Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 DIE ELT 1211 aber ist anzunehmen, daß die jüdischen Massen sich auf ihre alte bessere Ordnung des wirtschaftlichen Lebens besinnen werden. Im Handel und Wandel werden wir dort neue Gesetze schaffen, die unserem alten Geiste entsprechen. Man wird vielleicht einwenden, dies alles sei Zukunftsmusik, aber ohne Zukunftsmusik gibt es keine Zukunft, und ohne große Ideen keine Ideale. Ferner möchte ich bemerken, daß wir bei allen unseren Handlungen und kulturellen Unternehmungen auch das Wohl der arabischen Bevölkerung, hauptsächlich der mohammedanischen, ins Auge fassen müssen. Wir müssen mit dieser Bevölkerung in vollem Einverständnis und in Harmonie leben und uns nicht abschrecken lassen von gehässigen Zeitungsartikeln, die von dieser Seite gegen uns manchmal geschrieben werden, denn es sind in Palästina ganz andere Kreise, die uns entgegenwirken, die uns zuweilen mit einem freundlichen Lächeln empfangen und recht höflich gegen uns sind, unseren Plänen jedoch durchaus feindlich gegenüberstehen. Unseren Stützpunkt müssen wir nur in der einheimischen Bevölkerung suchen, und diesen Stützpunkt können wir nur dadurch gewinnen, daß wir die Kulturträger im Lande sind. Dann werden die einheimischen Elemente zu uns kommen. Es war an einem Freitag, der bekanntlich der mohammedanische Sabbat ist. Einige vornehme Araber-Scheichs machten ihren Spaziergang durch die Straßen Tel-Awiws. Sie bewunderten die Reinlichkeit, die modernen Einrichtungen, die Wasserleitung, das Gymnasium. Einer von ihnen wandte sieh an uns und bat: ,,Baut auch uns so etwas!" Ich sagte mir. darin mag vielleicht etwas Neid liegen, sicherlich aber auch noch ein anderes Gefühl: Bewunderung. Denn den Arabern gegenüber sind wir imstande, auf diesem Gebiete als mustergültig aufzutreten. Unsere Kolonien, unsere Schulen, unsere Stadtviertel und die anderen kulturellen Einrichtungen können als Oase in der arabischen Wüste betrachtet werden. Und der Araber und der Beduine sind für Oasen sehr dankbar. Zum Schlüsse begrüße ich aufs wärmste unseren Freund, Herrn Feldstein, der heute den Grundstein zu einer rationellen kulturellen Tätigkeit in Palästina legt. Ich erlaube mir, den Vorschlag, den Herr Feldstein schriftlich niedergelegt hat, wörtlich zu verlesen und unseren tiefsten Dank dem Manne auszusprechen, der die ganze Tragweite unserer Kulturarbeit in Palästina begriffen und einen solchen schönen Anfang zu ihrer Verwirklichung gemacht hat. Ein Weltverband zionistischer Studenten Von Dr. M. Sackheim-Jardeni Auf dem letzten Kongresse, dem „Jubiläumskongresse", der eine ansehnliche Zahl studentischer Delegierter und Teilnehmer aufwies, ist der Grundstein zu einer Weltorganisation zionistischer Studenten gelegt worden. In allen Ländern, wo Juden wohnen und die Sehnsucht nach Zion noch lebt, gibt es Vereine zionistischer Studenten, die nationale Garde, die schon jetzt überall mit jugendlicher Frische und Begeisterung in den vordersten Reihen unserer Kämpfer steht. Der Gedanke liegt also nahe, durch Vereinigung ihre Kraft und Bedeutung zu verstärken. Auf Initiative des akademischen Zionistenvereins in Bern erließ Prof. Dr. Orn stein, Generalsekretär des Kongreßbureaus, einige Wochen vor dem zehnten Kongresse einen Aufruf an die zionistische Studentenschaft mit der Parole: Organisiert euch! Während des Kongresses selbst hat eine vielbesuchte Versammlung von zionistischen Studenten alier Länder stattgefunden, in der beschlossen wurde, die Gründung einer Studenten- Organisation zum nächsten Kongresse vorzubereiten. Die Entwicklung dieser Idee geht aber sehr langsam vorwärts, und, wie mir Prof. Ornstein schreibt, stehen nur wenige Studentenvereine und Organisationen mit ihm in Verbindung. Die Hauptursache dieses indifferenten Verhaltens der vielen Vereine besteht erstens darin, daß sie sich mit diesem Problem noch wenig beschäftigt haben und daß ihnen die Aufgaben und die Bedeutung einer solchen Organisation noch nicht ganz klar sind, zweitens fehlt es noch an einer wichtigen Vorbedingung für den Weltverband: Die zionistische Studentenschaft der meisten Länder ist noch nicht in Landesverbänden organisiert, aus denen, auf föderativer Grundlage, eine Weltorganisation hervorgehen könnte. In Oesterreich, Amerika, England, Rußland usw. bestehen zahlreiche Einzelvereine, aber keine Landes- oder Provinzialverbände, was das Durchdringen des Weltverbandsgedankens technisch und auch prinzipiell bedeutend erschwert, denn jedesmal werden in einem anderen Verein die schon unzähligemal beantworteten Fragen aufgestellt: Wozu brauchen wir einen Weltverband? Worin wird ,sich seine Tätigkeit äußern und inwiefern wird er mehr als Einzelvereine leisten können? Wenn aber diese Einzelvereine sich schon zu größeren Verbänden zusammengeschlossen hätten, so würde sie die Praxis des Zusammenschlusses schon belehrt haben, von welcher fruchtbaren Bedeutung ein Weltverband sein könnte. Es sei hier auf einige Punkte näher eingegangen, und es wird mir eine Genugtuung sein, wenn die zionistischen Studentenvereine sich im kommenden Semester mit dieser Frage eingehender beschäftigen und zu ihr Stellung nehmen werden. Wenn in den Befreiungsbewegungen aller Völker die studierende Jugend eine bedeutende Rolle gespielt hat, so kommt im Zionismus — wo es sich mehr um p e r m a n e n t e Befreiungsarbeit handelt als um eine akute, zu der sich auch weniger begeisterungs- und opferfähige Elemente in den Tagen des nationalen Aufschwunges hinreißen lassen den jugendlich begeisterten Idealisten eine noch bedeutendere Rolle zu. Sie sind noch nicht so „praktisch" gerichtet, glauben noch an Ideale, geben sich ihnen hin und - erreichen Erfolge, die vorher als unerreichbar galten. Gerade im .Zionismus, wo es gilt, die theoretisch vollzogene Umwertung der Werte auch praktisch durchzuführen, soll die akademische Jugend ein Meer mustergültiger Voll zionisten bilden, das den anderen Teil zionisten als Vorbild dienen kann. Es gibt viele zionistische Postulate, die bei den meisten Zionisten vorläufig kaum durchgeführt werden können. Z. B. die Pflege der hebräischen Sprache und die Arbeit in Palästina. Beim besten Willen ist es doch vielen Zionisten nicht möglich, sich das Hebräische anzueignen oder nach Palästina zu gehen. Hier kann keine noch so stramme Disziplin helfen, auch keine Resolutionen, mögen sie auch einstimmig mit großer Begeisterung angenommen werden. Ein akademischer Verein