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Die Welt · 1912-09-20 · 38 (20.9.1912) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
38 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1168 DIE^ELT Nr. 38 daß sie jetzt schon für diesen Fall mit furchtbarer Rache drohen. Damm härten wir uns freilich wenig" zu kümmern:* Den „Patrioten" Polens werden wir es nie recht machen, und wir wissen sehr wohl, wessen wir uns von ihnen zu versehen haben, gerade wenn wir uns demütigvon ihnen mit Füßen treten lassen. Schwerer fallen prinzipielle Bedenken ethischer Natur ins Gewicht. Es geht nicht an, daß wir, die wir prinzipiell die national-historischen Rechte eines jeden Volkes anerkennen, einem immerhin unterdrückten Volke das Recht der Repräsentation seiner nationalen Hauptstadt nehmen. Wir wollen doch nicht Unrecht mit Unrecht vergelten und ihnen das einzige Mandat aus ihrer Hauptstadt entreißen. So ungefähr äußert sich die zionistische Presse. Die ,,Polen mosaischer Konfession" bekämpfen aus purer Speichelleckerei das Prinzip einer eigenen jüdischen Vertretung überhaupt und wollen im allgemeinen von jüdischen Abgeordneten nichts wissen. Trotzdem wird für Warschau der Name Nathansohn genannt, während in Lodz ein Täufling, Rechtsanwalt Cohn, gewählt werden soll. Es braucht aber nicht gesagt zu werden, daß für einen aufrechten Juden weder der getaufte Rechtsanwalt, noch der Warschauer Gemeindevorsteher, der am jüngsten ,,Festtage der Gesetzgebung" seine getaufte Tochter in die katholische Kirche zur Trauung führte, annehmbar sind. Wir haben übrigens noch nicht vergessen, daß Herr Nathan söhn mit seinem Gesinnungsgenossen Dickste in anläßlich der Beratung der polnischen Selbstverwaltungsvorlage eigens nach Petersburg reiste, um dort dem Polenklub der Reichsduma ergebenst zu erklären, daß sie den geplanten Rechtsraub an den Juden mit Rücksicht auf die ,,kulturelle Rückständigkeit der jüdischen Massen" guthießen. Ernster zu nehmen ist die vielfach in der Presse erörterte Kombination, wonach die Juden auf die Mandate in Warschau und Lodz freiwillig verzichten, wogegen ihnen durch einen Block mit den Polen die Wahl je eines jüdischen Abgeordneten in den lithauischen Gouvernements W i 1 n a und Grodno gesichert werden soll. Ist gegen eine solche Kombination an sich nichts einzuwenden, so wäre es doch ein Fehler, wenn die Juden auch auf das Lodzer Mandat freiwillig verzichten wollten. Aus prinzipiellen Gründen müßte darauf hingearbeitet werden, daß die Juden auch im Königreich Polen wenigstens e i n Mandat erhalten. In Betracht kQmmt noch, daß die jüdischen Wähler im Gouvernement Grodno keinen geeigneten Kandidaten aufzuweisen haben. Sollte nun ein Block mit den Polen in Wilna Zustandekommen, so würde hier Rechtsanwalt Grusenberg gewählt werden, das Mandat in K o w n o, um das sich gegenwärtig Grusenberg und der gewesene Abgeordnete Friedmann bewerben, bliebe alsdann diesem letzteren überlassen. Das Kownoer Mandat scheint durch den Block mit den fortschrittlichen Lithauern ziemlich gesichert. Nicht so einfach ist die Sache im Gouvernement Kurland. Hier bewerben sich um das Mandat Rechtsanwalt Kalmanowitsch — der Protege der Herren um W i n a - wer — und N i s s e 1 o w i t s c h. Bis vor kurzem galt dieser als der einzige Kandidat des jüdischen Wahlkomitees. In einer seiner letzten Sitzungen faßte das Komitee jedoch den Beschluß, demnächst eine Konferenz von Vertretern der kurländischen Judenheit einzuberufen, die über die Personenfrage zu entscheiden hätte. Wie übrigens aus Petersburg gemeldet wird, soll das jüdische Wahlkomitee sich letzthin für Kalmanowitsch entschieden haben. In Odessa hatte, wie bereits mitgeteilt, das jüdische