Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 38 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE JUDISCHE SCHULE Wehe, wenn man das Wort „jüdische Schule" auch mir in den Mund nimmt! Da hört die Gemütlichkeit selbst der geneigtesten Gegner des Zionismus und seiner Gegenwartsbestrebungen auf. Hiebe wie: „jüdisches Pfaffentum", „konfessionelle Jesuitenschule", ^Finsterlinge", „Ghettomoralisten" schwirren hageldicht herab, und man verdirbt sich's endgültig. Nun, die Herren werden es sich abgewöhnen müssen, einen roten Kopf zu kriegen, wenn man von dieser Angelegenheit spricht, denn sie beschäftigt gegenwärtig weite Kreise. Der Schulstreit in der Bukowina, der famose Beschluß des Czernowitzer Ortsschulrates, die jüdischen Kinder sorglich von den deutschen zu separieren, hat auch sein Gutes. Er rückt unser brennendstes Problem in den Mittelpunkt der Diskussion: Die Frage der jüdischen Jugenderziehung. Die nächste Generation ist die Hoffnung des Volkes, und wir tragen eine ungeheure Verantwortung für sie. Von uns hängt es ab, ob an ihr die seelische Erneuerung, die körperliche Regeneration, die „Rückkehr ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" in die Erscheinung treten wird. Vor allem: Was an diesem jetzigen Geschlechte durch die Schuld der Väter an nationaler Entfremdung gesündigt wurde, darf die nächste Generation nicht wieder an sich erfahren. Sonst sind wir gerichtet. Darum hat die bukowinensische Affäre in zionistischen Kreisen nicht bloß Entrüstung über das Tatsächliche des Vorganges ausgelöst, sondern in weit höherem Maße zum Nachdenken über die jüdische Schule angeregt. Der größte Teil der Judenheit hat wirklich die eigene jüdische Schule: das Glieder. Aber alle — auch die im konfessionellen Sinne Strengsten — sind darüber einig, daß diese Judenschule in ihrer heutigen Gestalt vielfach ein Krebsschaden ist. Das Cheder, wie es gegenwärtig besteht, bedeutet oft leibliche Verkrüppelung und geistige Lähmung. Es bringt dem östlichen Judentume ähnliche Not, wie anderen Volksstämmen Alkohol oder Opium. Mit gutem Grunde läßt Martin Bub er seine bedeutsame Abhandlung über „Das jüdische Kulturproblem und der Zionismus" (1905) darin ausklingen, daß die zionistische Bewegung zunächst mit einer Chederreform einzusetzen habe, wenn sie „die Erlösung der kränksten aller Nationen zu einem wahren Leben" bewirken wolle. „Jede Chederreform bringt uns einer starken, reifen und kolonisationsfähigen Volksgeneration um einen Schritt näher." Die von dem genannten Autor angeregte, große v olkspädagogische Institution für den Osten scheint uns erste und wichtigste Kulturarbeit in der Zerstreuung zu sein — viel dringender noch, als hebräische Sprachvereine. Sie wird bald greifbare Formen annehmen müssen, soll der größte Teil der östlichen Jugend nicht weiterhin gepeinigt, verunstaltet, gebrochen werden. Anders natürlich liegt das Problem im Westen. Hier gibt es keine jüdische Schule, wenn man von der Handvoll Schulhäuser absieht, die in den autonomen jüdischen Gemeinden ein klägliches Dasein fristen und in den gemischtsprachigen österreichischen Provinzen der Hort der Assimilation sind. Hier müßte also die jüdische Schule erst geschaffen werden. Wir wollen überlegen: Ist hier die jüdische Schule zwingende Notwendigkeit, ist sie nur wünschenswert oder gar schädlich? Würde die gesonderte Zusammenfassung der jüdischen Kinder nichts bedeuten, als fanatisches Streben, unsere Jugend von der andersgläubigen oder fremdnationalen abzuschließen, läge der Idee der jüdischen Schule etwa der lächerliche Dünkelmut zugrunde, das „auserwählte Volk" sei von der Berührung mit der Umgebung zu bewahren, oder wäre sie von dem Prinzipe getragen, die Dogmen der Konfession allein müßten für jedes jüdischen Vaters Kind die Grundlage und den ganzen Inhalt der Erziehung bilden — dann wäre sie unseres Erachtens rückschrittlich und daher auch schädlich. Ist die jüdische Schule lediglich geeigneter als die Koedukation mit den andern Kindern, geeigneter nämlich, um die Heranwachsenden für ihr Volkstum zu erziehen und gesund zu machen, ließe sich aber dieses Plus in gleichem Maße durch Pflege jüdischen Wesens in der Familie, durch Ausgestaltung des Religionsunterrichtes zu jüdischem Geschichts- und Kulturunterricht und — wie es jüngst von einem Wiener Schulmanne vorgeschlagen wurde — durch engere Gemeinschaft und Aussprache der jüdischen Schüler mit ihrem jüdischen Lehrer auch außerhalb der Unterrichtsstunden bewirken — dann erscheint sie wohl sehr wünschenswert, doch keineswegs unbedingt nötig. Läuft jedoch gegenwärtig das jüdische Kind in der fremden Schule Gefahr, Schaden zu nehmen, wunden Herzens oder mit verkrümmtem Charakter aus ihr hervorzugehen, sie zu verlassen als einer, dem die Stammeszugehörigkeit eine Bitterkeit ist, die man verabscheut, eine Zentnerlast, die man schleunigst abwerfen möchte, und ist sie so die Hauptquelle des jüdischen Helotentums und Abfallstrebens — dann verdirbt sie uns die Jugend und die nächste Zukunft, dann ist die jüdische Schule im Westen eine eiserne, unausweichliche Notwendigkeit. Kein Zweifel: der dritte Fall trifft zu. Eine Separation aus Eigendünkel und Absonderungseifer oder als Ausfluß eines Glaubens- und Gewissenszwanges für alle Juden wäre verwerflich. Solches Unterfangen wird auch niemand der jüdischen Moderne zumuten wollen. (Wenn wir auch im Vorübergehen — ohne auf ein Nebeingleise zu geraten — denen, die wi „konfessionelle Schule" rufen hören, folgendes sagen müssen: Es gibt keinen bewußt-jüdischen Familienvater, sei er nun gläubig oder nicht, der nicht sehnlicihst wünschte, seinem Kinde alles an jüdischer Geschichts-, Familien- und religiöser Volkstradition zurückzuerobern, was ihm selbst eine harte Entwicklung vorenthalten hat. Der freidenkendste sozialdemokratische Arbeiter begeht sein Weihnachtsfest, entfacht seinen Christbaum. So will jeder von uns wieder in seiner Familie der Prinzessin Sabbat und den nationalen Festen die Stube bereiten lernen.) Beibehaltung des gegenwärtigen Zustandes unter gleichzeitigem Ersatz der jüdischen Schule durch das