 gründlich untersucht. Als Städte betrachtet der Verfasser: Lemberg und Krakau, 30 kleinere Städte, die sich auf das Gesetz vom 13. März 1889 Z. 24 des Landesgesetzes berufen, endlich 139 Ortschaften auf Grund des Gesetzes vom 3. Juli 1896 Z. 51 des Landesgesetzes. Im Jahre 1910 betrug die Einwohnerzahl 1239 Galiziens 8 025 675; davon wohnten in Städten (Städtchen) 1595 028 (19,8oo), auf dem Lande dagegen 6 430 647 (80,2o». Wir müssen West- und Ostgalizien besonders betrachten, denn die Merkmale dieser beiden Landteile sind verschieden. In W e s t g a 1 i z i e n haben wir es mit Vertretern der römischkatholischen und jüdischen Konfession zu tun. Berücksichtigen wir zuerst die Stadt Krakau: -------- -------------------- - -------------- .... - - -...... ------.....------------- --------- ■ -.....- Jahr Gesamtzahl römisch-kath. griechisch-kath. mosaisch 1880 66 095 44 799 308 20 269 (67,8%,) (0,4%) (30,7 o/0) 1910 151 886 116 656 1698 32 321 (76,8%) (U°/o) (21,3%) In 11 Städten Westgaliziens lebten 51 257 Juden, in 56 Städtchen 68 046, in anderen Gemeinden 61 549; zusammen hatte also Westgalizien 213 173 (7,9 o«.) Juden. Von 100 Juden wohnten 71 in den Städten, nur 29 auf dem Lande. Der Zuwachs betrug in den letzten 30 Jahren 46 628 (26,3°n)> während in derselben Zeit die römisch-katholische Bevölkerung 28,6 °o zugenommen hat. Der schwächere Zuwachs der Juden hat seine Ursache in der Auswanderung, die in annähernden Ziffern folgendermaßen aussieht Jahr Ganz Galizien Westgalizien Ostgalizien 1881-1890 36 660 23 571 13 089 1891—1900 114 000 25 700 88 300 1901-1910 85 844 14 125 71719 Charakteristisch ist nicht nur die Auswanderung der Juden ins Ausland, sondern der überall zu beobachtende Zug vom Dorfe in die Stadt. Die Genossenschaften und andere ökonomische Bedingungen zwingen den Juden in Westgalizien, seine Stelle aufzugeben und in der Stadt sein Fortkommen zu suchen. In Ostgalizien wohnen Polen, Ruthenen und Juden. Hier kommen die nationalen Unterschiede zum Ausdrucke, hier entbrannte der eigentliche nationale Kampf um die Vorherrschaft, der jetzt allem Anscheine nach bald eine friedliche Lösung finden wird. In Ostgalizien wohnen dreimal so viel Juden, als in Westgalizien. Die größte Anhäufung haben wir in Lemberg: Jahr; Gesamtzahl i! römisch-kath griechisch-kath. mosaisch 1880 109 746 58 602 (53,4%) 17 496 (15,9%) 30 961 (28,2%) 1910 206 113 105 469 (51,2 %) 29 314 (19,1 °/0) 57 387 (27,8 o/0) In 83 anderen Städten wohnten (1910) 185 532 Juden. Sie bildeten in diesen Gemeinden 42 o.'o, während die römischkatholischen 26,2 o/o, die griechisch-katholischen 31,3 °/o ausmachten. Zu bemerken ist aber, daß sich in diesen Städten die jüdische Bevölkerung fortwährend verringert, denn ihr Anteil betrug anno 1880 48,1 o/0j 1910 dagegen nur 42 o/o! Im Jahre 1910 hatte Ostgalizien 658 722 Juden, das ist 12,3% der Gesamtzahl zu verzeichnen. Davon wohnten 40°/o auf dem Lande, 6O0/0 in Städten. Mit Ausnahme Lembergs emigrieren die Juden aus allen Kategorien der galizischen Ortschaften, deshalb ist ihre Zunahme niedriger als die der anderen Konfessionen. Haupt-