Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 38 D1E3^[ELT= 1173 Palästina im Zionismus*) Ein Traktat über Konsequenz Von Dr. Elias Auerbach-Haifa Bei manchem steht am Anfang seines Zionismus, bei manchem am Ende Palästina. Wer aus einem noch ganz jüdischen Milieu kommt, wessen erstes und wichtigstes zionistisches Buch die Bibel gewesen ist, für den ist die beherrschende Stellung Palästinas im zionistischen Denken eine Selbstverständlichkeit, eine Voraussetzung für alles übrige. Daneben aber gibt es viele, die erst die ganze zionistische Gedankenwelt in sich durchleben müssen, um schließlich auf dem Wege der logischen Ausschließung Palästina als das Ziel des Zionismus anzuerkennen. Freilich ist auch bei ihnen diese Ueberzeugung, einmal gefaßt, nicht weniger unabänderlich. Als Ziel des Zionismus aber nimmt Palästina eine ganz besondere Stellung ein, abweichend von vielen anderen „Zielen". Das „Ziel" der sozialistischen Bestrebungen ist der Zukunftsstaat, das „Ziel" der internationalen Politik ist die friedliche Verständigung der Kulturvölker. Bei solchen Zielen, die weiter nichts sind als vorgeahnte Endglieder einer langen Entwicklung, kann Ziel und Bewegung völlig auseinanderfallen. Palästina dagegen steht im Zionismus wohl auch am Ende der Idee, aber am Anfang der A u s f ü h r u n g. Sobald man den Zionismus ins Ernsthafte übersetzt, muß die Arbeit in Palästina im Vordergrunde stehen. Um aim letzten Ende, der Wiederaufrichtung der jüdischen Nation in Palästina, zu gelangen, muß schon heute und ■orgen alle zionistische Initiative in Palästina münden. Genau dasselbe, was für die Bewegung im ganzen ^ilt, gilt auch für den einzelnen Zionisten. Palästina mag ihm das letzte Glied seiner Idee sein - in der Betätigung des Zionismus muß es das alles beherrschende, alles regulierende Moment werden. Ob sie die Arbeit in Palästina direkt oder indirekt fördert, davon hängt die Wertung jeder zionistischen Tätigkeit ab. Das war freilich nicht immer so. Als vor fünfzehn Jahren der politische Zionismus entstand, war ihm Palästina ein fernes, nebelhaftes Idealland. Er suchte gerade seinen unterscheidenden Gegensatz gegen verwandte Bestrebungen darin, daß er die sofortige Einzelarbeit in Palästina zurückwies. Seitdem, in einem Jahrzehnt, haben wir eine mächtige, rapide Entwicklung durchgemacht. Heute ist die zionistische Anschauung über die Arbeit in Palästina von einer solchen Geschlossenheit und Folgerichtigkeit, daß wesentliche Aenderungen nicht mehr zu erwarten sind, höchstens die feinere Ausarbeitung und Anwendung im einzelnen. Tausende von Zionisten haben inzwischen das Land und seine Bedürfnisse aus eigener Anschauung kennen gelernt und es auch andern nahe gebracht. Aus einem schönem Phantom ist ein Bestandteil greifbarer Wirklichkeit geworden. Nachdem einmal die Ueberzeugung Gemeingut geworden ist, daß der mächtigste Hebel zur Realisierung der nationaljüdischen Ideen eine starke jüdische Position in Palästina ist, ist auch dem einzelnen der Weg vorgezeichnet, auf dem er am meisten zur Erreichung des Endzieles beitragen kann: indem er nämlich dazu hilft, die Position der Juden in Palästina zu verstärken. Dafür kann er auf zweierlei Weisen arbeiten. Einmal, indem er für die Stärkung der allgemeinen zionistischen Institutionen und Fonds wirkt. Je mehr die Bewegung besitzt, desto mehr Initiative wird sie entfalten können. Aber wir dürfen uns keiner Täuschung darüber hingeben, daß dem Wirkungsbereich einer Organisation für die Besiedelung Palästinas immer gewisse enge Grenzen gezogen sein werden. Eine Organisation, und sei sie noch so kapitalkräftig, kann immer nur gewisse allgemeine Bedingungen schaffen, gemeinnützige Institute gründen, sozialen Schäden vorbeugen, vorbildliche Wirtschaftsformen an Beispielen demonstrieren. Aber für die direkte Besiedlung durch zahlreiche einzelne sorgen, dazu reichen selbst Kapitalien wie die der Jevvish Colonisation Association nicht entfernt aus. Zumal für die zionistische Bewegung ist dieser Weg für immer ungangbar. So drängt alles auf einen zweiten Weg hin: die Anregung der privaten Initiative, die allein, wenn sie erhebliche Massen in Bewegung setzt, imstande ist, unserem Volke das Land zu gewinnen. Nur aus dein Zusammenwirken tausend einzelner können materielle und moralische Kräfte von einer solchen Größe, wie wir sie brauchen, hervorg ehen. Und nun heißt es nur, konsequent sein. Wenn wir anderen Leuten den guten Rat geben werden, Arbeit und Kapital in Palästina anzulegen, werden wir nur ein Lächeln ernten. Wir selbst können der letzten Folgerung nicht mehr ausweichen. Dich, deinen Bruder, deinen Freund braucht das jüdische Palästina, um vorwärts zu kommen. Wer das zionistische Problem ernsthaft durchdacht hat, der darf auch die letzte Konsequenz nicht ablehnen. Freilich, die Naturen sind verschieden. Es gibt viele, die „gern möchten", andere, die wirklich wollen, und dritte, die es auch tun. Aber wenn wir Forderungen stellen, so bemessen wir sie nicht nach den Lauen und Halben, sondern nach denen, die gewohnt sind, die Dinge ihrem Willen unterzuordnen. In diesem Sinne muß gefordert werden, daß jeder konsequente Zionist Mittel und Wege sucht, um mit seiner Person und seiner Arbeitskraft in Palästina selbst für die Durchsetzung der jüdischen Ideale tätig zu sein. Hindern ihn zwingende Gründe, so soll er sie ehrlich vorführen, ohne darum die allgemeine Gültigkeit dieser Forderung zu bestreiten. Palästina ist kein ödes Land mehr und bietet weitaus den meisten Berufen die Möglichkeit einer Betätigung. Für einige, besonders die rein wissenschaftlichen, ist das freilich noch nicht der Fall, und niemand wird so ungerecht sein, von einem jungen Menschen das Aufgeben eines ganzen Lebensinhaltes zu verlangen, wenn er in Palästina nicht seinem natürlichen Beruf nachleben kann. Aber wie selten ist dieser Fall! Gewiß, es ist ein gewaltiger Entschluß, außerhalb der gewohnten Geleise ein neues Leben, im Gegensatze zu Wunsch und Tradition der Familie, zu beginnen. Und nur dem kann dazu geraten werden, der gewohnt ist, die höchsten Ansprüche au sich selbst zustellen. Noblesse oblige, das gilt auch hier. Wer im Menschentum das Höchste erstrebt, muß es sich g e - *) Dieser Artikel stammt aus einer Flugschrift des Kartells zionistischer Verbindungen: „Der zionistische Student" Näheres darüber ist aus der Prospektpostkarte zu ersehen, die der Gesamtaufläge dieser Nummer beiliegt.