Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 =DIE3^ELT - 1209 Unsere Kulturaufgaben in Palästina Referat, erstattet in der Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees von Dr, Schmarja Levin Vor etwa 2f2 Jahren hat in New York ein Kongreß der reformierten jüdischen Gemeinden stattgefunden, dem ich zufällig beiwohnte. Die Gemeinden waren meist durch ihre Rabbiner vertreten. Man hätte nun annehmen sollen, daß die Verhandlungen des Kongresses den Fragen des religiösen Lebens gewidmet sein würden. Es stellte sich aber bald heraus, daß der ganze Kongreß einer anderen Aufgabe dienen sollte, nämlich der Bekämpfung der auftauchenden nationalen Bewegung innerhalb der amerikanischen jüdischen Jugend. Um die geheime Absicht des Kongresses nicht zu verraten, durfte man niclit offen vom Zionismus sprechen, vielmehr bemühte man sich, den komplizierten nationalen Gedanken in seine Hauptniomente zu zerlegen. Es war die Rede von Ghettoismus, Hebraismus und Orientalismus. Selbstverständlich wurden die drei genannten Bestrebungen als etwas Negatives dargestellt. Unter Ghettoismus verstanden sie den Drang der Jugend, sich nach Möglichkeit von der Umgebung abzugrenzen und ein eigenes Leben und Sichausleben nach den ihrer seelischen Eigenart entsprechenden Formen zu schaffen. Es ist merkwürdig: in den Vereinigten Staaten, wo die Juden volle Freiheit genießen, wo sie gar nicht gezwungen sind, sich von der anderen Bevölkerung abzuschließen, ist doch in New York das größte Ghetto entstanden, das es je gegeben hat. Dieselbe Erscheinung begegnet uns auch in den anderen amerikanischen Städten. Die Reform-Rabbiner, die die extreme Assimilation auf ihre Fahne geschrieben haben, begreifen, daß sie es hier mit einer elementaren Erscheinung zu tun haben. Die Assimilation kann nur der Zerstreuung das Wort reden, jede Konzentrierung der Massen ist ein Hindernis auf ihrem Wege. In zweiter Reihe kommt der Hebraismus. Gerade in der letzten Zeit macht sich auch in Amerika eine starke Strömung bemerkbar für die Erhaltung der hebräischen Sprache und für die Weiterentwicklung der hebräischen Kultur. Die Pflege der Sprache wurde als Hebraismus, die Förderung der kulturellen Erzeugnisse auf diesem Gebiete als Orientalismus gekennzeichnet. Man muß zugeben, die Bezeichnung war nicht nur fein erdacht, sondern auch zutreffend. Wo das Zusammenleben der jüdischen Massen aufhört, beginnt der Untergang der hebräischen Sprache, weil die fremde Umgebung viel intensiver mit ihren Forderungen der Anpassung im jede einzelne Person auftritt. Der einzelne kann nicht mehr Rückhalt an der ihm seelisch verwandten Masse finden. Ferner: wo die hebräische Sprache im Verschwinden begriffen ist, werden auch die Reste des spezifisch jüdischen Geistes, der mit dem Orientalismus aufs engste verknüpft und verwandt ist, vernichtet. Das haben die Priester der Reform Idar eingesehen, und da sie dem Zionismus nicht die Ehre antun wollten, zu seiner Bekämpfung einen besonderen Kongreß einzuberufen, haben sie den Kampf getrennt gegen die Hauptbestandteile, die die zionistische Idee ausmachen, aufgenommen. Von den Gegnern kann man unter Umständen sehr viel lernen. Durch die Verneinung des Negativen wird manchmal das Positive klar. Was man als etwas Erstrebenswertes bei jedem Volke betrachtet, den Drang nach Einheitlichkeit, nach Bedingungen, die die Außenwelt in harmonischen Einklang mit den inneren seelischen Bedürfnissen bringen, wird, wenn es auf die jüdischen Massen Anwendung finden soll, als etwas Abnormales, nicht