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Die Welt · 1912-09-25 · 39 (25.9.1912) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1208 DIE] Sasonows Besuch in England (Von unserem Berichterstatter.) London. Von «ranz hervorragender Bedeutung; für die auswärtige Politik Englands ist der Besuch Sasonows beim Könige auf seinem schottischen Schloß Balmoral. Es steht fest, daß die Besprechungen sich hauptsächlich um die russisch-englischen Beziehungen zu Persien drehen werden. Aber auch für dij englischen Juden ist der Besuch des russischen Ministers des Auswärtigen von Bedeutung, und so manche Hoffnung wird von ihnen daran geknüpft, vor allem in der Paß frage. Vor einiger Zeit wurde Sir Edward Grey ein Memorandum des Board of Dcputies und der Anglo-Jewish Association überreicht, das die unhaltbare Behandlung britischer Bürger jüdischen Glaubens seitens Rußlands auseinandersetzt und ihr gutes Recht von der englischen Regierung fordert. Ungleich den amerikanischen Juden, die sich schließlich an das amerikanische Volk wandten, haben die genannten Körperschaften sich darauf beschränkt, einen Brief an die „Times" zu richten und sich im übrigen jeglicher Agitation enthalten. Sogar der Wortlaut des Memorandums ist nicht veröffentlicht worden. Dadurch sollte das Vertrauen der englischen Juden zu dem Gerechtigkeitsgefühl Sir Edward Greys ausgedrückt werden, es ist aber kaum zu erwarten, daß Sir Edward dieser Sache mehr als eine freundliche Befürwortung widmen wird. Noch zweifelhafter ist der Erfolg eines eventuellen Versuches, Herrn Sasonow durch den Empfang einer Deputation zugunsten der russischen Juden zu beeinflussen. Daß der russische Minister einer solchen Deputation Gehör schenken wird, ist nicht ausgeschlossen, aber das würde dann mehr mit einer neuen russischen Anleihe auf dem englischen Geldmarkt, als mit der Rücksicht auf die Juden zu tun haben. Die erfolglosen Bemühungen der amerikanischen Juden, mit Jacob H. Schiff an der Spitze, während der russisch-japanischen Friedensverhandlungen, geben , leider wenig Hoffnung, daß von dieser Diplomatie etwas für die russischen Juden zu erwarten sei. Immerhin werden alle diese Schritte erwogen. Einigungsbestrebungen des Judentums in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Die „Welt" berichtete bereits über die am 20. Februar d. J. in Budapest abgehaltene große jüdische Versammlung, welche ein Hunderterkomitee und einen geschäftsführenden Ausschuß einsetzte, um den Vereinigungsbestrebungen durch aufklärende Arbeit zum Siege zu verhelfen. Diese Bestrebungen konnten bisher keinen Erfolg erzielen. Die Orthodoxie verharrt auf ihrem Trennungsstandpunkte, andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß der eingesetzte geschäftsführende Ausschuß sich der Sache nicht mit dem Ernste und Eifer angenommen hat, womit diese hochwichtige Angelegenheit behandelt werden müßte. Eine Audienz bei dem Kultus- und Unterrichtsrninister war die einzige Tat des Ausschusses, der die alte Kehillapolitik befolgt und ohne selbst Hand anzulegen, alles von der Regierung erwartet. Der Minister fertigte die Herren in gebührender Weise ab. Er erklärte ihnen, wie die „Welt'' bereits berichtete, ungefähr folgendes: „Insoferne Sie mit dem einheitlichen Willen auftreten können und wollen, der zu der Durchführung einer derartigen Angelegenheit notwendig ist, werde ich mit größter Freude zu Ihrer Unterstützung bereit sein und an der Verwirklichung Ihrer Autonomie mitwirken/1 Der Minister gab mit dieser Erklärung der Deputation zu verstehen, daß die Herren bisher noch nichts geleistet haben, was ihrem Auftreten eine sachliche [ELT Nr. 39 Unterlage bieten könnte. Beschränkt man sich darauf, die Regierung um die Autonomie anzuflehen, ohne dieser