Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 30 DiEMELT 1205 satzgebietes, sollten in Palästina gewürdigt werden, damit der Weinkrisis nicht die Orangenkrisis folgt. Bemerkenswert ist der Zinsfuß, den die Ica berechnet: In Galilaea im Anfang iy2°/o für Agrarkredite, für Warenvorschüsse an die Kellereien der Winzergenossenschaft m Rischon-le Zion gar nur lo/0. Sind derartig unkaufmännische Zinsfüße wirklich notwendig oder wird nur der Ica besonders ungern bezahlt? Keinesfalls eröffnen sie unserer zukünftigen Agrarbank leichte Aussichten. Bemerkenswert ist die Statistik über das jüdische Genossenschaftswesen in Rußland. Der Uebergang von Juden zur Landwirtschaft scheint in Kanada größeren Umfang anzunehmen; über Woodbine bei New York wird recht wenig berichtet. Die Mitteilungen über Argentinien dagegen sind sehr ausführlich und sehr interessant, auch im Hinblick auf Palästina. Was den dortigen Kolonisten immer vorgeworfen wird, daß sie keine Geflügelzucht betreiben und sich um den Gemüsegarten nicht kümmern, insbesondere die Frauen nicht, das beklagt die Ica auch für Argentinien. Dagegen scheint es um die Viehzucht bei den jüdischen Kolonisten in Argentinien erheblich besser zu stehen als in Palästina, wenn neuerdings auch Trockenheit und Seuche große Verheerungen in den Viehbeständen angerichtet haben. Sehr beklagt wird auch für Argentinien die Monokultur und der spekulative Wechsel in den Betriebszweigen. Interessant ist, daß auch in den argentinischen Kolonien sich starke Ansätze zur Selbstverwaltung in den Kredit- und Einkaufsgenossenschaften zeigen, die der Ica schon vielerorts die Sanitäts- und Rechtspflege abgenommen haben, und mit dem Waad der palästinensischen Kolonien manche Aehnlichkeiten bieten. Die beste Kolonie scheint Moisesville zu sein, in der hauptsächlich Luzerne gepflanzt wird; dort soll es 50 Kolonisten mit Vermögen von 50 000 bis 200 000 Dollar geben, und 100 mit Vermögen von 10 000 bis 50 000 Dollar (ein Dollar wohl ein argentinischer Papierpeso von ca. 1,78 M.); so hat Jacobo Waxeniberg 1500 Hektar nördlich von Mutchnik zu 45 Dollar den Hektar gekauft, für die heute 120 Dollar pro Hektar geboten werden. Die wohlhabenden Kolonisten) treiben neben der Landwirtschaft noch Handel, bestellen aber ihr Land selbst, und in Moisesville sollen auch die Kolonistenfrauen und -töchter eifrig mitarbeiten. Es ist naturgemäß ohne nähere Kenntnis unmöglich, ein unparteiisches Urteil zu fällen. Ich habe aber doch den Eindruck gewonnen, als seien die Anklagen von Chasanowitsch gegen die argentinische Verwaltung der Ica in vielem übertrieben. Dr. Heymann. Die letzte Volkszählung und die Juden Oesterreichs (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die erst jüngst abgeschlossene detaillierte Statistik über die Ergebnisse der letzten Volkszählung ist für die Juden Oesterreichs vor allem deshalb lehrreich, weil sie mit trockenen Zahlen das traurige Schicksal der Juden in Mähren und Schlesien berichtet. Während die Anzahl der österreichischen Juden von 1 224 899 auf 1 313 687 Seelen, also um 88 788 gestiegen ist, während sogar im Lande der Not, in Oalizien, trotz Hungertyphus, Auswanderung und Abfall der natürliche Zuwachs nicht ausblieb, hat sich das ausgezeichnete jüdische Menschenmaterial in den genannten Sudetenländern um die exorbitant hohe Zahl von rund 10 500 Köpfen verringert. (In Galizien und der Bukowina stieg die Judenzahl um 63 000, in Böhmen fiel sie von 92 745 auf 85 826, in Mähren von 44 745 auf 41 158.) Die Ursachen dieses Niederganges, die nur allzu bekannt sind, werden durch die Statistik erhärtet. In diesen Gebieten ist der antisemitische, wirtschaftliche Boykott das Ventil der nationalen Zwistigkeiten und wird leider durch die fremdnationale Politik der jüdischen bürgerlichen Kreise genährt. Die entwurzelten Existenzen findet man im Wiener Judenelend wieder. Wien weist einen Zuwachs von rund 17 000 Juden auf. Vielleicht werden diese unerbittlichen Ziffern unsere Judenheit endlich belehren, daß die verderbliche Assimilationspolitik in den deutsch-tschechischen Provinzen stets neue jüdische Opfer aufs Wiener Pflaster wirft, daß sie von einer bewußtjüdischen Politik abgelöst werden muß, und daß es vor allem not tut, die tüchtigen, schwer ringenden jüdisch-kleinbürgerlichen Elemente durch wirtschaftliche Maßnahmen zu stützen und tunlichst auf ihrer Scholle zu erhalten. Eine christliche Stimme über die jüdischen Eucharistler W i e n. Nur mit Abscheu kann man an die jüdischen Firmen denken, die sich anläßlich des eucharistischen Kongresses in päpstliche Farben hüllten, und an die jüdischen Journalisten, die mit verdrehten Augen das Weihrauchfaß schwingen. Darum zitieren wir bloß einige markante Sätze eines christlichen Beurteilers. E. V. Zenker schreibt in der „Wage": „Es hat uns nicht überrascht, daß beim Einzüge des päpstlichen Legaten die Geschäftsläden aller jüdischen Firmen beflaggt waren, als sollten die wehenden Fahnen die Augen dieses neutestamentarischen Priesters vor dem Anblick so vieler alttestamentarischer Namen in dieser allerchristlichsten Stadt bewahren. Auch waren wir nicht überrascht davon, daß wir unter den Heerpaukern dieses allermodernsten Kreuzzuges an erster Stelle die große liberale Presse fanden. Was wäre die große klerikale Demonstration geworden, wenn nicht die täglich dreimal rituell beschimpfte „jüdische Presse" die Reklametrommel für die grandiose Sensation gerührt, allen frommen Pilgern und Pilgerinnen als Führeriri und allen klerikalen Rednern als Resonanzboden gedient hätte? . . . So wie der Antisemitismus der weltlichen und geistlichen Führer des Klerikalismus vor den Redaktionsstuben der großen Zeitungen ehrfurchtsvoll Halt macht, so kühlt sich auch die Freiheitshitze der großen Zeitungsmacher anderen Bekenntnisses vor den Mächtigen der Kirche rasch ab, und das sonst himmelhoch lodernde Zornesfeuer verwandelt sich in eine freundlich leckende Opferflamm e." Jawohl: Alle Kirchenglocken läuteten, und der frisch geadelte mosaische Chef des „Neuen Wiener Tagblatts", Herr Singer, schritt der Prozession „psalmodierend voran". Die Wahlkampagne in der Türkei (Von unserem Berichterstatter.) Konstantino pe 1. Die Bemühungen einiger weniger, die das Gefährliche der Situation des türkischen Judentums erkannten und unaufhörlich auf endliche Abschüttelung der Lethargie und Teilnahme an den Vorbereitungen zu den Parlamentswahlen drangen, haben endlich gewisse Früchte getragen. Der neue Medschliss Dschismani hat den Anfang gemacht und die Juden des Reiches zur emsigen Wahlarbeit aufgefordert. "t J; ' Ii , J; \ ' r