Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Schulzeugnisse, Ernennungsdekrete oder andere behördliche Urlcunden bezeugt, daß er im bürgerlichen Leben tatsächlich seit seiner frühesten Jugend denjenigen Vornamen führt, auf welchen er seinen in der Geburtsmatrikel eingetragenen Namen ändern lassen will, und wenn seine Eltern unter Eid bezeugen, daß sie ihrem Kinde tatsächlich denjenigen Namen geben wollten, auf den er seinen eingetragenen Namen ändern lassen will und den er laut den beigelegten Dokumenten tatsächlich führt. Falls die Eltern nicht mehr am Leben sind, müssen an ihrer Statt zwei Zeugen unter Eid aussagen, daß der Petent seit seinen Kinderjahren im Elternhause und außerhalb desselben immer mit demjenigen Namen benannt wurde, den er jetzt gesetzlich führen will. Diejenigen Bittsteller, deren Gesuch bereits einmal abgewiesen wurde, können innerhalb eines Jahres unter strenger Befolgung dieser neuen Verordnung nochmals die Aenderung der Vornamen beantragen. Die Versammlung der (neologen) Gemeindedistrikts-Präsidenten sprach dem Minister Grafen Johann Z i c h y für diese Verordnung protokollarisch Dank und Anerkennung aus. Aber auch das Organ der ungarischen Trennungs-Orthodoxie, ,,Magyar Zsidöf;, vergießt Freudentränen darüber, daß man endlich davon befreit wird, amtlich Borech zu heißen, obwohl man von diesem Namen nichts wissen will und im bürgerlichen Leben schon längst B e I a genannt wird. Die Wahlen zum türkischen Parlament (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Wenn auch die eigentliche Wahlkampagne noch nicht eingesetzt hat, so sind doch die Vorbereitungen dazu schon in vollem Gange. Die „Entente Liberale" arbeitet durch ihre Presse ld ihre Vertreter im Ministerkabinette darauf hin, daß mög- »chst alle Verwaltungsbeamten im Reiche, angefangen von den Polizeikommissaren bis hinauf zu den Walis, und ganz besonders diese, soweit sie als Anhänger des Komitees gelten, versetzt oder ihres Amtes enthoben werden, um „Neutralen", d. h. wohl mehr oder minder Anhängern der Entente Platz zu machen. Diese Partei scheint daher auf der schiefen Ebene m derselben Kraftpolitik zu sein, die dem Komitee ,,Union et Progres" so schlecht gelang und noch heute zum Vorwurfe gemacht wird. Das Komitee hat in dieser Woche seinen großen Kongreß abgehalten, und zwar in Konstantinopel, unter den Augen der Regierungsorgane, wohl um zu zeigen, daß es ihm mit seiner Kundgebung, keine revolutionäre, sondern offene und loyale Politik machen zu wollen, ernst sei. Im Schöße der Unionspartei sind augenblicklich zwei Strömungen vorhanden, eine radikale, die den Boykott der Wahlen verlangt, um damit gegen die Illegalität der vorgenommenen Kammerauflösung zu manifestieren und deren Haupt Dschawid Bey sein soll, und eine mehr realpolitische, welche den Wahlkampf dazu benutzen will, um die Stellung der Partei, soweit als möglich, wieder zu verbessern. Der Kongreß hat dahin entschieden, daß die Unionisten sich an den Wahlen mit Energie beteiligen sollen. Die nationalen Minoritäten sind sich noch nicht über die von ihnen einzuschlagende Taktik klar geworden. Die Griechen werden wahrscheinlich ihr Abkommen mit der Entente Liberale von der vorigen Wahlkampagne her aufrecht erhalten; ob sie dagegen auch nach den Wahlen im Parlamente noch Schulter an Schulter mit dieser Partei arbeiten werden, ist sehr die Frage. Für den Moment sind sie sich noch nicht darüber einig geworden, wer für sie die zentrale und verhandelnde Instanz im Wahlkampf sein soll; die einen verlangen, daß es das Patriarchat sei, die