Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 40 (2.10.1912)
- Date
- 1912-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 DIE3§D ELT 1235 mente in den fünf letzten Jahren ihr wahres Antlitz gezeigt; sie erklärten sich als „fortschrittliche, progressive Antisemiten", was zu bedeuten hat, daß sie zwar in bezug auf die allgemeinen Richtungslinien ihrer Politik einen demokratischen Standpunkt vertreten; den Juden gegenüber fühlen sie sich aber zu keinen fortschrittlichen Ideen verpflichtet, weil die Juden eben ein fremdes, den Polen schädliches Element sind. Selbstverständlich bleiben die Erfolge einer solchen Verdrängungspolitik nicht aus, und die Juden in Russisch-Polen bekommen sie heute in Gestalt von Boykotten jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender sowie durch den heftigen Konkurrenzkampf der von der ganzen polnischen Gesellschaft und öffentlichen Meinung unterstützten Institutionen, die einzig und allein zwecks Bekämpfung der jüdischen wirtschaftlichen Kraft im Lande gegründet werden, hart zu fühlen. Und wenn die Juden in Russisch-Polen trotz allem bis heute noch in dem Kampfe ausharren, ist es nur dem Umstände zu verdanken, daß dort die Polen nicht über alle Machtmittel verfügen und daß insbesondere die politische Herrschaft im Lande nicht in ihren Händen liegt. Diese Machtmittel und eine fast unbegrenzte Herrschaft besitzen die galizischen Polen, und in Galizien sehen wir auch heute am deutlichsten die effektiven Resultate, nach denen die Polen in den letzten Jahrzehnten mit solcher Beharrlichkeit streben. Fast zweihunderttausend Juden sind in den zwanzig verflossenen Jahren aus Galizien verdrängt worden! Zweihunderttausend Menschen haben die polnischen Machthaber aus Galizien vertrieben, aus einem Lande, wo die ganze Bevölkerungszahl der Juden nicht einmal 900 000 Personen ausmacht. Dieses für die polnischen Asemiten so glänzende Resultat wurde aber ohne Pogrome, ohne Europas Proteste heraufzubeschwören, ganz im stillen erreicht. Durch ein Gesetz nahm man Tausenden jüdischer Salzhändler ihr Brot; durch ein Gesetz wurde eine überaus strenge Sonntagsruhe eingeführt, welche die jüdischen Kaufleute der nunmehr überlegenen christlichen Konkurrenz ausgeliefert hat; durch ein Gesetz wurden zehntausend jüdische Schanker ums Brot gebracht. Was Gesetze nicht mehr leisten konnten, wurde durch Verordnungen der Behörden und durch die tägliche „Praxis" besorgt. Christliche Handwerker wurden auf jede mögliche Weise unterstützt, ausgebildet und mit Arbeit versorgt; Tausende jüdischer Schuster, Schneider, Kürschner wurden schikaniert und verdrängt — der einst in Galizien blühende jüdische Handwerkerstand geht jetzt gänzlich zugrunde, weil ihn die Gewerbebehörde auf jede Weise unterdrückt. Hatten sich die galizischen Juden in den letzten Jahren durch den flotten Kreditverkehr ein wenig heraufgearbeitet, so wurde bald für einen stanken Rückschlag gesorgt, und die Geldkrise wird jetzt von den polnischen Banken dazu benützt, den jüdischen Kaufleuten den Kredit zu entziehen und die christlichen Handeltreibenden noch mehr zu stärken. Daß die jüdische Intelligenz in die Aemter keinen Einlaß findet, ist eine längst bekannte Tatsache. Durch solche und ähnliche Mittel ist das asemitische Ziel leicht zu erreichen gewesen. Außer der so schrecklich hohen Ziffer der jüdischen Auswanderer, emigrieren jetzt noch Tausende von Juden aus den Dörfern in die größeren Städte, um das jüdische städtische Lumpenproletariat noch mehr zu vergrößern, weil durch die bäuerlichen Handels- und Verkaufsgenossenschaften die Juden in den Dörfern ganz entbehrlich geworden sind. Der breite Strom der jüdischen Auswanderung, der panikartigen jüdischen Flucht aus Galizien, schwillt aber immer mehr an, und es gibt heute keine einzige jüdische Familie im Lande, welche