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Die Welt · 1912-10-02 · 40 (2.10.1912) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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123S __ -DIE1 die Wiedergeburt ihres eigenen Volkes erst in die jüngste Vergangenheit reicht. Die Stellung der tschechisch-jüdischen Assimilanten ist im letzten Jahre, seitdem in den tschechischen Gebieten Böhmens intensiv zionistische Propaganda und Aufklärungsarbeit geleistet wird, stark erschüttert. Von pikantem Reiz ist es, daß der Führer der tschechischen Juden, Dr. Eduard L e d c r e r, im Vorjahr eine Palästiiiare ise unternommen hat und seine Eindrücke in einem Buch Palästina", das auch in Fortsetzungen im tschechischjüdischen Blatt „Rozvoj" erschienen ist, niederlegte. Lederer, der auch als tschechischer Dichter gilt, gibt eine höchst anziehend geschriebene Reiseschilderung. Von den jüdischen Kolonien erfährt man im ganzen Buche nur, daß Lederer sie nicht bemerkt und auch nicht aufgesucht hat, daß er sich aber von einem Konnationalen", einem Herrn Kucera, den er zum Glück dort traf, über die Mißstände und die Mißwirtschaft in den jüdischen Kolonien informieren ließ. Und dann berichtet Lederer noch, daß die Juden auch in Palästina „germanisieren". (Dieses Schlagwort haben die tschechischjüdischen Assimilanten gegen die böhmischen Zionisten geprägt, um die tschechische Oeffentlichkeit gegen sie aufzuhetzen.) Hoffentlich wird das Feuilleton der „När. L." nach dem Buch des Dr. Lederer klärend wirken und der tschechischen, aber auch der jüdischen Oeffentlichkeit die Augen öffnen. Jüdische Schulfragen (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. In der Bukowina, einem jener seltenen Länder, die kein prinzipielles Assimilantentum aufzuweisen haben, empfand die jüdische Bevölkerung aller Stände seit jeher den Wunsch, ihre Kinder in jüdischem Geiste und in der Sprache unserer Väter unterrichten zu lassen. Und so entstanden in mehreren Ortschaften hebräische Schulen. Diesem Bedürfnis Rechnung tragend, gründete auch die jüdische Kultusgemeinde von Czernowitz eine ,,Jüdische Schule"'. Und tatsächlich könnte diese Schule geeignet und berufen sein, den Stand unserer nationalen Kultur zu verbessern. Dies beweist schon die Tatsache, daß die genannte Schule von ca. 500 Kindern besucht wird. Indes entspricht der hebräische Unterricht, der dort erteilt wird, nicht dem Bedürfnis und der Erwartung der Eltern, noch den Begriffen einer modernen Unterrichtsweise. Deshalb werden, gleichfalls von der Kultusgemeinde, hebräische Freikurse unterhalten. Diese bekamen zwar einen tüchtigen Lehrer, aber die Schüler der „Jüdischen Schule" sind nicht in der Lage, neben den obligatorischen Unterrichtsstunden noch die Freikurse zu besuchen. So verläßt das Schülermaterial diese Schule mit kaum nennenswerten Kenntnissen des Hebräischen und die an sich wertvolle Institution der nationalen Schule existiert zwecklos. Der jüngste Schulzwischenfall (der Antrag der christlichen Gemeinderäte auf Konfessionalisierung der Schulen, vgl. „Welt" Nr. 31) wird wohl die leitenden Faktoren der Kultusgemeinde aus ihrer Lethargie aufgerüttelt und ihnen die Notwendigkeit einer Reformierung und Ausgestaltung der „Jüdischen Schule" nahegelegt haben. Ebenso müßten auch in den übrigen Städten nationale Schulen begründet werden. Es blühen bereits in den Städten Wasch koutz, W i z - nitz und Sadagöra rein hebräische Schulen, die