Wünschenswertes angesehen, und mit einem Ausdruck, der uns an die alten Leiden des Mittelalters erinnert, gestempelt. Das ist der Ghettoismus. Was aber in der Diaspora als Ghettoismus bezeichnet wird, muß sich doch in Palästina in seinen Gegenbegriff: jüdisches Gemeinwesen verwandeln. Und sogar den schroffsten Gegnern des Ghettoismus, wenn sie einmal als Touristen nach Palästina kommen, und die von den Juden geschaffenen Oasen in den Dörfern oder in den Städten näher betrachten, ergeht es, wie einst dein nichtjüdischen Propheten, der zürn Verneinen, zum Verwünschen eine königliche Einladung bekommen hatte, jedoch hingerissen von dem unmittelbaren Eindruck alles bejahen, segnen mußte, so daß er sehr gegen seinen eigenen Willen ausrief: ,,Wie schön sind deine Zelte, Jakob/' Was in New York und in anderen Orten der Diaspora als ein Fluch betrachtet wird, ist in Palästina ein Segen. Und die Bekämpfer des Ghetto freuen sich, wenn sie in Palästina die Keime der jüdischen Einheit erblicken. Sie begreifen, daß die Einheit hier am Platze ist. Ebenso geht es mit der hebräischen Sprache. Wenn wir uns einen Augenblick auf den Standpunkt der Assimilation stellen, so ist es begreiflich, daß die Erhaltung der hebräischen Sprache, und gar noch ihre Fortentwicklung, der Assimilation einen dicken Strich durch die Rechnung macht. Sprache — das ist seelischer Inhalt. Worte sind kein leerer Schall. Es können nicht in der Seele der Massen zwei Sprachen nebeneinander leben, ohne sich gegenseitig Schaden zuzufügen. Viel eher strebt jede der beiden Sprachen, sich auf Kosten ihrer Nachbarin zu bereichern. Und da die Reform- Rabbiner das höchste Glück und das Endziel des amerikanischen Judentums in seinem vollen Aufgehen im Amerikanismus erblicken, so müssen sie sich ex officio als Gegner des Hebraismus betrachten. Das Problem des Hebraismus in seiner positiven Bedeutung haben aber die Gegner der Assimilation ebenso tief und ebenso ernst erfaßt. Ebensogut wie ihre Gegner begreifen sie, daß die Seele des Volkes nicht imstande ist, zwei Sprachen in sich harmonisch aufzunehmen: Um so härter ist darum der Kampf, um so größer die Anstrengung, die hebräische Sprache nach Möglichkeit zu erhalten. Und es ist wahrlich bewundernswert, welche Erfolge bei dieser Hartnäckigkeit des Kampfes auch in der Diaspora erzielt werden. Doch wie anders sieht es in Palästina aus! Ich brauche nicht viele Worte darüber zu verlieren: das wiedererwachende Volk, die zu neuem Leben erstehende Sprache, das aufblühende Land, -— dies alles verschmilzt zu einem Gesamtbegriff der Renaissance des Judentums. Die Aufgabe ist in Palästina viel leichter, nicht nur deswegen, weil wir dort mit keiner anderen herrschenden Sprache in Konflikt geraten, sondern weil die Notwendigkeit der hebräischen Umgangssprache von einem jeden einzelnen als etwas Selbstverständliches empfunden wird. Wenn das einzige Verdienst der zionistischen Bewegung nur darin bestünde, daß sie dazu beigetragen hat, die hebräische Sprache aus ihrem Scheintod zu erwecken, so hätte sie damit allein den künftigen Generationen Unschätzbares gegeben. Es ist wahr, die Produkte der Renaissance-Bewegung sind einstweilen noch spärlich. Einstweilen ist es noch immer nur ein kleines Häuflein, das dort in Palästina sich der Verwirklichung der jüdischen Wiedergeburt widmet, gleichwohl müssen wir aber den raschen Entwicklungsgang, den unsere Sprache dort genommen hat, bewundern. Nun kommt zum Schluß der Oricntalismus. Ich bitte Sie, meine Herren, die Sache nicht so aufzufassen, als