nicht einige ihrer Mitglieder und Verwandten in Amerika oder anderswo im Auslande hätte. Unter dem Kennzeichen des Asemitismus, der Verdrängung der Juden aus den polnischen Ländern, steht heute die ganze polnische Judenpolitik. Nicht eine polnische Partei ist es, welche diese Politik zu ihrem Programm gemacht hat — alle polnischen Parteien haben diese Politik eingeschlagen, und konservativ oder liberal, regierungsfreundlich oder oppositionell, alle sind sie in ihrer praktischen Arbeit asemitisch, auf den Ausschluß der Juden bedacht. Theoretisch wird die Frage ganz anders gestellt. Da heißt es nicht mehr, die Juden verdrängen und sie vertreiben; da faselt man davon, sie „heranzuziehen" sie zu „nationalisieren" und zu „assimiliere n". Deutsche und französische Antisemiten sind wenigstens offenherzig. Sie sind Judenfeinde, sie sagen es offen, und wollen von den Juden nichts wissen. Anders die Polen. Praktisch die Juden zugrunde richten, theoretisch sie als Teil ihrer eigenen Nation zu betrachten, oder eigentlich sie betrachten zu lassen — das ist die Devise der polnischen Judenpolitik. Unsere Kraft und Macht gänzlich zu zerstören, unsere Zahl sich einzuverleiben, weil man sie ja, insbesondere in Galizien, dringend braucht — das ist die Quintessenz der politischen Weisheit der führenden polnischen Politiker. Was Wunder, daß jetzt die polnische Assimilationsidee unter den Juden der polnischen Länder völlig bankerott ist. Die Polen verlangen von den Juden, daß sie sich nur als Polen fühlen sollen. Wie ist dies aber möglich, wenn dieselben Juden von ihnen wirtschaftlich boykottiert und zugrunde gerichtet werden, kulturell aber sich gänzlich vernachlässigt sehen? Die Lüge der Assimilation tritt — unserer Meinung nach — nirgends so offenkundig, wie bei den polnischen Juden hervor. Als Politik können doch nicht nur Wahlen, Zeitungsartikel, Parteiprogramme und Abgeordnetenmandate in den drei Polenklubs gelten. Bei den Wahlen in Galizien und Russisch-Polen verlangen die Polen, daß wir nur „polnisch" stimmen sollen; in Zeitungsartikeln und Parteiprogrammen werden wir gnädigst als Polen mosaischer Konfession aufgezählt, denen „selbstverständlich" Gleichberechtigung gewährt werden soll; man gestattet sogar jüdischen Abgeordneten, den Polenklubs anzugehören, weil doch die Juden — Polen sind. Dann brüstet man sich vor Europa: „Wir sind keine Antisemiten. Juden sitzen als Gleichberechtigte in unserer Mitte." Zu Hause wird aber der Jude fortgejagt und das ist polnische wirtschaftliche und kulturelle Judenpolitik. Diese Lug- und Trug-Politik muß selbstverständlich ihre Lügner und Betrüger haben, und diese Rolle versehen die polnischen Assimilationsjuden. Die jüdischen Massen stehen in den polnischen Ländern jeder Assimilation fern. Von einem gesellschaftlichen Verkehr, der die Grundlage für eine Assimilation mit dem polnischen Milieu wäre, ist hier, wie schließlich auch in den westlichen europäischen Ländern, keine Rede. Kulturelle Assimilation könnte höchstens in Galizien durch die dortigen polnischen Schulen möglich sein; es wird aber von polnischer maßgebender Seite schon dafür gesorgt, daß die Massen der Bevölkerung nicht allzu viel von diesen Schulen genießen, und daß sie sich dort nicht allzu wohl fühlen. Weil aber die Theorie der polnischen Judenpolitik assimilierte Juden nötig braucht, hat man sie sich in einigen Reklame-Exemplaren geschaffen. Man hat ihnen Mandate und Titel besorgt, man gibt ihnen den Schein eines Einflusses im Lande — und sie sind da! Tatsächlich haben aber auch die Dickst «ins und Löwensteins, die Nußbaums und Horowitz' gar keinen Einfluß, nicht nur nicht auf die polnische Politik, sondern auch nicht auf die Entschlüsse der polnischen Politiker und Parteien in den unbedeutendsten jüdischen Fragen. Weder in der Sonntagsruhe- und der Schänker-