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Die Welt · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 DIE^ELT 1177 ^Mj (Von unserem Berichterstatter.) Ein Jahrhundert jüdischer Geschichte in Jerusalem Wie der Gelehrte A. M. Luncz in einem Referate, das er am 20. August in Jaffa gehalten hat, ausführte, sind es im laufenden Jahre hundert Jahre geworden, seit die aschkenasischen Juden von neuem angefangen haben, sich in Jerusalem niederzulassen. Im Jahre 1812 nämlich begaben sich mehrere Familien aus „Lithauen und Reussen", deren männliche Mitglieder zu den Schülern des Wilnaer Gaon gehörten, nach Palästina. Der größte Teil von ihnen ließ sich in S a f e d nieder, wo seit der Zeit Lurjas eine größere jüdische Gemeinde bestand. Einige Familien jedoch zogen es vor, sich nach Jerusalem zu begeben. Jerusalem war damals ein kleines Nest, und wollte man sich einen Begriff von den Unterdrückungen machen, denen die ersten Ansiedler ausgesetzt waren, so müßte man als Parallele gewisse Gegenden des Jemens heranziehen. Besonders schwer lastete es auf ihnen, daß man ihnen die Abhaltung eines jüdischen Gottesdienstes nicht gestattete. Am Freitag abends pflegten sie im Dunkeln zu beten, damit man sie nicht bemerke, und ihre Thoras pflegten sie verborgen zu halten. Zu diesen Drangsalierungen gesellten sich allerlei natürliche Plagen: Zweimal wütete zu jener Zeit die Pest in Jerusalem und zweimal wurde die Stadt von den Fellachen und den Drusen ausgeplündert. Viele von den neuen Ansiedlern kamen ums Leben, die jedoch am Leben blieben, verließen die heilige Stadt nicht. Einen neuen Zustrom erhielt Jerusalem, als fünfzehn Jahre später ein Erdbeben Safed erschütterte und 1500 Menschen unter Trümmern begrub. Von den am Leben gebliebenen Juden wandten sich viele nach Jerusalem. Eine Wendung zum Besseren trat ein, als Palästina und Syrien vorübergehend von Muhammed Ali und seinem edeln Sohne Ibrahim Pascha in Kairo regiert wurden. Während nun die ersten Pilger nur fromme jenseitige Ziele im Auge hatten, wandte sich der Nachwuchs auch den Aufgaben des diesseitigen Lebens zu, und schon bei den ersten Besuchen von Moses Monte fiore in Jerusalem wird ihm ein Projekt bezüglich landwirtschaftlicher Ansiedlung unterbreitet. Bald zeigt sich auch, daß die Judenheit aller Länder an der Niederlassung der Juden in Jerusalem lebhaften Anteil nimmt. Eine reiche Familie in Amsterdam kauft in Jerusalem ein Haus an, das als Bethaus verwendet werden soll. 1S54 erbaut der jüngste Sohn des Amschel Rothschild das Rothschild-Hospital in Jerusalem, das noch heute von großem Segen ist. 1S55 kommt der Dichter Ludwig August Frankl im Auftrage der Freiin von Lämel und begründet die Lämel- Schule. Eine Frucht dieser Reise ist das köstliche Buch von Frankl „Nach Jerusalem", das noch heute seine Reize nicht eingebüßt hat. Inzwischen erwirken die Aschkenasim von der mohammedanischen Geistlichkeit ein Fetwa, wonach ihnen bestätigt wird, daß auch sie Abrahams Nachkommen sind und die Muslims von den Tieren, die sie schlachten, essen dürfen. Somit werden die Aschkenasim in den Stand gesetzt, eine eigene Schechita zu begründen und für ihre Gemeindebedürfnisse Einnahmen zu erzielen. Es beginnen auch die ersten Regungen wissenschaftlicher Forschung. Jakob Sapir, der Großvater des vor Jahresfrist so früh verstorbenen Elijahu Sapir, bereist den Jemen, Indien, Australien