die hebräische Sprache nach moderner Methode unterrichten und hebräische Lektüre betreiben. Diese Schulen, die von keiner Seite subventioniert werden, erfreuen sich eines zahlreichen Besuches und weisen glänzende Erfolge auf. Sie sind [E LT Nr. 40 fast ohne Anregung von außen aus der Mitte der Bevölkerung heraus entstanden. Hervorzuheben ist das Gedeihen der Schule „Safa-Brura" in Sadagöra, welche schon nach wenigen Monaten ihres Bestandes bereits im Mai eine öffentliche Prüfung ihrer 70 Schüler und Schülerinnen abhielt und mit ihren Erfolgen geradezu verblüffte. Interessant ist, daß dort der Unterricht von einer einzigen Lehrkraft, einer jungen Dame, die für das zionistische Ideal begeistert ist, erteilt wird. In Kürze dürfte im neuen Gebäude der jüdischen Tovnbeehalle, dessen Bau der Vollendung entgegengeht, ein hebräischer Kindergarten eröffnet werden. Mit den bereits bestehenden hebräischen Schulen und Kursen ist jedoch die jüdisch-nationale Schul- und Erziehungsfrage noch lange nicht gelöst, die jüdische Bevölkerung verlangt weitere hebräische Unterrichtsgelegenheiten. Zur Lösung dieser Frage sind aber in erster Linie die Kultusgenieinde- Verwaltungen kraft ihrer ansehnlichen Machtbefugnisse und Mittel berufen. In diesem Sinne hat sich auch die vor einigen Monaten hier abgehaltene zionistische Landeskonferenz ausgesprochen. Ein würdiger Hochschullehrer (Von unserem Berichterstatter.) Wien. In der Wiener „Ostdeutschen Rundschau", dem Organ der deutschradikalen Rassenantisemiten, erniedrigt sich ein Hochschullehrer, der Münchener Privatdozent Dr. Wirth, dazu, die gesamte jüdische Universitätshörerschaft in einem Schmähartikel ganz ordinär zu beschimpfen. Um gleich zu charakterisieren, welch (ieistes Kind dieser würdige Priester der ,,voraussetzungslosen Wissenschaft" ist, sei vorausgeschickt, daß nach seinem Dafürhalten nur ,,Söhne der besten Sippen" akademische Bürger werden dürften. Er behauptet, daß den „H ebräern aus Russisch- Polen und G a I i z i e n die schönsten Theorien dazu dienen, niedere Gedanken zu nähre n", daß die jüdischen Jünglinge aus dem Auslande an die Universitäten n u r k ä m e n, „um deutsche F a b r i k s - g e h e i m n i s s e" zu erlauschen usw. Wir hätten der Schimpforgie dieses Jugendbildners, die natürlich in allen Antisemitenblättern jubelnden Widerhall fand, nicht Erwähnung getan, wenn sie nicht wieder ein Beweis dafür wäre, wie unsäglich traurig die Situation unserer jüdischen Jugend an den deutschen Hochschulen ist, wie sich dem rüden Haß der Herren „Kommilitonen" der Unverstand so mancher Herren Professoren zugesellt, und daß die jüdische Bürgerschaft allen Grund hätte, ihr bestes Gut, die studierende Jugend, in treuester Solidarität zu stützen. Wir haben volle Ursache, auf unsere Akademiker stolz zu sein, die vielfach den Weg aus der ärmsten Enge durch Mühsal und Hunger zur Hochschule so sicher finden, wie die Herren „Söhne der besten Sippen" den Weg aus dem Hörsaal in die Kneipe .... Im übrigen sind wir neugierig, wie der Münchener akademische Senat die von einem Mitgliede des Lehrkörpers den jüdischen Söhnen der alma m a t e r angetane Schmach abwehren wird. jDer Uebertscheche Dr. Stransky Wien. Es wurde mit Genugtuung konstatiert, daß sich selbst die assimilatorischen Juden in weit geringerem Maße an den fremdnationalen Streitigkeiten und politischen Kämpfen beteiligen als ehemals.

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