Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 DIEIaKELT 1237 obersten Rechte des polnischen Volkes zu betrachten" sei. Es sind dieselben fanatisch-polnischen Redensarten, die in anderer Variation damals gebraucht wurden, als die polnischen Nationaldeinokraten für die Beschränkung der Juden in der städtischen Selbstverwaltung Russisch-Polens votierten. Bei diesen Kämpfen zwischen Polen und Juden ist der lachende Dritte die russische Regierung, zu deren System von jeher bekanntlich in erster Reihe die Verhetzung der von ihr unterdrückten Völker gegen einander gehört. Die tschechisch-jüdischen Assimilanten und der Itoismus (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Dem letzten Wiener Ito-Kongreß ist wohl eine große Bedeutung nicht beizumessen gewesen. Doch für uns in Oesterreich wurde er interessant durch den Widerhall, den er geweckt hat. Es hat sich die merkwürdige Erscheinung gezeigt, daß die Führer der Assimilanten aus dem Itoismus eine Waffe gegen den Zionismus schmiedeten und ohne jedes wirkliche tiefergehende Interesse an der territorialistischen Bewegung in der Ito-Konferenz nur eine Gelegenheit zur Demonstration gegen den ihnen zu mächtig werdenden Zionismus suchten. So ergab sich in Wien die merkwürdige Situation, daß die Wiener Kultusgrößen mit Zangwill zu Herzls Grab pilgern sollten . . . Das Interessanteste ist aber das Echo, das Zangwill bei den tschechischen Assimilanten fand. Diese im „Verband der tschechischen Juden" organisierten Leute stehen bekanntlich :iuf dem Standpunkt, daß die Judenfrage in den verschiedenen Ländern verschieden zu lösen sei: Bei uns in Böhmen durch Assimilation an die tschechische Nation, deren Interessen uns daher auch einzig und allein in unserm politischen Verhalten zu bestimmen haben. Das Organ dieser zum Zweck der Assimilation verbundenen Juden, der „Rozvoj" („Auflösung"), diskutiert seit einigen Wochen mit viel Ernst und Pathos, allerdings mit wenig Sachkenntnis, die territorialistischen Bestrebungen: Den Gipfelpunkt der Komik erreicht ein Artikel eines tschechischjüdischen Führers, der in einer der letzten Nummern des „Rozvoj", unter der Ueberschrift „Der Zangwillismus" erschienen ist. In diesem Artikel heißt es (wörtlich übersetzt): „Wir meinen, daß unsere Hilfe anders organisiert werden müßte: nicht erst dann helfen, wenn ein Pogrom stattgefunden hat, wenn hunderte von Leichen die Straßen bedecken, wenn das Weinen und Jammern der Greise und Kinder uns das Herz zerreißt, sondern organisiert, zielbewußt arbeiten, bevor der Pogrom entsteht bzw. daß er nicht entstehen kann. Es ist gut, sich bewußt zu machen, wo die Ursachen der Pogrome und der Feinschaft gegen die Juden liegen. Nicht nur in Rußland, sondern auch hier bei uns. Der Pogrom beginnt nicht mit Schlagen und Morden, sondern vorausgeht das Hetzen von den Kanzeln, in Zeitungen, durch Reden. In Rußland ist es die Regierung selbst, welcher heute die Juden Millionen Rubel borgen, damit sie morgen einen Pogrom gegen sie inszeniere. Und bei uns seht euch nur die jüdischen Reichen an, welche Tausende für den eucharistischen Kongreß gaben, damit denselben Tag in allen bischöflichen Blättern, von den Kanzeln usw. gegen sie gehetzt wird, damit gegen sie — vielleicht vorläufig unblutige, nicht öffentliche, aber fühlbare — Pogrome durchgeführt werden. Prag einmal, wieviel jüdische Waisenkinder in den öffentlichen Waisenhäusern sind! Und doch zahlen wir Juden für alle diese Zwecke, beteiligen uns an den Sammlungen, gewähren Unterstützung ..." So schildert der Verfasser die traurige und beschämende Lagr der Juden