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Die Welt · 1912-10-02 · 40 (2.10.1912) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
40 (2.10.1912)
Date
1912-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1234 DIEg^KELT Nr. 40 POLNISCHE JUDENPOLITIK Von Moses Frostig, Lemberg Es war einst eine Zeit, da waren die Polen aufrichtige Judenfreunde und betrachteten uns sogar als ihre Brüder. In der „Sturm- und Drang"-Periode der neueren polnischen Geschichte, in den Jahren 1831 bis 1860, zwischen dem ersten und zweiten polnischen Aufstande gegen Rußland, wendeten sich mehr als einmal die führenden polnischen Politiker an die Juden mit den schmeichelhaftesten Worten und Versprechungen, um sie für die revolutionäre polnische Idee zu gewinnen. Ein Aufruf, der in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vom polnischen revolutionären Komitee in Paris herausgegeben wurde, versprach sogar den Juden für ihre tätige Mithilfe im Aufstände wörtlich: „Und wenn die Vorsehung es einmal gestatten würde, daß auch Ihr (Juden) Eure Heimat Palästina wieder für Euch erobern wollt, werden wir freie Polen Euch zur Seite stehen und Euch darin unterstützen." M i c k i e v i c z, der größte polnische Nationaldichter, schrieb damals in seinen „Vorträgen über die slavische Literatur": „Umsonst hat man sich bis nun bemüht, die Judenfrage mit der polnischen Frage durch das Versprechen zu verbinden, den Juden Grundeigentum und eine bessere materielle Zukunft zu sichern. Konnte denn das jüdische Volk Jahrhunderte seines durchlittenen Elends vergessen, konnte es seine ruhmreiche Vergangenheit um ein Stückchen Brot verkaufen? Und welches Unglück wäre esgar für die Welt, wenn dieses letzte Stück des uralten Geschlechtes, das nie seinen Glauben an die Vorsehung verloren hat, an sich selbst Verrat ü b e n w ü r de." Nicht nur Worte waren das, sondern fester ehrlicher Glaube. Führende polnische Geister wollten tatsächlich mit jüdischer Hilfe durch einen bewaffneten Aufstand das Königreich Polen herstellen. Mickievicz und andere Führer der polnisch-revolutionären Bewegung formten bereits polnisch-jüdische Legionen in der Türkei und schwärmten für die Idee, den vaterlandslosen Polen und Juden ihre Heimat zurückzuerobern. Nach dem mißglückten zweiten Aufstande vollzog sich der Umschwung. In den siebziger und achtziger Jahren verwarf man die revolutionären Ideen, und nur „positive Arbeit", praktische Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte, stille kulturelle Tätigkeit, sollte die polnische Nation stärken und sie den nationalen Feinden gegenüber widerstandsfähig machen. Zusammen mit allen anderen großen Idealen wurde auch die schöne Idee der aufrichtigen polnisch-jüdischen Verbrüderung vergessen. „Positive Arbeit" war in erster Reihe Kräftigung des polnischen Wirtschaftslebens, und da kam man bald darauf, daß dies nur auf Kosten der Juden geschehen könne, da doch an eine Verdrängung der Preußen und Russen nicht zu denken war. Und der Kampf, der damals begonnen, dauert bis an den heutigen Tag in allen drei Teilen des früheren polnischen Königreiches. . * * * Man spricht oft von einem polnischen Antisemitismus, wie man über deutsche oder französische Antisemiten sprechen hört. Wir glauben das richtig stellen zu müssen. Einen Kampf gegen die jüdische Art, einen Haß gegen das jüdische Wesen, führen und fühlen die Polen nicht. Es gibt keinen polnischen Chamberlain; die Polen lassen sich überhaupt in einen theoretisch-philosophischen Streit über die „Minderwertigkeit" und „Schädlichkeit" der jüdischen Rasse nicht ein. Sie haben eine ganz andere Form herausgefunden, um sich in ihrem Judenhasse zu betätigen, den Astmitismus. Ein polnischer klerikaler