Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316552--56497-3350378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. .8 DIEÄELT 1167 Vaterhaus ist leider ausgeschlossen, weil die meisten Familien entjudet sind, und eine Modernisierung des „obligaten" Unterrichts ist ein Schlag ins Wasser, weil sie vom Elternhause nicht unterstützt werden kann. Gründung eigener jüdischer Schulen hingegen als Heilmittel gegen Verfall und Abfall, als Rettungsanker für die Werdenden, als ausgezeichnetes Instrument, vom Kinde das Jude in tum in die Familie zurückbringen zu lassen, ist für alle diejenigen, die nun einmal Willens sind, das Judentum zu erhalten und umzuwerten, eine unumgängliche Notstandsaktion. Man vergegenwärtige sich nur, wie das westliche jüdische Geschlecht von heute in den Volks- und Mittelschulen aufgewachsen ist! Selbst überzeugte Anhänger der Assimilation, wie jüngst Jakob Löwenb-erg anläßlich der Kunstwart-Polemik, sprechen jetzt schon von dem „unausrottbaren, ererbten Hasse der anderen gegen uns". Löwenberg, den ein Kind in einer Gegend, .,in der sicherlichnie ein Jude gewohnt, nie ein Jude einen Christen gekränkt hat", wegen seines jüdischen Aussehens beschimpfte, gibt zu, daß selbst die Kultiviertesten und Freiesten im Banne dieses feindlichen Empfindens befangen sind. Dementsprechend sieht's in den Schulen aus. Die Entwicklungsjahre auf der Schulbank und die Verständnislosigkeit daheim — es war eine traurige Jugend. Ein Aufwachsen ohne brüderliche Neigung Gleichalteriger, ohne teilnehmendes Begreifen Aelterer. In den Lehrzimmern ein Tuscheln und Kichern mit vorgehaltenen Händen, häufig rüde, auf der Gasse aufgelesene Schimpfworte, die der Rufende selbst nicht verstand, — zu Hause kein Fünkchen liebevoller Teilnahme für diese ersten blutigsten Wunden der Kindesseele. Späterhin draußen boykottiert, verhöhnt, zumindest gemieden — daheim im besten Falle ein totes Zeremoniell hinter sorgsam verhängten Fenstern, nur allzu häufig aber ein Uebertü neben und Verstecken des angestammten Wesens, als wäre man auf der Landstraße aufgelesen. Wie sahen denn die Zwanzigjährigen aus? Die Besten, die innerlich unversehrt geblieben waren, traf man weitab vom Leben als Sonderlinge, wortkarg und in sich vergraben. Die Halbunterlegenen, die sich nicht ganz ergeben wollten, standen mit überreizten Nerven in ewiger Fechterpositur da, die meisten aber, die besiegt aus der Schule hinaustraten, boten das Bild abscheulicher Verstellung und widerlicher Würdelosigkeit Nein! Diesen Weg dürfen unsere Kinder nicht mehr gehen. Wir werden sorgen, daß sie sich h eigenen Schulen frei und harmonisch entwickeln. Das ist unsere einzig mögliche „freie Schule". Heute greift man noch zu dem Palliativmntei, die jüdischen Kinder womöglich in jene Schulen zu schmuggeln, in denen eine Mehrzahl jüdischer Schüler sitzt. So entstanden die „Judenschulen" der Großstädte. Unser Führer appellierte an uns, aus „Judenjungen" „junge Juden" zu machen. Erfüllen wir die erste Voraussetzung hierzu: Ersetzen wir die „Judensc h u 1 e n" d u r c Ii jüdische Schulen! Dr. Otto Abel es. WELTCHRONIK o □□□□□D|| O— O O o Von der Wahlkampagne in Rußland (Von unserem Berichterstatter.) Odessa. Die letzten Wochen brachten den Juden Polens eine Ueberraschung, die die ganze Situation im Wahlkainpfe von Grund aus änderte. Bekanntlich nahmen die Polen bei den früheren Duinawahlen sämtliche Mandate des Königreichs ausschließlich für sich in Anspruch. Selbst bei den Wahlen in die erste und zweite Duma, wo das Königreich Polen nahezu vierzig Abgeordnete zu wählen hatte, und wo man sich noch den Luxus gestatten durfte, audh ein paar fortschrittliche Abgeordnete in die Duma zu entsenden, haben es die Herren, die nicht aufhören, über Entrechtung und Unterdrückung zu klagen, fertiggebracht, den l:V'i Millionen polnischer Juden ihr elementarstes Recht auf eigene Vertretung vorzuenthalten. Nicht ein einziger Jude wurde bis jetzt aus Polen in die Duma entsandt. In den letzten Jahren hat sich die Situation insofern noch verschlimmert, als der unverblümteste Judenhaß zum herrschenden politischen Grundsatz sämtlicher Parteien des polnischen Volkes wurde. Die Vertreter der Polen in der Reichsduma trugen kein Bedenken, anläßlich der Einführung der kommunalen Selbstverwaltung in Polen auf die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung zu dringen, und Abgeordneter Jaronsky verlas bei dieser Gelegenheit im Namen seiner Kollegen vom Polenklub eine offizielle Erklärung, in welcher unzweideutig ausgeführt wurde, daß das polnische Volk sich im Namen seiner Lebensinteressen gegen die Gleichberechtigung der Juden verwahren müsse. Diese Erklärung fand i n der Sache bei keiner der polnischen Parteien und Gruppen Widerspruch, wenn auch manche an der unklugen Form derselben Anstoß nahmen. Zu gleicher Zeit wurde in der gesamten polnischen Presse, ohne Unterschied der Partei und Richtung, eine wüste Hetze gegen Juden und Judentum geführt. Das durch die Knebelungspolitik der russischen Regierung krankhaft verzerrte polnische Nationalgefühl machte sich, dem Gesetze des geringeren Widerstandes gehorchend, in einer Hetze gegen die Juden Luft. Bei dieser Sachlage wurden in jüdischen Kreisen Stimmen laut, die zu völliger Wahlenthaltung aufforderten, damit wenigstens der öffentlichen Meinung Rußlands zu Bewußtsein gebracht wird, daß den 13/4 Millionen Juden Polens de facto das Wahlrecht genommen worden sei. Namentlich vertraten diesen Standpunkt die Zionisten Polens. Aber auch der entgegengesetzte Standpunkt wurde geltend gemacht, und in der jüdischen Presse entspann sich eine lebhafte Polemik um diese Streitfrage. Nun kam unerwartet die große Ueberraschung, die die unvorbereiteten Juden in Verlegenheit, die Polen aber in förmliche Bestürzung versetzte. Die vor kurzem veröffentlichten Wählerlisten zeigen die verblüffende Tatsache, daß in Warschau und in Lodz die jüdischen Wähler die Mehrheit ausmachen. Die erste, natürliche Regung wäre nun, diese beiden Mandate mit Juden zu besetzen. Allein gegen diese anscheinend so naheliegende Lösung der Frage sind schwere Bedenken zu erheben. Schon die bloße Möglichkeit, das Warschauer Mandat zu verlieren, versetzt die Polen in förmliche Wut, so