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Die Welt · 1912-09-25 · 39 (25.9.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1204 DIEl^ELT: Nr 39 hat, solchen, die ermöglichen, offen, sachlich und ruhig an weit hörbarer Stelle auch mit dem Gegner zu sprechen. Daß wir uns zu einer Aussprache in Sachlichkeit und mit Achtung vor abweichenden Meinungen bei der gegenwärtigen Gereiztheit und Ueberempfindlichkeit auf beiden Seiten erst erziehen müssen, habe ich gleichfalls als meine Meinung dort ausgesprochen. Ferd. Avenarius. In der „Jüdischen Rundschau" schreibt unser Gesinnungsgenosse Dr. Georg Witkowsky im Anschluß an den hier behandelten Vorgang folgendes: „Judenpresse" — ein heikles Thema, selbst für Zionisten, die gelernt haben, über jüdische Dinge frei und offen zu sprechen. Antisemiten haben diesen Ausdruck geprägt für jene Presse, die Juden gehört, von Juden geleitet wird und unter dem Deckmantel des Liberalismus jüdischen Interessen dienen will. Offenkundigen Tatsachen zum Trotz, hat das offizielle Judentum die Existenz einer solchen Journalistik auf das entschiedenste bestritten. „Judenblätter? In ihnen schreiben liberale Männer, die zufällig Juden sind. Soll ihnen das Recht der freien Meinungsäußerung genommen werden, weil sie zufällig Deutsche mosaischer Konfession sind, und sollen wir verantwortlich sein für die Aeußerungen von Leuten, die zufällig desselben Glaubens sind, wie wir?" Seit Jahren hören wir es, und wissen, wieviel Unaufrichtigkeit hinter diesen Argumenten steckt; wir glauben aber, schweigen zu müssen, weil sich uns eine schwer |zu entscheidende! Frage aufdrängt: Sollte nicht politischer Instinkt uns verbieten, die einzige und stärkste Waffe, die uns im Kampfe für unsere Rechte geblieben ist, mutwillig zu gefährden. Muß nicht auch national'üdische Auffassung in der Existenz der Judenpresse mit ihrem weit reichenden Einfluß einen Faktor zur Wahrung unserer staatsbürgerlichen Stellung erblicken? Leicht wäre diesen bedeutsamen Fragen eine Antwort zu finden, wenn wir nach ethischen Prinzipien zu entscheiden hätten. Einmütig müßten wir dann diese unaufrichtige, verschlagene Methode jüdischer Politik verurteilen. Doch versteht sich ja in der Politik das Moralische nicht von selbst, und wenn zu allen Zeiten der Erfolg die Methodik des politischen Kampfes bestimmt hat, warum sollten wir Juden (uns nicht auch zu dem im übrigen uns nicht unbekannten Tachlisstandpunkt bekennen? Wer aber verbürgt uns die Zweckmäßigkeit jüdisch-liberaler Taktik, wer vermag zu entscheiden, ob es zur Erlangung der vollen Gleichberechtigung, des höchsten Zieles modernjüdischen Strebens nicht auch andere Wege gäbe? Vergegenwärtigen wir uns einmal, was uns Zionisten bei gleichem Ziel — denn auch wir haben neben unserer alljüdischen Aufgabe mit dem heimatlichen Judenproblem uns zu befassen — in der Kampfesweise von jenen trennt. Unsere Politik ist vor allem aufbauend, positiv, indem sie eine nationale, in sich gefestigte Judenheit schaffen will, die im Rahmen ihrer jüdischen Sonderheit kulturell wirken soll, und sie ist defensiv, indem sie Angriffe abwehrt und wiederum in dem verfassungsmäßig festgelegten Rahmen politische Freiheit erstrebt. Ganz anders die jüdisch-liberale Taktik. Sie ist im Jüdischen zerstörend, negativ, nicht eine Kräftigung jüdischer Art ist ihr Ziel, sondern die Anpassung, das Gleichwerden, die Verschmelzung der Konfessionen. Darum muß ihre Methodik auch nach der anderen Seite aggressiv sein; die Radikalisierung und Demokratisierung der Massen, Vernichtung der im Volke wurzelnden traditionellen, konservativen Werte kirchlicher Denkart, nationaler Gesinnung, sind