in Böhmen; der kundige Leser wird erstaunt fragen, wie das alles zum „Zangwillismus4'4 kommt und welchen Einfluß eine Kolonisation russischer Juden in Süd-Angola auf das Verhalten des Verschöncrungsvereins in Dobrichowitz hätte. Der Schluß des Artikels löst dieses Rätsel: „Ja, not w e n d i g i s t e i n e () r g a n i s a t i o n, n o twendig ist der Zangwillismus, zuerst daheim bei uns, der auf Achtung der tschechisch-jüdischen Bürger hinarbeitet, der die verschiedenen Angriffe der Dunkelmänner, seien sie in der Schule, in der Bank, im Verschönerungsvereiu oder anderswo, paralysiert, der die Rüstungen zu einer vereinigten Hetze gegen die Juden im Keime erstickt, Hilsneriaden unmöglich m^icht und Pogrome nicht zuläßt. „Zunächst bei uns, dann anderwärts und überall. Der Zangwillismus zur Erhebung aus seelischer Bedrängnis, der Zangwillismus zur Befreiung aus materieller Bedrängnis.44 Ich habe diesen Aufsatz hier zitiert, um zu zeigen, wie das unbewußt vorhandene Solidaritätsgefühl dieser Juden doch oft durchschlägt. So lächerlich der oben zitierte Schlußpassus ist, -- wenn man für „Zangwillismus'*' das Wort „Zionismus" setzt, gewinnt er einen gewissen Sinn. Das ist ein zionistischer Gedankengang der untersten Entwicklungsstufe; leider hat der „Verband der tschechischen Juden" in jüdischer Beziehung nur ein einziges Programm: Die Bekämpfung des Zionismus. Und es ist eine Ironie, die uns mit Genugtuung erfüllen kann, daß das Organ der fanatischesten Assimilanten, das unablässig in der unwürdigsten Weise gegen den Zionismus hetzt, die Notwendigkeit, einer alljüdisehen, einer jüdischnationalen Organisation verficht, die den Juden Selbstbewußtsein gibt und Achtung schafft. Schade, daft die Logik des Artikelschreibers nicht klarer ist und er einsehen lernt, daß Selbstbewußtsein und Assimilationskrtechereiunvereinbare Gegensätze sind. Und schade, daß der „Zangwillismus", der die Phantasie des tschechischen Juden sc unbeabsichtigt befruchtet, so viel Verwirrung stiftet. Eine publizistische Stimme über das jüdische Palästina die Größte Prager Tageszeitung, Die „Närodni Listy", bringt in ihrem Abendblatt von VI S i s über „Di e t ii m s in P a 1 ä s t i n a". 1 äst in ar ei s e u n t e r n o n i m e n Leiben in Erez Israel geradezu Kolonien genau besichtigt und vom '24. September ein Feuilleton R e n a i s s a n c e d e s J u d e n - Der Verfasser, der eben eine Pahat, schildert das neue jüdische enthusiastisch. Er hat die erzählt ihre Entwicklungsgeschichte mit viel Verständnis, Aus Artikel will ich nur einige Sätze „Das ist der einzige und beste gehen können; sie brauchen so ein dem vier Spalten langen anführen: Weg, welchen die Juden Fleckchen Erde auf der Welt, welches sie für ihr eigen halten können, in das sie mit ihrem nationalen Gefühl pilgern können, in das sie sich im Falle neuerlicher Verfolgungen, die gar nicht ausgeschlossen sind, wenden können." — „Wer die neue Generation von Juden in Palästina gesehen tat, wer die Begeisterung gesehen hat, mit welcher die Juden ihre alte Muttersprache lernen, und den Stolz, mit dem sie hebräisch sprechen, der u'ird aufhören, an der Möglichkeit der Auferstehung der hebräischen Sprache und des Hebraisinus zu zweifeln." Diese Stimme in dem gelesensten und verbreitetsteu tschechischen Blatt ist für unsere Bewegung in Böhmen von nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung. In der letzten Zeit mehren sieh die Zeichen der Sympathie für den Zionismus in den Kreisen der gebildeten tschechischen Kreise, die für eine nationale Renaissance viel Verständnis haben, da : J ' I (' 4;