äußerst komplizierten Angelegenheit mit der notwendigen Gründlichkeit und Gewissenhaftigkeit näherzutreten, so ist das ein Beginnen, welches den Ernst und guten Willen der Herren in einem sonderbaren Lichte erscheinen läßt. Das Hunderterkomitee einzuberufen, erachteten selbstverständlich die Herren kein einzigesmal für notwendig. Sie wollten vielleicht die Lorbeeren ausschließlich für sich einheimsen. Aber selbst nach der Audienz beim Minister taten sie so, als ob sie die Worte des Ministers nicht recht verstünden und behandelten die Angelegenheit auch weiterhin in derselben schläfrigen Art. Die Aktion, auf die so viele schöne Hoffnungen gesetzt worden waren, drohte solcherart gänzlich im Sande zu verlaufen. Der Initiator der Bewegung, Gemeindepräsident Dr. Adolf Klein (Szabadka), ließ jedoch die Sache nicht auf sich beruhen. Mitten in der Sommersaison veranstaltete er, ohne Mithilfe des geschäftsführenden Ausschusses, jüdische Volksversammlungen in verschiedenen Städten, um für die Idee die breiten Schichten des Judentums ohne Unterschied der religiösen Richtung zu interessieren, und auf diese Weise die Aktion zu kräftigen. Dr. Klein betrat damit den richtigen Weg. Es muß eben die Erkenntnis durchdringen, daß eine jüdische Bewegung nur als Massenbewegung denkbar ist. Das Diplomatisieren und Antichambrieren einzelner noch so hochstehender Persönlichkeiten kann unmöglich zu einem befriedigenden Resultate führen, wenn nicht eine festgefügte, einem Ziele zustrebende Masse hinter der Persönlichkeit steht. Am allerwenigsten kann es aber der Aktion nützen, wenn solchen Personen Raum zur „Betätigung" gewährt wird, denen die Hauptschuld an der jetzigen unerquicklichen Situation des ungarischen Judentums zuzuschreiben ist. Wenn jemand, wie der Redakteur des „Egyenlöseg", Max S z a b o 1 c s i, erst einen förmlichen Vernichtungskrieg gegen die Orthodoxie predigt und alles aufbietet, was an Anschvvärzung und Beschimpfung des orthodoxen Judentums möglich ist, um dann, wenn die Einigungsbestrebungen trotzdem an Terrain gewinnen, mit einem plötzlichen Frontwechsel sich als einen Vorkämpfer der Einigungsbestrebungen aufzuspielen und sich in den geschäftsführenden Ausschuß vorzudrängen, so muß eben das „Wirken" dieses Herrn, das geeignet ist, den Erfolg der Aktion zu gefährden, nach Möglichkeit paralysiert werden. Dies ist jedoch nur durch eine persönliche Fühlungnahme mit den Massen zu erreichen. Die erste der erwähnten jüdischen Volksversammlungen fand vor kurzem in Szatmär statt. Dr. Klein, ferner der Oberrabbiner von Szabadka, Dr. Bernhard Singer, und der Oberrabbiner von Szatmär, Gg. Dr. Alexander Jordan, hielten längere Ansprachen. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in der der Wunsch ausgesprochen wird, daß die eingeleitete Aktion fortgesetzt, die einheitliche Autonomie verwirklicht und in deren Rahmen eine solche Organisation geschaffen werde, die allen Schattierungen der ungarischen Judenheit die Beibehaltung und Entvvickelung ihrer Institutionen sichert. Die nächste jüdische Volksversammlung soll demnächst in Temesvär stattfinden. Es wäre noch zu wünschen, daß Herr Dr. Klein in Bälde mit einem detailliert ausgearbeiteten Statut vor die jüdische Oeffentlichkeit trete. Das Mißtrauen, welches gegen den Gedanken einer einheitlichen Autonomie noch in vielen Kreisen herrscht, könnte nur dann gänzlich zerstreut werden, wenn aus dem Statutenentwurf klar ersichtlich wäre, daß die einheitliche Autonomie keine Zwangsjacke ist, in die die widerspenstigen Orthodoxen gesteckt werden sollen, sondern ein Gefüge, welches berufen ist, dem gesamten Judentum im Lande eine einheitliche Staats- und vervvaltungsrechtliche Stellung zu sichern.

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