die Mittel, mit denen das hehre Ziel erreicht werden soll. Aus dieser Sehnsucht, unterzugehen, wird also das gesamte deutsche Kulturleben begriffen und der Versuch unternommen, es in ein schemenhaftes Weltbürgertum hineinzuzerren. Der Antisemit nennt das mit einem falschen Ausdruck die Verjudung des Deutschtums. Im Verjuden, d. h. Jüdischmachen, läge nämlich eine positive Tendenz. Im Grunde ist aber jenen Leuten bewußtes Judentum ebenso ein leerer Wahn, wie nationales Deutschtum. Daher schweigen sie uns, die wir ihre Kreise wohl am empfindlichsten stören, tot, wo sie es können: und bekämpfen uns, wo sie müssen. Daher führen sie einen empörenden Kampf gegen die Orthodoxen beider christlicher Kirchen, gegen Geburtsadel, gegen Geistesaristokratie, sofern sie der heißersehnten Internationalisierung der Kunst und Literatur ein Hindernis ist. Daher schmeicheln sie den Pöbelinstinkten, um all das Große, das einer geistig-aristokratischen Kultur dienen könnte, hinabzuziehen in den Dunstkreis ihrer platten Gleichmacherei. — Dürfen wir einen Augenblick den grotesken Wahn teilen, daß ein solch kulturwidriges Handeln uns politisch förderlich sei?. Daß es je gelingen könne, die durch Jahrhunderte gewordene germanische Kultur, mag sie uns in ihren einzelnen Erscheinungen zusagen oder nicht, in das jüdische Gleichheitsideal hineinzupressen? Ich meine, solche Politik ist nicht nur über alle Maßen unbescheiden, sie ist, was viel schlimmer ist, dumm. Sind wir denn, dank der Judenpresse, unserm gemeinsamen politischen Ideal um einen Schritt näher gekommen? Sehen wir nicht, wie die Pfeile, die den andern galten, auf uns als Gesamtheit zurückprallen? . . . Wir Zionisten sollten uns immer darüber klar sein, daß wir nicht nur die Wahrheit finden, wenn wir auf den sittlichen Unwert der jüdisch-liberalen Politik hinweisen, sondern auch unserm Volke nützliche Dienste erweisen, wenn es uns gelingt, sie unschädlich zu machen. Wir bilden uns nicht ein, den Gegensatz überbrücken zu können, wollen aber, soweit es an uns liegt, dafür sorgen, daß er gegenseitigen Respekt nicht ausschließt. Darum kann der wahre Nutzen für uns nur in einer ehrlichen, aufrichtigen, selbstbewußten jüdischen Politik liegen." Der Jahresbericht der Ica Jewish Colonisatiön Association. Rapport de l'administration centrale au conseil d'administration pour Tan nee 1911. Paris 1912. Die Rede Franz Philippsons, die diesen Bericht einleitet, ist schon im Juli in der „Welt" besprochen worden. Der Bericht selbst enthält viel Interessantes, in dem was er bringt und in dem was er nicht bringt. Vor allem fehlt eine Bilanz nebst Gewinn- und Verlustrechnung. Man sagt von ihr, sie sei das achte Weltwunder und weise Aktiva von fast 600 Millionen Francs auf. So ausführlich Argentinien und Brasilien behandelt sind, so knapp Palästina: Kind und Stiefkind. Aber das Stiefkind gedeiht, das geht auch aus dem Bericht der Ica hervor, gerade weil er fast nur Zahlen gibt. Sehr richtig ist der Kampf der Ica gegen die Monokultur, d. h. die Beschränkung eines Landgutes, einer Kolonie, ja eines ganzen Landesteiles auf einen Betriebszweig, z. B. Weinbau oder Orangenkultur. Denn die Monokultur — gegen die in der Form des ausschließlichen Baumwollbaues auch alle Sachverständigen Aegyptens eifern — bietet bezüglich der Produktion wie des Absatzes zwar zeitweise große Chancen, aber noch größere Risiken, sie erschöpft den Boden und nimmt nur zeitweise die gesamte Arbeitskraft in Anspruch. Die Warnungen der Ica vor übermäßiger Ausdehnung des Orangenbaues, ohne gleichzeitige Schaffung eines ausreichenden Ab-

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