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Die Welt · 1912-09-25 · 39 (25.9.1912) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
39 (25.9.1912)
Date
1912-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 D!E3^ELT 1203 sich zwischen die Menschen und die Wirklichkeit gedrängt. Der Jude erlebt das Leben nicht mehr in seiner Wirklichkeit, er besitzt es nur noch an dem* Bilde, welches das geschriebene Wort in ihm erweckt. „Heil dem Auge, das dies geschaut!" Reflektiert ist fortan jede Auffassung der Wirklichkeit. Es ist die Eigentümlichkeit einer Zeit, die krampfhaft die Augen schließt vor der Wirklichkeit, die ihr nicht meh'r genügen kann, und sich in ein erträumtes Dasein flüchtet, in dem die Häßlichkeit des Lebens zur Schönheit verklärt ist. Früher lebte der Geist ganz in den Gestaltungen des Lebens, nahm sie hin, wie sie sich ihm boten, ohne daß er sidft ref lexionsmächtig über sie stellte. Er weilte schauernd im Wirklichen. Jetzt wird die Betrachtung der Wirklichkeit durchaus reflektiert; erst nachdem es sie seinen Kategorien unterworfen hat, gewinnen die Tatsachen der Wirklichkeit für das Denken Bedeutung. Die Mischnah wollte die unmittelbare Wirklichkeit im Begriff erfassen, während die Gemara nur das Reflektierte festhalten wollte. Die Schilderungen der Mischnah sind präzis, weil auch die Wirklichkeit präzis ist, da sie Anfang und Ende hat; die Reflexion hingegen ist notwendig unendlich, weil hier der Geist zu einer Welt des Abstrakt-Allgemeinen flüchtet, von dem er keine Rückkehr zur Wirklichkeit findet. So ist die spätere rein-rituelle Laubhütte groß und bedeutend als religiöses Symbol, aber als nationales Merkmal unbedeutend. Diese Phasen waren notwendig, aber sie sind nur Uebergangsstadien für eine neue Auferstehung jener Sükkoth des EsrasChen Zeitalters und jener erneuten nationalen Freudenfeier des Wasserschöpfens, auf deren Bedeutung ein späterer Herold der nationalen Zukunft, Rabbi Akiba, hingedeutet hat. So wechseln die Geschlechter und die Begriffe, aber die Grundidee des Volkes und des Landes ist unwandelbar. So kehren wir zum Judentum zurück. N. Sokolow ^2^° fir?^ WELTCHRONIK o > □□□□□□ J!0 , O--—— —4 o Die Kunstwartdebatte und die liberale Presse Berlin. Die von uns ausführlich gewürdigte*) Erörterung der Judenrage im „Kunstwart" ist natürlich von der gesamten „libealen" Presse totgeschwiegen worden. Während sich die konservativen Zeitungen mehrfach mit G o l d s t e i n s Artikel und ler daran anknüpfenden Debatte beschäftigten (die „Tägliche Rundschau" beabsichtigt, die Diskussion wieder aufzunehmen), blieb das in jüdischen Kreisen meistgelesene „Berliner Tageblatt" völlig stumirn. Doch siehe, es ergab sich plötzlich eine Gelegenheit, das beklommene Schweigen zu ibrechen, die Diskussion im Kunstwart zu erwähnen iund dennoch die geehrten Leser völlig im Unklaren darüber zu lassen, worüber eigentlich debattiert worden war. Ferdinand Avenarius, der Herausgeber des „Kunstwart" berichtet hierüber in einer Zuschrift an zahlreiche Blätter folgendes: „Unter der Ueberschrift „Vornehmer Antisemitismus" ist im „Berliner Tageblatt" ein Aufsatz erschienen. Es heißt darin u. a.: „Der „Kunstwart" hält sich viel zu gut auf seinen vornehmen Charakter und behauptet, in der Judenfrage einen ganz objektiven Standpunkt zu besitzen", aber dieser (tageblattdeutsch zu reden) von ihm „besessene Standpunkt" „hindert ihn nicht, notorische Antisemiten in seiner Zeitschrift schreiben zu lassen. In einem Artikel hat der agrar-antisemitische Schriftsteller Ph. Stauff den Abgeordneten Gothein und den von diesem geleiteten Verein zur Abwehr des Antisemitismus in höchst persönlicher und von gröblichen Unterstellungen wimmelnder Weise angegriffen. Avenarius hatte den Artikel ohne irgendwelche Einschränkungen aufgenommen und lehnte später sogar eine Richtigstellung des Abgeordneten Gothein aus nichtigem Grunde ab." Diese Darstellung ist teils unwahr, teils unwahrhaftig. Unwahr ist, daß ich eine Richtigstellung des Abgeordneten Gothein abgelehnt hätte. Ich habe mich vielmehr schon in einem ersten und nochmals in einem zweiten Briefe bereit erklärt, sie zu veröffentlichen, unter der einzigen Bedingung, daß die persönlichen Beleidigungen gegen den antisemitischen Debatteredner weggelassen würden. *) S. „Welt" Nr, 33. Unwahrhaftig ist sie, insofern das „Berliner Tageblatt" Tatsachen verschweigt, die den Sachverhalt in ganz anderes Licht stellen. Das „B. T." verschweigt, daß die Aeußerungen des Antisemiten in einer Sprechsaalaussprache über das Judentum stattfanden, die den ausgesprochenen Zweck hatte, Juden und Nichtjuden durch offene Darlegung ihres Denkens und durch die gegenseitige Besprechung ihrer Beschwerden einander besser kennen zu lernen. Dieser Zweck wäre verfehlt gewesen, wenn nicht wenigstens ein Antisemit auch seine Meinung von den Dingen dargelegt hätte. Das „B. T." verschweigt viertens, daß die Redaktion durch mich in einem eigenen, langen Aufsatz ihren, vom Antisemitismus weit abliegenden Standpunkt gezeichnet hat. Da dieser Aufsatz der Leitaufsatz desselben Heftes war, so ist es wohl nur dem „B. T." gelungen, ihn zu übersehen. Herr Dr. Moritz Goldstein, auf dessen Kunstwartaufsatz „Jüdischer Parnaß" hin die Aussprache mit Juden bei uns einsetzte, schrieb mir über ihre Durchführung: „Es drängt mich, Ihnen meinen Dank und, wenn Sie das einem viel Jüngeren gestatten wollen, meine Anerkennung auszusprechen für ihre ausführliche, tiefdringende, ruhige, höchst gerechte und durchaus offene Behandlung des schwierigen Problems. Mit diesem Ihrem vorläufig abschließenden Aufsatze ist die ganze Serie der Erörterungen, wie ich glaube, wirklich zu einem bedeutenden Dokument geworden, das seine Wirkung üben muß, und ich bin überzeugt, daß die künftigen Debatten durch den Ton Ihrer Ausführungen ein für allemal auf ein würdiges Niveau gehoben sind." Daß sich das „Berliner Tageblatt" bemüht, mich als Antisemiten zu diskreditieren, überrascht mich nach meinen verschiedenen Kritiken seiner Redaktion und Geschäftsführung nicht. Der Kunstwart hat aber durch sein ganzes erstes Vierteljahrhundert stets auch jüdische Mitarbeiter gehabt, hat sie heute und wird sie behalten. Wie ich das Problem sehe, habe ich gelegentlich der „Aussprache mit Juden" in meinem Blatt so fixiert: „Die Arbeit von Juden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglich entwickeln können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen." Wichtiger als die Theorie erscheine mir das Oeffnen von Sprechplätzen, wie das der Kunstwart für sein Teil versucht iL

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