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Die Welt · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 wirkte die Tatsache, daß Fürst Karajew und der Student Ma lach in, die zu den wichtigsten Zeugen Brasul-Bruschkowskys gehören, kurz daraut wegen angeblicher anarchistischer Umtriebe verhaftet wurden. Die überzeugenden Aussagen Brasul-Bruschkowskys und Krassowsky s hatten den Verteidiger B e i I i s', Rechtsanwalt Grusenberg, zu einem neuen Versuch zugunsten seines Klienten ermutigt. Vor kurzem richtete er an Untersuchungsrichter Maschke witsch ein Gesuch um Haftentlassung Beilis' gegen Kaution. Dieses Gesuch wurde nun abschlägig beschieden. Das arme Opfer des böswilligen Ritualmordwahns wird voraussichtlich noch lange im Gefängnis schmachten. Wie die gut unterrichtete „Nowoje Wremja" zu melden weiß, sollen die Verhandlungen gegen Beilis im Laufe des Jahres 1912 n ii c h t mehr stattfinden. Es hat auch keine Eile damit. Vorläufig ist ja die Affäre ein trefflicher Bissen für unsere Patrioten. Namentlich wird sie in der gegenwärtigen Wahlkampagne reichlich ausgenützt. Die Wahllosung der „patriotischen" Parteien, speziell im Südbezirk, lautet: „Ritualmord." Und man muß es unseren Behörden lassen: sie wissen den Grundsatz der Wahlfreiheit hochzuhalten, — wenn es sich um die „Rechte" handelt. Ein Beispiel für viele. Während die unschuldigsten Vorträge über literarische und wissenschaftliche Gegenstände sehr häufig „mit Rücksicht auf die öffentliche Ordnung" verboten werden, wurde es dieser Tage dem berüchtigten Pogromhäuptling, Student Golubew aus Kiew, gestattet, in Jekaterinoslaw einen öffentlichen Vortrag über „die rituelle Ermordung Juschtschinskys in Kiew" abzuhalten. Die Juden und der eucharistische Kongreß (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Es ist klar, daß die Judenheit als solche anläßlich des eucharistischen Kongresses in keiner Weise hervorzutreten hatte. Der Takt gebot, weder zu gaffen, noch zu bekritteln, weder zu tadeln, noch sich für diese Veranstaltung zu erwärmen. Wir hatten einfach ferne zu stehn und zu schweigen. Höchst geschmacklos — der Ausdruck ist zu milde — war das Verhalten einer „Versammlung jüdischer Notabein", die es für nötig fand, feierlichst zu beteuern, daß das Judentum gegen den eucharistischen Kongreß nichts einzuwenden hätte, daß wir in ihm ein religiöses Fest anerkennen, und daß man es die Juden nicht büßen lassen möge, wenn in gewissen Blättern und von gewissen Personen gegen den Kongreß geschrieben und gesprochen werde. Die Herren Hofrat Kareis, Gemeinderat Fischer, Bezirksrat Back und Konsorten hätten sich diese de- und wehmütige Geschäftigkeit schenken können. Mehr Würde, Ihr Herren! Redet und handelt, wenn das Judentum Euer bedarf, aber schweiget, wo geschwätziges Wichtigtun nach Liebedienerei riecht! Höchst unklug, ja unverantwortlich war es, wenn Hofrat K a r e i s in der Versammlung gegen die antiklerikale Aktion der ,,Freien Schule" wetterte. Die geht uns ebensowenig an, wie der Katholikentag. Oder sollte in dieser Judenversammlung die infame Verleumdung der Christi ich sozialen bekräftigt werden, daß die Freie Schule" ein rein jüdisches Untern e h m e n sei? Dem Fernstehenden, der nicht schon aus den genannten Namen das Geheimnis erraten hat, sei enthüllt, daß diese 1169 „Aktion" nichts anderes bedeutete, als in neuer Gestalt den alten Kampf des einen Leopoldstädter „israelitischen" Klüngels gegen den anderen. Die Kareis-Gruppe demonstrierte gegen die Ofner-Gruppe, weil Dr. O f n e r an den „Josefsblättern" mitgearbeitet hatte, was natürlich ebenfalls sehr deplaciert und gegen den jüdischen Wahlkreis dieses jüdischen Abgeordneten rücksichtslos gehandelt war. Im übrigen muß konstatiert werden, daß trotz aller gegenteiliger Versicherung und trotz der anerkennenswerten Bemühungen einzelner Kongreßteilnehmer die Tagung vom Geiste christlichsozialen Judenhasses erfüllt war. Denn anläßlich des Kongresses erschien ein Verzeichnis der Wiener christlichen Firmen — ein Vorgang, der mehr den Grundsätzen des christlichsozialen Boykottes als den Prinzipien der christlichen Nächstenliebe entsprach — und die Begrüßungsrede des Landmarschalls Prinzen Lichtenstein suchte redlich auf die Zehntausende gläubiger Zuhörer den glühenden Antisemitismus des christlichsozialen Parteichefs zu übertragen. Die Herren deutschfreiheitlichen Leopoldstädter Juden hatten also gar keinen Anlaß, sich der „Reichspost" an den Hals zu werfen. Rassenantisemitische Moral Dumm, dreist und charakterlos: anders kann man das jüngste Manöver der mährischen Deutschradikalen anläßlich der Nachwahlen in Neutitschein nicht bezeichnen. Ein Führer dieser rassenantisemitischen Partei, der Abgeordnete Sommer, entblödet sich nicht, in der mährischen Presse folgendermaßen um jüdische Stimmen — für den deutschradikalen Kandidaten zu betteLn: Das Linzer Programm, welches ,,die Bekämpfung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zur Pflicht macht" und das erste Dogma deutschradikaler Gesinnung ist, müsse wohl energisch durchgeführt werden, und zwar durch entsprechende Gesetzgebung. Dies gelte für die ganze Welt — aber beileibe nicht für Mähren, weil man hier von einem „schädlichen Einflüsse" der Juden nicht sprechen könne. Der ehrenfeste Teutone sucht also jüdische Wähler zu ködern, indem er betont, daß die Juden allenthalben durch gesetzliche Repressalien niederzuschlagen wären, daß aber die braven mährischen Israeliten von dieser „einzig vernünftigen Durchführung" des Linzer Programmen zu eximieren seien und daher beruhigt den deutschnationalen Antisemiten wählen dürften. Wer glaubt, daß dieser niederträchtige Artikel mit der gebührenden Verachtung aufgenommen wurde, der kennt das „Neue Wiener Tagblatt" nicht. Dieses famoseste „freisinnige", fa.st nur von Juden geschriebene und gelesene Organ zitiert aus den Darlegungen Sommers nur jene Stellen, in denen die mährischen Juden gelobt werden, und stellt die Sache so dar, als wäre Sommer der berufene Fürsprecher der Juden gegenüber den deutschradikalen Antisemiten. Todesfälle Dem jüngst verstorbenen Publizisten Wilhelm Goldbäum wollen wir ein ehrendes Angedenken bewahren. Theodor Herzl zählte ihn zu seinen engen Freunden und Beratern im jungen Zionismus, und gewann ihn für die Mitarbeit an der „Welt". Die ersten Jahrgänge unserer Zeitschrift enthalten zahlreiche bedeutsame Arbeiten des ausgezeichneten Mannes, die unter dem Pseudonym „Spectator" und „O. Erter" erschienen und von denen manche bleibenden Wert hat. DIE^ELT

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