Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1202 IE3^ELT: Nr. 39 und Ritualien in tausendfachen, nie zu erschöpfenden Variationen dargestellt wird. Im Ritus spiegeln sich die einzelnen Generationen mit ihrem ganzen Seelenleben, ihrem Denken und Fühlen, ihrem Hoffen und Wünschen getreulich wieder, und in gleichem Maße gibt er uns ein Abbild des ganzen Volkslebens und seines wechselvollen Schicksals. Eins ist unerschütterlich: die Nation; eins ist unverrückbar: die Heimat. Bald ist der Gedanke des Einheimsens, des Natursegens, bald das Bestreben, ein Gebot zu erfüllen, vorherrschend; immer und unwandelbar knüpft sich das Symbol an das Land mit seinen Oliven, Myrten und Palmen, immer ist es der Gott unserer Väter, an den sich die Volksseele anschmiegt. Wie verschieden die religiösen Stimmungen waren, ist aus einer Feier zu ersehen, die in Verbindung mit dem Sukkoth in Palästina veranstaltet wurde: dem Freudenfest des Wasserschöpfens. Am Ausgange des ersten Sukkothtages begann man mit der Vorbereitung dieses Festes. Jeruschalajim strahlte vom Lichterscheine des Tempels, und in gewaltigem und herrlichem Zuge ging es durch die Tempelhallen. Unter dem Schalle freudiger Gesänge bewegten sich die Volksmassen nach dem östlichen Tore hin. Dort aber — so erzählt uns die Mischnah — wandten sie sich nach der Abendseite, wo das Allerheiligste sich befand, und sprachen die Worte: „Unsere Väter, wenn sie an dieser Stelle standen, wandten dem Heiligtum den Rücken und beugten sich ostwärts, der Sonne entgegen, wir aber richten gen Gott unsere Augen." Eine andere, von Rabbi Jehudah überlieferte Lesart lautet: „Wir aber bücken uns vor Gott und auf Gott hoffen wir." Bekanntlich war „die Freude des Wasserschöpfens" ein Differenzpunkt zwischen Saduzzäern und Pharisäern. Die Saduzzäer bestritten, daß die Wasserlibation in der Thora angegeben sei, das an der Ueberlieferung festhaltende Volk dagegen wollte diesen alten Brauch nicht aufgeben. Diese Feier hatte eine symbolische Bedeutung. Nach der Weinlese, nachdem die Keltern gefüllt waren, feierte das jüdische Volk nicht den Wein, nicht den Lebensgenuß, sondern das Wasseropfer ward vorgenommen. „Bringt mir, spricht der Ewige, am Sukkoth das Wasseropfer dar, damit Euch die Regengüsse zum Segen gereichen" (Trakt. Rosch Haschanah 16). Darin liegl die Anerkennung des höchstgebietenden Gottes im Verhältnis zur palästinensischen Natur. Derselbe Brauch existierte auch früher, aber er hätte in den Epochen, als die Griechlinge die Oberhand hatten, einen anderen Sinn. Der griechische Weingott hatte Einzug gehalten. Die Feier war pantheistisch und hatte sich vom palästinensischen Boden und vom nationalen Heiligtum abgewandt. Augenscheinlich galt die Feier der Weinlese. Die Traube ist ja so recht das Kind der Sonne, der Glut des Tagesgestirns verdankt sie ihre Reife. Da entstehen leicht jene Sagen vom Weingotte, der schon von Indien her mit seinen Begleiterinnen durch alle Länder einherzog und jeden Widerstand vor sich niederwarf. Die Nachahmungssucht hätte einige Generationen verleitet, sich vor dem Tagesgestirn in Anbetung zu bücken. Aber diese Verirrung dauerte nicht lange. Die spateren Geschlechter haben der Volkssitte den national-religiönen Sinn wiedergegeben. Diese Rückkehr zum Judentum haben sie auch in einer ganz markanten Weise veranschaulicht. Die Volksmassen Zions demonstrierten in dieser Weise gegen die verräterischen Griechlinge, oftmals gegen ihre eigenen Vorfahren: Jubelnd waren sie bis zum östlichen Tore gelangt, und da, wo die Morgenseite Zions vor ihnen lag, wandten sie sich