usw. Er kehrt heim mit vielen wichtigen Manuskripten, einem seltenen Sefer Thorah usw. Sein Buch über die Juden im Jemen ist noch heute nicht übertroffen. Noch immer aber waren die Juden Jerusalems in einigen wenigen Straßen zusammengezwängt, wo sie hohen Mietszins zahlen mußten, wie überhaupt die Stadtmauer Jerusalems, die damals noch täglich bei Sonnenuntergang geschlossen wurde, nur eine geringe Fläche umfaßte. Da erhielt Moses Montefiore von einem amerikanischen Juden 60 000 Dollar für das Wohl Jerusalems zur freien Verfügung, und Montefiore beschloß, mit diesem Oelde neue städtische Siedelungen außerhalb der Stadtmauer Jerusalems anzulegen. Von dieser Zeit an begann sich Jerusalem rapid zu entwickeln. Ein Stadtviertel folgte auf das andere. Der Verkehr mit Jaffa wurde erleichtert, als Kaiser Franz Josef eine Pilgerreise nach Jerusalem antrat und der Sultan Abdul Hamid infolgedessen eine Straße von Jaffa nach Jerusalem bauen ließ. Ein Wagenverkehr wurde ermöglicht, der sich allerdings in der ersten Zeit auf eine Wagentour in der Woche beschränkte, und jeder Passagier hatte für die Reise im Wagen von Jaffa nach Jerusalem oder umgekehrt 20 Frcs. zu zahlen. Zurzeit gehen bekanntlich zweimal täglich Züge von Jerusalem nach Jaffa und umgekehrt. Die Zahl der Juden Jerusalems wird auf 60 000 geschätzt. Die Aufforstung der Dünen „So werde ich dich segnen und werde mehren deine Nachkommen, wie die Sterne des Himmels und wie den Sand, der am Rande des Meer e s". Also lautet der göttliche Segen in Genesis, Kapitel 22. Wenn nun der Sand, der am Rande des Mittelmeeres ist, hier zu einem Gleichnis des Segens verwendet wird, so ist jedoch nicht zu vergessen, daß er auch seine Nachteile hat. Er vermehrt sich nämlich selbst von Jahr zu Jahr und dehnt sich zusehends auf immer größere Strecken aus. Schon jetzt schätzt man den Umfang der palästinischen Dünen auf zwei Millionen Dunam. Nun hält aber die Düne, wenn ihr von seiten der Menschen der Weg nicht versperrt wird, in ihrer Ausbreitung nicht inne. Die Folge ist, daß Jahr aus Jahr ein Flächen fruchtbaren Bodens vom Sande, der am Rande des Meeres liegt, verschlungen werden. Dieser Zustand hat immer wieder das Interesse der Regierung wachgerufen. Nach den türkischen Gesetzen sind die angrenzenden Einwohner angehalten, die Dünen zu bepflanzen. Dafür erhalten sie das von ihnen bepflanzte „Unland'4 als ihr Eigentum, für welches sie bloß gewisse Steuern zu zahlen haben. Um nun dieses weise Gesetz auch in Palästina anwenden zu können, wandte sich bereits vor 15 Jahren der damalige Gouverneur von Jerusalem, Thofik B e y, an M i k w e h Israel und R i s c h o n 1 e - Z i o n mit dem Ersuchen, Versuche mit dem Anpflanzen verschiedener Bäume auf den Dünen vorzunehmen. Dies geschah, und es stellte sich bei den damaligen Versuchen heraus, daß nur der Eukalyptus die Aussicht hat, auf den Dünen einigermaßen gedeihlich fortzukommen. Nun wäre es ja ohne Zweifel von großem Segen, wenn sich große Flächen der Dünen mit Eukalyptuswaidungen bedeckten. Denn abgesehen von der bereits erwähnten Bewahrung des fruchtbaren Bodens vor der Ausbreitung der Dünen ist ja noch zu bedenken, daß diese Waldungen viel zur Gesundung des Klimas beitragen und das Heizmaterial ungemein verbilligen werden. Man erinnert sich des Ausspruchs von Kaiser Wilhelm IL, als er von seiner

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