Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316552--56505-3350386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 andererseits ihre physischen Kräfte zu sehr anstrengt. Der Unterricht nach geschriebenen Notizen statt nach fertigen Büchern schadet den Augen der Kinder. Wir versündigen uns an unseren Schülern, wenn wir ihnen keine Lehrbücher in die Hand geben. Wenn die Erhaltung und Entwicklung der hebräischen Sprache an sich eine große nationale Aufgabe ist, darf sie dennoch nicht auf Kosten der Gesundheit unserer Jugend durchgeführt werden. Die Herausgabe der Bücher muß schon aus Gründen allgemeinerer Natur möglichst beschleunigt werden. In Jaffa wird in diesem Jahre ein Seminar für Lehrerinnen eröffnet, in Haifa ein Realgymnasium und ein Technikum gegründet werden. Wir dürfen den Verwaltungen dieser Schulen keinen Vorwand geben, Lehrbücher über allgemeine Schulfächer in fremden Sprachen einzuführen, weil wir ihnen keine hebräischen zu liefern imstande sind. Die Herausgabe hebräischer Lehrbücher für unsere Mittelschulen bahnt der hebräischen Sprache den Weg in die Lehranstalten, welche von anderen Institutionen in unserem Lande gegründet werden. Nur auf diese Weise können wir der falschen Meinung entgegentreten, daß die hebräische Sprache sich nicht zur Vortragssprache in Mittelschulen eigne. Schwierigkeiten sprachlicher Natur existieren dabei überhaupt nicht, die Frage der Terminologie ist schon deshalb leicht zu lösen, weil 1. die Terminologie in allen Sprachen einheitlich, international ist, 2. weil wir uns in unseren Mittelschulen schon jetzt einer Terminologie bedienen, welche mehr oder weniger dem Geiste unserer Sprache und den Anforderungen der Wissenschaft entspricht, 3. weil es auch bei uns Männer gibt, die imstande sind, dem Mangel an technischen Benennungen auf den verschiedenartigsten Gebieten abzuhelfen. Für jeden Fall aber ist die hebräische Sprache auch auf diesem Gebiete nicht ärmer wie z. B. die bulgarische, türkische, rumänische, serbische oder ruthenische Sprache, an deren Eignung als Vortragssprache für Mittelschulen kein Mensch je gezweifelt hat. Den stärksten Nachdruck müssen wir vorerst auf die Lehrbücher für reale Fächer, wie Naturgeschichte und Mathematik legen, den zweiten Platz den übrigen allgemeinen Wissenschaften, wie Geographie, Geschichte usw., und erst den dritten Platz der jüdischen Wissenschaft einräumen. Die Herausgabe von Lehrbüchern für allgemeine Disziplinen dürfte auf keine großen Schwierigkeiten stoßen. Es gibt Schulbücher, die nur einer Uebersetzung aus fremden Sprachen bedürfen, wie solche aus dem Gebiete der Geometrie, Trigonometrie, Chemie, Geologie, Kosmographie und solche, die eine kleine Umarbeitung brauchen, um den örtlichen Bedingungen angepaßt zu werden, wie z. B. in einem Lehrbuch der Arithmetik die (Bezeichnung der Maße und Gewichte, wie sie in Palästina landesüblich sind. Eine viel umfassendere Bearbeitung verlangen schon die Lehrbücher für Botanik und Zoologie. Wir können unseren Schülern keinesfalls genau Tiere und Pflanzen schildern, die in Europa zwar häufig, bei uns aber wenig oder gar nicht vorkommen. Vielmehr müßten unsere Schulbücher sich mit der Tier- und Pflanzenwelt unseres Landes eingehend beschäftigen. Glücklicherweise gibt es bereits in Erez Israel Männer, die sich durch ihre Forschungen einen geachteten Namen in der wissenschaftlichen Welt erworben haben, Herr A h a r o n i auf dein Gebiete der Zoologie und Herr Aaronsohn auf dem Gebiete der Botanik und der Geologie. Diese Herren sind nicht nur durch praktische Tätigkeit mit der Natur des Landes vertraut, sondern kennen auch genau die althebräischen Tier- und Pflanzennamen. Wir können diesen beiden Forschern die Aufgabe ruhig überlassen, eine Schulterminologie für die Naturwissenschaften festzustellen. Umarbeitung erheischen ferner auch die Bücher für Geographie. Das