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Die Welt · 1912-09-25 · 39 (25.9.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1206 Der Medschliss berief Delegierte aller jüdischen Einzelgemeinden der Hauptstadt und verschiedener hiesiger jüdischer Vereine zusammen, die ein Wahlkomitee zur Leitung der Kampagne bilden sollten. Die Versammlung dieser Vertreter hat stattgefunden und ein provisorisches Bureau aus seiner Mitte gewählt, welches dann seinerseits durch Einladung einer Reihe von Gemeindemitgliedern aus allen Stadtteilen sich zu einer definitiven größeren Wahlversammlung ergänzte. Vor kurzem hat nun dieses große Wahlkomitee, das aus 30 Personen besteht, sich seine definitive} Leitung geschaffein. Sie setzt sich aus vier Mitgliedern zusammen, die die Exekutive bilden, aber zur Beschlußfassung jeweilig mindestens noch fünf Mitglieder des großen Komitees bedürfen. Die vier leitenden Männer sind zwei Nichtzionisten und zwei Zionisten. In einer der letzten Sitzungen des Wahlkomitees wurde beschlossen, zwei Abordnungen, aus je zwei Personen bestehend, zu wählen, die mit den beiden politischen Parteien, dem Komitee „Union et Progres" und der „Entente Liberale", in Verhandlungen eintreten sollen, um festzustellen, welches die Dispositionen dieser beiden politischen Gruppen der jüdischen Nation gegenüber seien. Mit Recht machte ein großer Teil jener Versammlung geltend, daß die Dinge für ein solches Vorgehen noch nicht reif seien, sondern daß man sich erst darüber klar werden müsse, welches die wahren Interessen, die Wünsche und Ziele der jüdischen Nation in der Türkei sind, die als Basis den Verhandlungen mit den außerjüdischen politischen Faktoren zugrunde gelegt werden sollen. Kurz, man verlangte die Aufstellung eines festen nationalen Programms. Auf gewisser assimilatorischer Seite herrschte heftige Abneigung gegen diese Forderung, so daß sie zunächst nicht durchdrang. Auf der letzten Versammlung des Wahlkonütees wurde sie jedoch neuerdings und mit größerer Energie von nationalistischer Seite erhoben und auch mit starker Majorität angenommen. Ueber den Inhalt dieses Programms ist einstweilen noch nichts zu sagen; doch besteht Hoffnung darauf, daß sich vernünftige nationale, demokratische und moderne Grundsätze darin finden werden, wenn man nach der Haltung der Wahlkomiteemehrheit schließen darf. Freilich wird die Durchsetzung dieser Prinzipien kaum ohne heftige Erschütterungen im Innern der Wahlversammlung von statten gehen. Der Medschliss Dschismani selbst hat sich, nachdem er die Initiative zur Wahlkampagne ergriffen hat, vorläufig ganz und gar von ihr zurückgezogen. Er will, gleich den Patriarchaten der christlichen Nationen, als offizielle Behörde der türkischen Judenheit sich neutral im Hintergrunde halten. Angesichts der heiklen Lage unseres Judentums und der Tragweite der für die Wahlen zu beschließenden Haltung desselben ist es sicherlich auch besser, daß nicht die Zentrale der Nation mit der Verantwortung dafür belastet werde, sondern daß die Masse des Volkes selbst direkt ihren Willen äußere und für ihn eintrete. Die einzige Rolle, die der Dschismani sich vorbehalten hat, wird darin bestehen, darüber zu wachen, daß während der Wahlen weder von innen noch von außen etwas geschehe, was der Würde und den Lebensinteressen der Nation zuwiderläuft. Ferner will er bei der Regierung offizielle Schritte unternehmen, die den Juden mindestens die frühere Abgeordnetenziffer sichern sollen. Die jüdische Oeffentlichkeit ist im allgemeinen mit dieser Haltung des Medschliss einverstanden. Nur der „Tiempo" verlangt die Einberufung der Nationalversammlung, damit diese darüber beschließe, welcher Partei das Judentum sich bei den