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Die Welt · 1912-09-25 · 39 (25.9.1912) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1210 DIE3&ELT v Nr. 39 ob es sich hier nur um einen Gegenstand des nationalen Stolzes handele, wenn wir von einer Weltanschauung sprechen, die im Orientalismus ihre Wurzeln hat. Unsere Gegner haben dies sehr wohl begriffen, und es liegt uns die Absicht fern, ihnen entgegentreten zu wollen. Im ürientalismus liegt in der Tat der Schwerpunkt unserer Bewegung. Hier in der Diaspora mag uns der Streit um die orientalische Weltanschauung als etwas zu Abstraktes erscheinen. Wenn wir aber in Palastina leben, dann erfahren wir bald, daß dort der Orientalisnuis im besten Sinne des Wortes in der Bevölkerung, auf der Schule, auf der Straße im gewöhnlichen Leben herrscht. Es ist eine in sich abgeschlossene, abgerundete Weltanschauung, die nach entsprechenden Ausdrucksformen sucht und ein gemeinschaftliches Streben offenbart, unserer Kultur, unseren Wünschen, um es mit einem Wort zu sagen, unserem seelischen Geschmack eine gewisse Gestaltung zu verleihen. Es handelt sich nicht darum, eine Sprache und eine eigenartige Kultur in Palästina neu zu gestalten, sondern darum, d i e Kultur, von der wir durch äußere Gewalt losgerissen worden sind, neu zu beleben. Oer Idee der Zerstreuung kompakte jüdische Ansiedlungen, der Vielsprachigkeit die hebräische Sprache, der Zersplitterung etwas Einheitliches entgegenzusetzen, darin müssen wir unsere heiligste Aufgabe erblicken, und ich bin froh, Ihnen sagen zu können, daß gerade dieser Weg von allen unseren wahren Pionieren in Palästina eingeschlagen wird. Die beste Organisation, die unsere volle Unterstützung verdient, ist der Merkas Hammori in , die Zentrale des hebräischen Lehrerverbandes. Der Bericht dieses Vereins liegt Ihnen vor. Er ist das Ergebnis ausführlicher Erörterungen, die ich mit dem Leiter der Zentrale, Dr. Lurie, und den anderen Mitgliedern der Leitung gepflogen habe. Aus diesem Berichte ersehen Sie, was die Lehrerorganisation zu leisten imstande ist. Sie verspricht, in einigen Jahren eine vollständige Sammlung von Lehrbüchern für eine hebräische Mittelschule zu liefern, und ich bin überzeugt, daß sie ihr Versprechen bei entgegenkommender Unterstützung unsererseits erfüllen wird. Bis heute mußte nämlich jeder Lehrer in Palästina seinen eigenen Weg einschlagen, da er sich den Unterrichtsstoff gewissermaßen aus den Fingern saugen mußte. Ein solcher Zustand ist auf die Dauer unhaltbar. Die Werke, die der Merkas Hammorim bereits herausgegeben hat, liefern uns den besten Beweis, wie ernst und streng wissenschaftlich er seine Aufgabe auffaßt. Ich will nicht einzeln die Aufgaben aufzählen, die der Erfüllung durch den Merkas Hammorim harren. Sie finden sie in dem vorliegenden Bericht. Ich erlaube mir nur, darauf hinzuweisen, daß, wenn wir dem Merkas zu seiner weiteren Ausgestaltung tatkräftig behilflich wären, er imstande sein würde, die durch private Initiative in Palästina gegründeten Schulen mit der Zeit in eigene Verwaltung zu übernehmen, wodurch eine vollständige Gesundung der Schulverhältnisse eintreten könnte. Als Beispiel will ich das Jaffaer hebräische Gymnasium anführen. Man vernimmt von verschiedenen Seiten scharfe Kritik, die an dem Unterrichtssystem des Gymnasiums geübt wird. Man vermißt den einheitlichen Charakter im Unterricht, der dem Gymnasium das feste Gepräge verleihen würde. Wir vergessen jedoch dabei, daß wir uns bis jetzt noch gar nicht bemüht haben, den Fortbestand des Gymnasiums zu sichern, denn es kann nicht als normaler Zustand betrachtet werden, wenn die Existenz der Schule von einer Aktiengesellschaft abhängig gemacht wird. Der Merkas Hammorim wäre die berufenste Instanz, die Leitung dieser Schule in die Hand zu nehmen. Dazu ist aber erforderlich, daß die zionistische Organisation den Merkas Hammorim