Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1170 Dafür weiß ihm die zionistische Bewegung Dank. In Jaroslav V r c h 1 i ck v, dem großen Toten des tschechischen Volkes, bewundern wir nicht nur den Verfasser des Heldenepos „Bar-Kochba" und Uebersetzer der Dichtungen Morris Rosenfelds. Wir betrauern auch den Heimgang eines verständnisvollen Freundes der zionistischen Bewegung. Es ist zu wenig bekannt, daß sich Vrchhckv tatkräftig für den Zionismus eingesetzt hat. Einst erschienen die Führer der tschechisch-assimilatorischen Juden bei ihm und forderten ihn mit Berufung auf ihre tschechisch-nationale Gesinnung auf, gegen die Zionisten Stellung zu nehmen. Vrchlicky wies jedoch dieses Ansinnen zurück und gab seiner vollen Uebereinstimmung mit den Bestrebungen des Zionismus Ausdruck. Der berühmte tschechische Dichter hat auch an zionistischen Veranstaltungen teilgenommen und mitgewirkt. Die jüdischen Studenten und der deutsche Charakter der Czernowitzer Universität C z e r n o w i t z. Bekanntlich führt die jüdische Studentenschaft an der Czernowitzer Universität seit mehr als einem Jahrzehnt einen harten Kampf um ihre nationale Anerkennung. Um jedoch den „deutschen" Charakter der Universität, an der regelmäßig ca. 450 jüdische Hörer (40 (V« der gesamten Studentenschaft) inskribiert sind, zu wahren, leistet die akademische Behörde dieser Forderung, deren Berechtigung sie selbst nicht bestreitet, hartnäckigen Widerstand. Indes lehrt uns die eben erschienene Statistik der Frequenz im Sommersemester 1912, auf wessen Kosten die Leitung der Czernowitzer Universität dieser Hochschule einen deutschen Charakter vindiziert. Wir nehmen folgende Zahlen zu Hilfe. In den letzten drei Semestern weisen die von der Universität herausgegebenen statistischen Tabellen 441, 455 und 443 Hörer mosaischer Religion auf. Mit Hinzurechnung dieser Zahlen konnte die Universität in den ersten zwei Semestern 5S5 und 614 Hörer deutscher Muttersprache ausweisen. Allein das letzte Semester, das Sommersemester 1912, zeigt, von wessen Gnaden der deutsche Charakter abhängt und auf welch schwanke m Grun d e er ruht, wenn die jüdische Studentenschaft ihm ihre Stütze n ganz entziehen würde: Hörer in o s a i s c h e r Religion: 443 (s. oben) — Hörer deutscher Muttersprache 434- Diese Reduktion hat ihren Grund darin, daß die jüdische Studentenschaft, wie seinerzeit gemeldet, den Beschluß gefaßt hatte, im abgelaufenen Semester teilweise rumänische oder ruthenisch e Muttersprache anzugeben. Dadurch erfuhr hauptsächlich der rumänische Besitzstand einen ansehnlichen Zuwachs, da die Bukowinaer jüdischen Studenten meist ' die rumänische Sprache beherrschen. So geschah schon zum Teil das „Befürchtete", daß die Czernowitzer Alma m a t e r im Sommer- Semester 1912 die absolute deutsche Majorität gründlich verloren hat und kaum noch die relative Majorität behauptet. Wer schenkt ihr also den deutschen Charakter? Allerdings haben die jüdischen Studenten keinen Anlaß, der Czernowitzer Universität zu einem rumänischen Charakter zu verhelfen. Denn das Judentum hat im allgemeinen mit der geistigen oder ethischen Kultur des Rumänenvolkes, das die jüdischen Stammesgenossen, besonders in seinem politischen Zentrum, in Rumänien, nur zu unterdrücken und zu Nr. 38 schädigen sucht, nichts gemein. Aber es sträubt sich ebenso das menschliche und nationale Bewußtsein der jüdischen Studentenschaft entschieden dagegen, zum eigenen Nachteil das Deutschtum auf ihrem Nacken zu tragen und ihm im Osten ein Kultur-Bollwerk zu sichern, dem Deutschtum, das sich die so wichtigen Dienste wohl leisten läßt, die Menschenrechte der jüdischen Hörer aber mit Füßen tritt. Besonders macht sich nach allgemeiner Ueberzeugung eine ,,Partei" im akademischen Senat zum Schaden der jüdischen Studentenschaft (wer weiß, ob nicht auch zum Schaden der Universität?) breit. Es sind dies einige Renegaten, in deren Adern vielleicht noch etwas jüdisches Blut rollt. An ihrer Spitze steht der sich noch zur mosaischen Konfession bekennende ordentliche Professor des „Rechts", Dr. Georg Petschek (aus Prag). Indes ist die jüdische Studentenschaft im Hinblick auf die bevorstehende Inskription von der Erwartung erfüllt, daß die akademischen Behörden in eigenem Interesse einer politischen Einsicht folgen werden; denn es sollte für die Majorität der deutschen Senatsmitglieder der Czernowitzer Universität ein Gebot der Selbsterhaltung sein, der jüdischen Studentenschaft ihre berechtigten nationalen Forderungen zu gewähren, statt der Wühlarbeit jener Partei zu entsprechen, die gegen die jüdische Studentenschaft Stellung nimmt, um offenbar ihre eigene jüdische Abstammung vergessen zu machen, und statt sich über kurz oder lang, indem sie die jüdische Studentenschaft zu Notmaßregeln zwingt, eines Besitzes zu begeben, den wieder zu erkämpfen wohl große Opfer kosten wird. Die Aenderung jüdischer Vornamen in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest, Während in den nationaljüdischen Kreisen Oesterreichs und Deutschlands die Aufforderung des Oberrabbiners Dr. Güdemann (Wien) an seine Kollegen, daß diese den Eltern abraten mögen, ihren Neugeborenen jüdische Namen zu geben, begreiflichen Unwillen erregt hat, wurde in Ungarn die Aenderung jüdischer Vornamen auf dem Verwaltungswege bedeutend erleichtert. Jüdische Eltern gaben ihren Kindern vor einigen Jahrzehnten im allgemeinen noch jüdische oder doch solche Namen, die mit der Zeit als „verjudet" galten. Die Namen Israel oder Isidor, ja selbst die kerndeutschen Namen Max und Hermann, fand die Assimilationsjugend, die sich nicht zu erkennen geben wollte, viel zu deutlich, und legte sich eigenmächtig ungarische Vornamen bei. Da jedoch in den Matrikeln und demgemäß in den behördlichen Urkunden immer der eigentliche jüdische Vornamen figurieren mußte, entstanden fortwährende Unannehmlichkeiten. Darum suchten viele auf dem Verwaltungswege die Abänderung ihrer Vornamen nach. Während nun hierzulande die Aenderung der Familiennamen ganz leicht von statten geht, stieß man bei einem solchen Ansuchen betreffs der Vornamen stets auf Schwierigkeiten, da vorerst der Beweis erbracht werden mußte, daß die betreffende Matrikel eintragung auf einem Irrtum beruhte, und zwar auf einem Irrtum der eintragenden Amtsperson. Dies nachzuweisen, war in den meisten Fällen nicht mehr möglich, so daß die kompetenten Behörden zumeist einen abweislichen Bescheid erbrachten. Die strengen Verfügungen sind nun durch eine diesjährige Verordnung des Königlich ungarischen Kultus- und Unterrichtsministers, Grafen Johann Z i c h y , gemildert worden. Laut dieser Verordnung kann dem Ersuchen auf Abänderung der Vornamen Folge geleistet werden, wenn der Petent durch