anderen verlangen, daß die politischen Partei-Instanzen, also die „Ligue constitutionelle greque", den Wahlkampf führt. Es scheint, daß die letztere dazu ausersehen sein und der Patriarch nur dann zum Einschreiten bei der Regierung angehalten werden wird, wenn es gilt, eine allgemeine nationale Forderung durchzusetzen. Bei den Armeniern ist die Unklarheit noch größer. Hier gibt es genau die gleiche Streitfrage, daneben aber auch noch die Frage der inneren Parteiungen. Sie sind in die Daschnaks, die Hintschaks und die Partei des Zentrums gespalten. Voriges Mal gingen die ersten mit den Unionisten, brachen aber nachträglich mit ihnen; die zweiten hatten mit den Ententisten paktiert und wollen es anscheinend auch jetzt noch; die dritten sind für eine neutrale Haltung. Die Bulgaren haben gleichfalls noch ihr Abkommen mit den Ententisten, an dem sie bis auf weiteres festzuhalten gesonnen scheinen. In der jüdischen Nation ist noch gar keine Klärungüber ihre Taktik eingetreten. Die Situation liegt hier ganz analog, wie bei den Armeniern; nur daß unter den Juden die Parteien kein ausgesprochenes Programm und keine Organisationen besitzen, sondern vorläufig nur unterirdische Strömungen darstellen. Eine Enquete des „Jeune Türe" hat die in diesen drei Richtungen herrschenden Ideen festgestellt und wiedergegeben. Danach gibt es unter den türkischen Juden erstens Anhänger des Komitees, die dafür plädieren, daß die Nation geschlossen, wie bei den früheren Wahlen, ihr Schicksal an das des Komitees hefte. Sie weisen auf die historische Rolle hin, die das Komitee in der Entwicklung der Türkei gespielt hat, sowie auf das freundschaftliche Verhalten den Juden gegenüber, im Gegensatz zur Entente Liberale, die antisemitische Allüren angenommen hatte. Die Freunde der Ententisten sagen, daß die Juden mit diesen gehen müssen, weil das liberale Programm den Bedürfnissen der nationalen Einheiten viel konformer sei, als das der Unionisten, deren starrer Zentralismus eine freie Entwicklung der nationalen Kulturen im Lande nicht zulasse. Die antisemitischen Zeichen im Parteileben der Entente seien nur vereinzelt und würden bei den maßgebenden Führern keine Billigung finden, da sie dem Parteiprogramm stracks zuwiderlaufen. Die dritte Richtung befürwortet eine völlige Neutralität der Juden, weil die Verknüpfung mit der einen Partei ihnen die andere zum unversöhnlichen Feinde machen müsse; das einzig richtige sei eine eigene und unabhängige nationale Politik, wie sie andere Nationalitäten führen, und je nach dem nationalen Interesse lokale Kompromisse, wo solche nötig seien. — Dieser Wirrwarr der Meinungen wird sich jedenfalls bald klären, da auf verschiedenen Seiten Anzeichen einer ernsten Beschäftigung mit dem Probleme bereits bemerkbar sind. Bis jetzt haben zwei jüdische Blätter ihren Standpunkt klar formuliert, die „Aurore" und der „Tiempo". Die „Aurore" entwickelt in einem programmatischen Leitartikel die Ideen der oben bezeichneten dritten Richtung. Sie weist der jüdischen Nation ihren Platz unter den nationalen Minoritäten des Reiches an und entwickelt die absolute Notwendigkeit für eine jede derselben, im Parlamente ihr Schicksal selbst zu vertreten. Es würde daher für jede der Minoritäten eine große Gefahr sein, wenn sie nicht eigene nationale Vertreter in die Kammer brächte. Das sei jedoch nur durch das Proportionalsystem und durch die Einführung nationaler Wahlkurien möglich, wofür der Autor ein Gesetz verlangt. Der „Tiempo" plädiert unter Ausfällen auf den Zionismus gegen den Standpunkt der Neutralität, den er als