Wahlen anzuschließen habe. Vorläufig" hat diese Forderung aber keine Aussicht durchzudringen; der Dschismani hat be- Nr. 39 schlössen, die Nationalversammlung nur in dem Falle einzuberufen, wenn eine ganz besondere Schwierigkeit oder Gefahr der Lage es nötig machen sollte, einstweilen aber die Führung der Wahlkampagne dem konstituierten Wahlkomitee zu überlassen. Bezüglich der Kandidaten steht das Wahlkomitee auf dem vernünftigen Standpunkte, daß die Aufstellung der in Betracht kommenden Persönlichkeiten erst in allerletzter Linie zu erfolgen habe, damit nicht der Streit um- Persönliches den Interessen der Allgemeinheit Eintrag tue. Die Auswahl an geeigneten Kandidaten ist übrigens erschreckend klein. Eine ganze Reihe der fähigsten Männer werden aus den Berechnungen ausscheiden müssen, weil sie Staatsbeamte sind und ein neues Gesetz diesen die Beschäftigung mit der Politik verbietet, und auf die bisherigen Deputierten Carasso usw. wird schwerlich zurückgegriffen werden. Bis jetzt ist nur ein einziger jüdischer Kandidat im Reiche nominiert, der Advokat Ascher Salem in Saloniki, den die dortigen Sozialisten aufgestellt haben und wohl auch durchbringen werden, da sie im Kartell mit allen christlichen Nationalitäten und der Entente Liberale stehen. Salem ist kein eigentlicher Sozialist und "kandidiert auch nicht auf Grund des sozialistischen Programms, sondern ist nur seiner gut demokratischen Gesinnung halber von den Sozialisten vorgeschlagen worden; es wird ihm im übrigen ein braver Charakter und gutjüdische Gesinnung zugesprochen. Eine Protestkundgebung des türkischen Judentums KonstantinopeL Seit einiger Zeit wird die jüdische Bevölkerung des ottomanischen Reichs durch eine antisemitische Preßkampagne beunruhigt, die von einigen sattsam bekannten judenfeindlichen Hetzaposteln in gewissenlosester Weise betrieben wird. An der Spitze des ganzen Feldzugs steht Ali Kemal, der schon unter dem alten Regime als antisemitischer Demagog berüchtigt war. Vor 3V2 Jahren mußte er nach der Niederwerfung der reaktionären April-Revolte, zu deren Hauptanstiftern er zählte, die Türkei verlassen. Nun zurückgekehrt, hat er sofort im „Ikdam" eine judenfeindliche Kampagne nach echt Drumonfscher Art (Ali Kemal kommt aus Paris) eingeleitet. Die hier über Juden und Judentum getanen Aeußerungen übersteigen alles bisher hier Dagewesene und reizen die islamische Bevölkerung ganz offen zum Hasse und zur Verfolgung der Juden auf. Ein Winkelblatt, namens „Hikmet", hat ferner seit Wochen schon ganz unsinnige antisemitische Artikel losgelassen. Und von Zeit zu Zeit sekundiert auch der „Alemdar", ein Blatt, dem Beziehungen zu führenden Kreisen der ententistischen Partei nachgesagt werden. Die Methode ist immer dieselbe. Man bemüht sich, mit dem unionistischen Komitee das Judentum, das man auch, wenn es gerade paßt, Zionismus nennt, für alles Unheil, für das im politischen Leben der Türkei herrschende Chaos verantwortlich zu machen. Ein „AIemdar"-ArtikeI leistete kürzlich das schier Unmögliche in der Auftischung antisemitisch-antiunionistischer Erfindungen. Letztens, erzählt er, habe das Komitee „Union et Progres" einen Zionisten nach London geschickt, damit er mit 350 Pfund Sterling die „Daily Graphic" zu seinen Gunsten besteche. Ferner: das Komitee habe, um seine Herrschaft zu befestigen, an die Spitze des Islam einen freimaurerischen Scheikh ül Islam gesetzt und an die Spitze des Judentums einen Zionisten, nämlich — den Großrabbiner Haim Nahum! Endlich: In den vier Jahren seiner Regierung habe das Komitee eine gewaltige Aktion zur Besiedelung Palästinas mit Juden durchgeführt; es habe nicht weniger als 50000 MEIßELT

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