Lehrmaterial, das wir unseren Schülern in Erez Israel zu geben, haben, weicht von dem der anderen Länder wesent- 1175 lieh ab. Im Mittelpunkte der Länderkunde muß selbstverständlich Erez Israel und die benachbarten Gebiete stehen. Auch bei der Beschreibung aller anderen Länder darf ihr jeweiliger Zusammenhang mit Erez Israel nicht übersehen werden. Die Schüler in Erez Israel können sich nicht mit den dürftigen Angaben begnügen, die in geographischen Handbüchern Europas über Palästina und die Türkei enthalten sind. Die gleiche Forderung gilt noch in viel höherem Maße für die Lehrbücher der allgemeinen Geschichte. Hier verlangen wir eine vollständig andere Einteilung der verschiedenen Perioden. Die Geschichte des Orients, die in den Lehrbüchern Europas nur kurz gestreift wird, muß in unseren Schulen gründlich behandelt werden, mit Rücksicht auf den großen Zusammenhang zwischen der Vergangenheit unseres Volkes und der alten morgenländischen Völker. Wir haben in der Geschichte des Altertums eine große Rolle gespielt, waren oftmals die Beeinflussenden und wurden ebenso oft von anderen Völkern beeinflußt. Die Geschichte des jüdischen Altertums wird nie ohne genaue Darstellung der Geschichte der alten orientalischen Völker klar verstanden werden können, da sie im organischen Zusammenhang mit derselben steht. Auch wird die Geschichte der Araber, welche in den gewöhnlichen Geschichtsbüchern nur kurz behandelt wird, schon mit Rücksicht auf die gegenseitige kulturelle Wechselwirkung im Mittelalter in unseren Geschichtsbüchern einen viel größeren Raum einnehmen müssen. Demgegenüber müßte die Darstellung der Geschichte des Mittelalters gekürzt werden. Sie ist für uns nur insofern wichtig, als sie die Entstehung der neuen Völker erklärt. Die kulturellen Strömungen des Mittelalters, der Renaissance und der Reformation sollen in ihrer Berührung mit der jüdischen Welt und ihrem Einfluß auf dieselbe geschildert werden. Schließlich müssen unsere Geschichtsbücher dem Türkischen Reiche einen größeren Raum anweisen. In unseren Schulen herrscht auch ein Mangel an Lehrbüchern für die Fächer des hebräischen Wissens, wie z. B. jüdische Literaturgeschichte, Talmud und jüdische Geschichte. Große kritische Werke und Ausgaben für Volksschulen haben wir, an Chrestomatien aus den oben erwähnten Gebieten mangelt es jedoch gänzlich. Die Herausgabe all dieser Bücher müßte mit Rücksicht darauf, daß sie in nächster Zeit noch keinen genügenden Absatz finden werden, materiell gefördert werden. Die Herausgabe von Lehrbüchern für alle Klassen würde Kosten von 50 000 Frcs. und eine Arbeit von fünf Jahren in Anspruch nehmen. Das Gelingen dieser Herausgabe wäre der größte Triumph für die Schöpfer und Förderer, ein Denkmal für spätere Zeiten. Daneben müssen wir auch dafür Sorge tragen, den jungen hebräischen Lesern gute Lektüre zu verschaffen. Es lebt bereits ein ganzes Geschlecht von Kindern und Jünglingen, die entweder nur die hebräische oder diese Sprache besser wie alle anderen Sprachen beherrschen. Das Kind geht aus der Schule ins Leben, es hat das Bedürfnis, zu lesen, ein Verlangen nach Erweiterung seiner Kenntnisse, und ist gezwungen, sich entweder mit der unzulänglichen schon existierenden hebräischen Literatur zu begnügen oder — sich anderen Sprachen zuzuwenden. Die Grundlage, welche das Kind in der Schule gewonnen hat, bleibt ohne Oberbau oder bekommt einen neuen Oberbau, der nicht auf der alten Grundlage errichtet wurde. Um diesem Mangel abzuhelfen, geben wir die „Moledeth" heraus. Diese Zeitschrift hat aber noch keinen genügend großen Abonnentenkreis gewonnen und wird ohne Rücksicht auf die vom Odessaer Komitee bewilligte Subvention wohl noch längere Zeit hindurch mit mindestens 2000 Frcs. jährlich unterstützt werden müssen. Obwohl wir mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß die „Moledeth" das Bedürfnis an