in allen seinen Unternehmungen moralisch, wie auch materiell fördert. Denn wem anders sollen wir unsere Schulen anvertrauen? Das Odessaer Komitee kann sie nicht übernehmen, und die zionistische Organisation kann sich auch nicht damit befassen, die Schulen unmittelbar zu verwalten. Die Lehrer trifft keine Schuld, wenn sie mit ihrer Arbeit nicht die Zufriedenheit der gesamten öffentlichen Meinung erringen, sie tun ihr bestes, ihre Tatkraft kann aber nur durch unsere Mitwirkung gesteigert werden. Wir sind der palästinensischen Lehrerschaft zu tiefstem Danke verpflichtet für das bereits Geleistete. Die Fortschritte in den letzten wenigen Jahren auf dem Gebiete der hebräischen Sprache überraschen jeden Beobachter. Dieser Fortschritt ist nicht nur in der Schule, sondern auch im alltäglichen Leben wahrnehmbar. So war ich z. B. vor einigen Jahren in der Kolonie Sichron Jakob. Damals war es die verrufenste Kolonie in bezug auf die hebräische Sprache. Jetzt offenbart sich dort dem Beobachter ein ganz anderes Bild. Nicht etwa deswegen, weil die Alliance Israelite bessere Lehrer in ihre Schulen schickt, sondern weil die Bevölkerung ganz andere Forderungen an die Schule stellt. Sie will hebräisch leben, d. h. hebräisch sprechen und denken. Es wäre eine Ueberhebung, wenn ich sagen wollte, daß die hebräische Sprache jetzt bereits mit den anderen lebenden Sprachen wetteifern könnte. Wenn man aber bedenkt, daß unsere Sprache so lange halbtot war, und die kurze Spanne Zeit seit ihrer Wiederaufnahme in unsere Schulen in Betracht zieht, so können wir uns nicht genug wundern über den Prozeß der T e c h i j a t h H a m e t h i m, der sich vor unseren Augen vollzieht. Es wäre aber unrecht unsererseits, wollten wir das ganze Verdienst der jüdischen Renaissance in Palästina ausschließlich auf das Konto unserer Schulpioniere buchen. Es gibt noch andere Organisationen, die in gleicher Richtung mitwirken und zu der Neugestaltung des jüdischen Lebens erheblich beitragen. So haben wir z. B. in Tel-Awiw eine praktische Schule geschaffen, wo unsere Besten die Möglichkeit haben, die Kunst der Selbstverwaltung nicht aus der Theorie, sondern aus der Praxis unmittelbar zu lernen, und das äußere Leben mit den jüdischen Sitten und Gebräuchen in Einklang zu bringen. So bemüht sich ferner die Organisation „Haschomer", die leider nur wenigen von uns bekannt ist, auf einem anderen Gebiete des öffentlichen Lebens den jüdischen Ansiedlungen zur Seite zu stehen, indem sie ihnen die Wächter stellt, die jeden Augenblick bereit sind, mit Einsetzung ihres Lebens die jüdischen Besitzungen zu schützen. Unsere kulturellen Aufgaben in Palästina im allgemeinen dürfen wir nicht zu eng auffassen. Nur durch das Zusammenwirken sämtlicher Faktoren im Lande auf den verschiedensten Gebieten des Lebens: des Besitzes, der Selbstverwaltung, der Sprache, der Schulen usw. kann das einheitliche Ideal unserer Bewegung verwirklicht werden. Die Sehnsucht nach der Rückkehr in das Land unserer Väter kann nicht auf rein geographischem oder mechanischem Wege befriedigt werden. Wir streben nach der Fortsetzung und weiteren Ausbildung des altjüdischen Lebens nach den Mustern, die unsere Vorfahren uns gegeben haben. Ich bin sogar überzeugt, wenn sich die jüdische Bevölkerung in Palästina vermehrt, werden wir imstande sein, neue Lebensformen zu schaffen, in Uebereinstimmung mit unseren nationalen Urgesetzen. Wir werden es durchzuführen versuchen, daß der Grundbesitz nicht allzu sehr in einer Hand konzentriert wird, wie es in Europa zum schwersten Schaden der sozialen Ordnung der Fall ist. Wir waren es ja einst, die diesen Grundgedanken einmal Vertreter haben. Ueberall herrschen gewaltige soziale Kämpfe, und wenn man das Uebel an der Wurzel fassen will, so liegt -es doch hauptsächlich an dem Großgrundbesitz. In Palästina

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