Landtagsabgeordneter, Pater M o - r a w s k i, hat die Erklärung für den Asemitismus gegeben : „Siehst du, daß man einen Juden schlägt, dann tritt hinzu und hilf ihm. Kaufe aber nicht bei einem Juden und meide ihn auf Schritt und Tritt. Lasse ihn materiell zugrunde gehen, denn nur dadurch wirst du dich selbst stärken." Der Asemitismus ist aber jetzt zugleich mit der „positiven Arbeit" der leitende Grundsatz, der Leitstern der polnischen Politik. Keine Pogrome werden veranstaltet, und es entstehen auch nicht polnische antisemitische Parteien. Eine polnische christlich-soziale Richtung, wie sie die Wiener christlich-soziale Partei oder die reichsdeutschen Antisemiten darstellen, gibt es gar nicht. Die maßgebenden polnischen Parteien reden sehr oft über die Notwendigkeit der Gleichberechtigung der Juden, und sogar in Russisch-Polen, wo die herrschende Allpolen- Partei am meisten judenfeindlich gesinnt ist, sind die Polen weit entfernt von den gehässigen Auslassungen der russischen Markows und P u r i s ch k i e w i c z s. In bezug auf die Juden führen heute die leitenden polnischen Parteien und Politiker eine kluge Politik des Schweigens; sie brüsten sich nicht mit ihrem Judenhasse und hängen ihn nicht an die große Glocke, wie dies die Antisemiten anderer Nationen zu tun gewöhnt sind. Ihren Judenhaß setzen sie im stillen in Taten um, in Asemitismus, in das Streben, die Juden kulturell und insbesondere wirtschaftlich zu schwächen, sie zu verdrängen und so aus den polnischen Ländern zu vertreiben. In Posen haben die Polen ihr städtisches Element glänzend organisiert und mit dem Losungsworte „Kampf gegen die Hakatisten", kämpften sie mit großem Erfolge gegen die — Juden. Die deutsche Kolonisation in Ostpreußen schreitet, wenn auch unter großen Geldopfern und nur sehr langsam, immer mehr vorwärts. Die Juden wurden aber in den letzten dreißig Jahren in Massen aus Ostpreußen verdrängt, und die letzten statistischen Veröffentlichungen weisen geradezu auf eine Flucht der Juden aus diesen Gegenden hin. Mit Freude konstatieren denn auch fast alle polnischen Zeitungen in Galizien und Russisch-Polen, daß die Posener Polen es am weitesten gebracht haben. Sie sind jetzt ganz judenrein und haben sich ihr eigenes, rein-polnisches städtisches Element geschaffen. R u s s i s c h - P o 1 e n wird jetzt ganz und gar von den Asemiten beherrscht. Der politische und gesellschaftliche Kampf gegen die Juden gehört dort bereits zur Vergangenheit, und über Fragen, die noch vor zwanzig und dreißig Jahren dort sehr aktuell waren, nämlich über die Möglichkeiten eines Zusammenlebens der Polen mit den Juden, wird heute nicht einmal mehr gesprochen. Auf der Tagesordnung steht ausschließlich die Forderung, sich von den Juden vollständig zu „befreien", d. h. die Juden wirtschaftlich so zu schwächen, daß sie im Lande zu einer „quantite negligeable" herabsinken und dann in Massen ihre bisherigen Wohnsitze zu verlassen gezwungen sind. In diesen asemitischen Bestrebungen sind sich alle dortigen polnischen Parteien einig, und nichts unterscheidet darin die chauvinistischen ausgesprochen judenfeindlichen Allpolen von den „Fortschrittlern" und Realisten. Die letzteren Parteien versprechen zwar in ihren Programmen, für die Gleichberechtigung der Juden eintreten zu wollen. Tatsächlich erklären sie sich aber mit den Allpolen in dem Bestreben einig, das polnische Wirtschaftsleben auf nationaler Grundlage aufzubauen und jedes „fremde" Element auszuscheiden, was praktisch einer Verdrängung der Juden aus dem Handel, Gewerbe und aus den freien Berufen gleichkommt. Uebrigens haben dort sogar die polnisch-fortschrittlichen und radikalen Ele-

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