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Die Welt · 1912-10-02 · 40 (2.10.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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\ 1236 DIE3&ELT: \J Nr. 40 frage, noch in der autonomen Selbstverwaltungsfrage in Russisch-Polen, konnten die assimilatorischen „Vorsteher" für die Juden etwas erreichen. Sie sind Drahtpuppen in den Händen der Polen, welche nach Bedarf durch die Assimilationsführer von den Juden politischen Nutzen ziehen. Persönlich werden sie dafür gut belohnt, damit ist aber auch ihre Rolle zu Ende. * * Werden diese Verhältnisse noch lange anhalten? Bis jetzt sehen wir nicht die Anzeichen einer Besserung. In Ostpreußen hat der Asemitismus bereits vollständig gesiegt; in Russisch- Polen werden die Juden mit immer stärkerer Wucht als „Litwaks", als Fremde bekämpft, und in Galizien führt man unter dem Deckmantel eines Kampfes mit den polenfeindlichen Zionisten die Verdrängungspolitik immer intensiver fort. Vergessen sind die alten Ideale der polnisch-jüdischen Verbrüderung. Die leitenden polnischen Politiker sind ganz der asemitischen Theorie des Paters M o r a w s k i verfallen. Die einzige Judenpolitik der Polen besteht heute im möglichst raschen Verdrängen fand Vertreiben aus iden polnischen Ländern. Ca □ □□DD WELTCHRONIK □ □□□□□ ji Die antisemitischen Ausschreitungen in Kiew Aus Petersburg wird uns geschrieben: Die neuesten Nachrichten über die Exzesse, welche sich in Kiew vor einigen Tagen abgespielt haben, beweisen in aller Deutlichkeit, daß die Agitation der „echtrussischen" Hetzagitatoren stets darauf gerichtet ist, jede Gelegenheit zur Veranstaltung von Pogromen wahrzunehmen. Denn die anderthalb Dutzend Exzedenten, welche in der Stadt selber die Ausschreitungen inszenierten, waren Heroen der Haßpropaganda, berüchtigte Offiziere der Verbändlertrupps, die, ärgerlich geworden über ihre Mißerfolge in der sogenannten Ritualmordaffäre, die Erinnerung an die vorjährigen Stoly pintage auszunutzen suchten. Die Vorgänge, die leicht das Präludium zu einem schrecklichen Pogrom hätten bilden können, spielten sich folgendermaßen ab: Am Abend des 1. September (a. St.) überfiel eine Bande von Hooligans einen Händler Milewski, der mit seiner Frau den Verchni Wal entlang ging, und verprügelte ihn mit Stöcken unter ständigem Zuruf: ,,Da hast du den 1. September! Das sei dir zum Andenken!" Als dann der mißhandelte Milewski aus den Händen der Bande sich losriß und auf einen in vollem Gang befindlichen Straßenbahnwagen sprang, eilte einer der Hooligans hinter ihm her und versetzte ihm vor den Augen der entsetzten Passagiere mit seinem charakteristischen Pogromstock weitere wuchtige Schläge. Später stellte es sich heraus, daß dieser Hooligan, der seine Tätlichkeiten mit dem Rufe: „Das ist euch für Stolypin!" begleitete, der berüchtigte Student Golubew, der Chef des Pogromjugendbundes „Doppeladler", war. Die Polizei hielt nun Golubew und seine Genossen, die Studenten Schimanski und Karnatowski, Karpow, Potapenko usw. an, sie ließ sie jedoch nach Aufnahme eines Protokolls in Freiheit, so daß sie die Exzesse fortsetzen konnten. Schlimmer aber als in der Stadt ging es in dem Vorort Slobodka zu, wo eine Horde von Verbändlern vier Juden, darunter den Lehrer Machlin, mit eisernen Stöcken und „eisernen Handschuhen" mißhandelte. Dort schritt die Polizei überhaupt nicht ein. Am Todestage Stolypins, am 5. September a. St., erneuerten sich die Ausschreitungen. In dem von Juden starkbewohnten Teil der Stadt, P o d o 1 genannt, erschien unter Führung desselben Golubew ein Haufe von Hooligans, die mit Schlauchen und eisernen Stöcken bewaffnet waren. Sie überfielen alle vorübergehenden Juden unter Gejohle und schrien: „Haut die Juden! Das ist euch für Stolypin! Haut sie!" Die Alexandrowskaja und die benachbarten Straßen hallten vom Geschrei der Mißhandelten wieder. Eine ganze Anzahl Juden und ein russischer Student erfuhren dabei schwere Mißhandlungen. Darauf begaben sich dieselben Hooligans nach dem oberen Teil der Stadt, nach dem Lybedskoirevier, einem zweiten Ghetto, und wiederholten dort vor der Hauptsynagoge mit ihren Eisenstöcken und Schläuchen die gleichen Heldentaten. Als sie endlich mit ihren Opfern nach dem Polizeirevier gebracht wurden, da mißhandelte Golubew noch auf der Schwelle des Polizeiamtes einen von den Verletzten, indem er mit seinem Eisenstock auf dessen Schädel einhieb. Indes auch diesmal begnügte sich die Polizei mit der Aufnahme eines Protokolls und entließ die Exzedenten trotz ihrer wiederholten Pogromversuche. Ein richtiges Kiewer Bild! Polen und Juden in der gegenwärtigen Wahlkampagne War s ch au. Die Wahlen zur dritten Duma hatten bekanntlich in ganz Russisch-Polen den Sieg des polnischen Kolo ergeben. Alle elf polnischen Abgeordneten gehörten zu den Nationaldemokraten, und es herrschte die trügerische Auffassung, als tob die gesamte Bevölkerung der russisch-polnischen Gouvernements nur engherzige polnische Nationalisten von antisemitischem Gepräge ins russische Parlament zu schicken bereit sei. Daß dem nicht so ist, dürften die diesmaligen Wahlen zur Duma beweisen. Denn neben den Nationaldemokraten kommt eine beträchtliche fortschrittliche Bewegung zur Geltung. Das polnische Kolo hat überhaupt durch seine Haltung in der Duma von seiner früheren Popularität so viel eingebüßt, daß seine Position im Lande als stark erschüttert gilt. Hinzugekommen ist nun noch, daß infolge mehrfacher Verschiebungen und anderer Wahleinteilungen die Entscheidung in den Städten Lodz und Warschau an die Juden übergegangen ist. Empört darüber bläst nun das polnische Kolo offen ins antisemitische Horn, während es früher nur verkappt antisemitisch gewesen war. Die Juden von Warschau verzichten zwar auf das Warschauer Mandat, das ihnen leicht zufallen könnte, aber sie wollen sich nicht wieder bedingungslos dem polnischen Vertreter ausliefern. Sie verlangen überhaupt wenigstens ein Mandat in ganz Russisch-Polen und vom Warschauer Vertreter, daß er ihre Gleichberechtigung anerkenne, wenn sie für ihn stimmen sollen. Man sollte denken, daß diese Forderungen selbstverständlich sind, daß die Juden gar nicht anders handeln können, wenn sie nicht selber Antisemiten werden wollen. Die polnischen Nationaldemokraten können sich aber in die veränderte Situation nicht hineinfinden. In einer Versammlung ihrer Mannen unter dem Vorsitz ihres Führers D m o w s k i faßten sie eine Resolution, laut welcher das Streben der Juden, „Warschau einen Deputierten aufzudrängen, der ihre Forderungen unterschriebe, als ein Attentat auf du

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