Wahlkomitee einstimmig den Beschluß gefaßt, einen jüdischen Kandidaten in der zweiten Wahlkurie zu nominieren, womit diet Kombination Sliosberg-Nikolsky ausgeschaltet wurde. Trotzdem nun Herr Sliosberg seinerzeit ausdrücklich erklärt hat, daß er als jüdischer Abgeordneter gewählt werden will, und trotzdem das seinerzeit auf der Kownoer Konferenz gewählte und gerade von der Winawerschen Gruppe geleitete politische Komitee den Beschluß gefaßt hat, die Nominierung von Dumakandidaten sei Sache der lokalen jüdischen Organisationen, so hat es Herr Sliosberg doch fertiggebracht, sich dem Willen des jüdischen Wahlkomitees zu widersetzen und im Bunde mit den Kadetten gegen die jüdischen Wähler auf seiner Kandidatur zu bestehen! Diese aufdringliche Mandathascherei ist natürlich Wasser auf die Mühle unserer Feinde und kann in Odessa zu den verhängnisvollsten Folgen führen. Die Sache wird um so komplizierter, als die Behörden alles Mögliche und Unmögliche tun, um den reaktionär-antisemitischen Wählern die Mehrheit zu verschaffen. So wurde den tausenden steuerfreien jüdischen Mietern, die sich zur Eintragung in die Wählerlisten meldeten, unter den nichtigsten Vorwänden ihr Wahlrecht vorenthalten. Zu gleicher Zeit werden täglich von den christlichen ,/kleinen Mietern" Tausende ohne ihr Zutun, bloß auf Veranlassung der Organisationen der Rechten", in die Wählerlisten eingetragen. Unter diesen Umständen wird es die jüdische Oeffentlichkeit den Herren Kadetten und ihren jüdischen Freunden um Winawer doppelt und dreifach aufs Kerbholz schreiben, daß sie durch ihre zudringliche Mandathascherei das jüdische Mandat in Odessa gefährdeten. Von jüdischen Kandidaturen ist in letzter Zeit auch noch in Tschernigow und im Gouvernement Taurien die Rede. In Tschernigow kandidiert Dr. A. Bruk, ein Bruder des gewesenen Mitgliedes des zionistischen A. C. und Abgeordneten der ersten Duma, Dr. Gr. Bruk. Wie verlautet, ist begründete Aussicht vorhanden, daß die fortschrittlichen nichtjüdischen Wähler diese Kandidatur unterstützen werden. Im Gouvernement Taurien bewerben sich der getaufte Rechtsanwalt M a r g o l i s und Rechtsanwalt D u b o s s a r s k y aus Petersburg um das Mandat. Die nichtjüdischen Fortschrittler sind bereit, den vom jüdischen Wahlkomitee zu sanktionierenden Kandidaten zu unterstützen, und es ist zu hoffen, daß dieses sich für die Ehre, einem Täufling die Vertretung jüdischer Interessen anzuvertrauen, bedanken wird. Dies ist das Bild der Wahlkampagne im jüdischen Lager. Gewiß werden wir nicht überall Erfolg haben. Allein, bei der allgemeinen Depression, die sich seit Jahren unserer weiten Volkskreise bemächtigt hat, ist die erhöhte soziale Aktivität, wie sie die Wahlkämpfe mit sich bringen, schon an sich von großer Bedeutung. Zur Kiewer Knaben mordaffäre Die Komödie der „erneuten Untersuchung"' naht ihrem Ende. Man hat freilich im Laufe dieser „Untersuchung" sehr interessante Details an den Tag gefördert. So hat z. B. Frau Diakonowa, die Hauptzeugin Brasul-Bruschkowfc y s , die bekanntlich R u d s i n s k y , den Bruder der Tschcb i r j a k , und Latysche w als die Mörder des Knaben Juschtschinsky bezeichnete, diese dunklen Ehrenmänner erkannt. Untersuchungsrichter Masch ke witsch ließ die Diakonowa nach dem Gefängnis kommen, wo sie Ruds i n s k y, der dort irgendein Verbrechen abbüßt, unter elf Sträflingen sofort erkannte. Dieselbe Probe wurde mit L a t y - s c h e w im Kerker gemacht, und Frau Diakonowa erkannte auch ihn unter fünfzehn anderen. Trotzdem diese Tatsache in Gerichtskreisen großen Eindruck machte, sollte man sich doch bald überzeugen, daß alles beim alten bleiben dürfte. Sehr verblüffend

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