Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 39 (25.9.1912)
- Date
- 1912-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT JEDEN FREITAG?ENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 25. September 1912 Unto V'onn 'X nBTl Y" ^hl2 Nr. 39 SUKKOTH Wer die Vergangenheit unserer Feste nicht kennt, arm auch ihre Gegenwart nicht verstellen. Denn unsere este tragen einen national - historischen Charakter und ur durch ein quellenmäßiges Studium unserer Gelüchte lernen wir den Entwicklungsgang unserer ation von ihren Uranfängen an und den Zusammenhang r in ihrem Leben einander folgenden Ereignisse ernnen. Wir sehen, wie unsere Nation aus den primitiven Stadien allmählich sich zu immer höheren, feineren ormen erhebt und gliedert, und es erfüllt uns mit Bewunerung, wenn aus dem Widerstreite der einander (anziehenden und abstoßenden Kräfte immer neue Gestaltungen ntstehen. Die ganze Entwicklung erscheint uns als ein iiimähliches Emporsteigen zu höherer Kultur, bemerkbar >ft nur in großen Zeiträumen und unterbrochen zuweilen lurch den Rückfall in scheinbar überwundene Zustände. \Tur in langen Schlangenlinien geht es zur Höhe empor. Entsetzen erregende, traurige Bilder rollt die Geschichte unseres Volkes vor unseren Augen auf und läßt uns fast verzweifeln an der Möglichkeit, in den trostlosen Wirrnissen die ordnende Hand ewiger Gesetzmäßigkeit zu entdecken. Aber sie gibt uns doch den Trost, daß trotz aller beklagenswerten Abirrungen die nationale Entwicklung immer vorwärtsschreitet und unaufhaltsam emporstrebt zu den idealen Zielen. Stolz und Freude erfüllen unser Herz, wenn wir unsere hehren geistigen Führer und ihr Wirken betrachten, die mit ihrem erleuchteten Geiste lie dunklen Pfade erhellt und als kundige Wegweiser die hilflose Menge des Volkes emporgehoben haben aus den Engen und Tiefen des elenden Daseins. Unsere Geschichte lehrt uns, daß keine lediglich1 auf Selbstverleugnung und Anpassung beruhende Neigung von dauerndem Bestände ist, daß die edleren Regungen der Volksseele, der Trieb nach Selbständigkeit und innerer Freiheit, wohl eine Zeit lang gehemmt werden können, dann aber siegreich wieder sich zu neuem Glänze erheben. Unsere Geschichte verleiht den großen Männern unseres Volkes, die durch ihre Einsicht und Tatkraft das edle Nationalbewußtsein geweckt, einen unverwelklichen Ehrenkranz, und sie drückt das unauslöschliche Brandmal denen auf die Stirn, die es gewagt haben, an den Säulen unserer historischen Denkmäler und unseres nationalen Bestandes mit frevelnder Han,d zu rütteln. Mit eindringlichen Worten erzählt uns unser Buch der Bücher die Wiedereinsetzung des: Sukkothfestes, die gleichzeitig mit der Auferstehung der Nation in die Erscheinung tritt. E s r a , der Schriftgelehrte, J o s u a ben J o z a d a k und seine priesterlichen Brüder, Zerubabel ben Seheal t h i e 1 und seine Brüder und Nechemiah ben C h achaljah fancken, daß es in der Thora heißt, die Kinder Israels sollten an den Festtagen des siebenten Monats in Laubhütten („Sukkoth") weilen. Sie erließen daher den Ruf „an alle Städte und an Jerusalem, daß die Leute ins Gebirge gehen, Oliven-, Myrten- und Palmenblätter holen und Laubhütten erriditen". Das Volk ging darauf in die Berge, holte sich alles Nötige und baute sich Laubhütten auf den Dächern, in den eigenen Höfen, in den Höfen des Tempels, auf der Straße der Wasserpforte und auf der Straße des Ephraimitischen Tores. „Und die ganze Gemeinde der Zurückgekehrten baute Laubhütten und weilte in den Laubhütten, wie sie seit Josua ben Nun nicht getan hatten, und die Freude war sehr groß." Wenn wir uns bei unserem Geschichtsstudium nicht mit trockenem Gedächtniskram und totem Zahlenmaterial begnügen, sondern mit unserem Geiste den geschichtlichen Stoff zu durchdringen suchen, können wir auch für dieses Geschehen das richtige Verständnis gewinnen. Das Sukkothfest als Fest des Einsammelns war wohl auch in früheren Epochen gefeiert worden, aber das Symbol der Laubhütte trat vor dem Reichtum der Natursymbolik zurück. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft, ehe sich das Volk naturgemäß, d. h. landwirtschaftlich' einzurichten die nötige Zeit hatte, erhielt das Symbol der Laubhütte eine höhere religiös-nationale Weihe. Das Volk hatte nicht mehr die Oliven, die Myrten und die Palmen, wie ehemals zur Hand, und mußte sich die wenigen Pflanzen, die hier und da der Verwüstung entgangen waren, aus dem Gebirge holen. Diese Entwicklung der Symbolik ist nicht Zufallssache. Die Symbolik ist die Veranschaulichung der Gefühle. Gott und Natur, Glauben und Hoffen, Liebe zum Nächsten und vor allem jene Liebe, die uns das höchste Maß idealer Genugtuung gewährt, Liebe zum Volke und zur Heimat, Tugend und Laster, Lust und Trauer, das Ringen mit dem Schicksale und alles, was sonst das Innere des Menschen bewegt, das ist es, was in den Symbolen