mit einem Male um. Nicht Helios wollten sie entgegenblicken, sondern der Westseite, wo ihr nationales Heiligtum stand. Wie unter Esra, Nediemiah und Zerubabel die Laubhütten, so wurde in späteren Jahrhunderten „das Freudenfest des Wasserschöpfens" nationalisiert. In der Mischnah finden wir noch' den ursprünglichen Charakter des palästinensischen Sukkothfestes groß und herrlich; in späteren Jahrhunderten mehren sich die Ritualien, aber der Grundgedanke ist immer derselbe. Sie erscheinen zuweilen wie ein schwacher Nachklang des großen Lebens der älteren Zeit, das hier seine einmal erweckten Kräfte bis zur Todeserschöpfung verschwendet. Aber unter der Oberfläche dieses historischen Lebens, die nur ein Absterben des Alten zu zeigen scheint, erwachen zugleich neue Formen, denen die Zukunft gehören sollte. Das Alte ist in seinem Ausgang eng an den Beginn des Neuen geknüpft. Die mächtige Bewegung, die alles Leben erfaßt hat, verweht die alte Spreu nur, um neuen Trieben Licht und Luft zu verschaffen. Jeder Rest des alten, gebundenen Daseins wird in den Stürmen der Zeit gesprengt; ein hoher Schwung geht durch das Leben, daß es sich in allen Banden eines noch engen Denkens entrafft. Die Zeit des Nomadentums scheint wieder angebrochen: auf der Kraft des Einzelwillens ruht wieder das ganze Leben des Volkes. Diese volle Entwicklung der Individualität führt zu Formen des Lebens, die aus den tiefsten Schichten des primitiven Hebräertums wieder hervorzutreten scheinen, aber doch nur verwirklichen, was in der Reflexion der vorangehenden Zeit begründet war. Als sich im babylonischen Exil das Individuum aus dem ursprünglichen staatlichen Leben losgerungen hatte, da sah die Reflexion, dieser Entwicklung vorauseilend, in dem) Staate nur noch ein Produkt der Indi viduen, ein Mittel in ihren Händen, das Gesetz zu wahren Das ist jetzt Wirklichkeit geworden. Aber die Individualität wandelt sich in eine neue ebenso völlige Gebunden heit. Diesen Drang zur Einheit, zur Bindung aller untei einen Willen, finden wir neben der völligen Zerstreuung der einzelnen Kräfte gleichfalls in dieser Zeit lebendig. Aus dem Gären der Zeit drängt ein Neues zur Gestaltung; ein fester Ring möchte sich um alle Volkskräfte schließen, um sie in gesammelter Stärke gegen die feindliche Außenwelt zu richten. Ein reicheres seelisches Leben entfaltete sich, das eine Fülle von inneren Erlebnissen zu umspannen vermochte. Eine weite Kluft entsteht zwischen Talmid-Chacham und Am-Haarez. Nur wer am geistigen Leben teil hat, gehört fortan zu dem Kreise der Kultur: wer diese Verinnerlichung nicht kennt, muß von ihrer Sphäre ausgeschlossen bleiben. Aber der Inhalt diesei Bildung ist kein neu gewonnener, sondern aus der älterer Zeit übernommener. Keine neuen Werte werden geschaf fen, sondern die alten in steigender Verfeinerung durch gebildet. Die religiöse Literatur sucht überall den An Schluß an die ältere Zeit. Das Alte zu bewahren, ganz sich zu eigen zu machen und es dem verfeinerten Seelenleben entsprechend tiefer noch zu durchdringen und in >eine Nuancen zu verfolgen, darin sieht die Zeit ihre Aufgabe. Die Ueberlieferung erreicht die höchste Entwicklungsstufe. Und wie in allen Zeiten, da das überlieferte Denken das eigene ganz zu bestimmen anfängt, gewinnt das Buch eine zuvor unbekannte Bedeutung. Buchmäßig und nicht mehr durch lebendige Rede wird alles Wisser verbreitet. Manche Lehrer protestieren gegen die Sifn d'Agad'ta, wie seinerzeit Kohelet gegen das „Machen1 unendlich vieler Bücher. Das Buch, die erstorbene Red* die erst im Lesen zu einem künstlichen Leben erwacht, ha*