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Die Welt · 1912-09-11 · 37 (11.9.1912) · page 25

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 25)
Language
German
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Nr. 37 I>IE2&ELT \/ 1149 Erde herniederseniken soll. Dies bedeutet keinen Mangel an Frömmigkeit. Die hohen Gedanken und Bestrebungen waren dem jüdischen Volk ein Geschenk des Himmels. Sie waren seit jeher überzeugt, daß der Segen von oben kommt. Aber sie meinten zugleich, daß dieser Segen der Mühe Preis sein soll, daß nicht dem ruhenden, sondern nur dem schaffenden Menschen die höchsten Güter zuteil werden können. Wenn uns Jesaias verkündet: „Werdet ihr wollen und gehorchen, so werdet ihr das Gut der Erde genießen*e — so klingt dies nicht wie das Stammeln eines Visionärs, der unaussprechliche Dinge mitteilen will, oder wie ein Zuruf aus einer seligen Welt, die wir nicht sehen können und doch glauben möchten. Es ist die einfachste Prosa. Die Menschenliebe ohne Schranken und Vorbehalt als das beglückendste Tun und das höchste Ziel alles wahrhaften Menschentums, wie sie vor 2000 Jahren in den Gebetsformeln der Männer der Großen Synode ihren Ausdruck fand, erschien dann hin und wieder als schillernde Phrase im religiösen Utopismus verschiedener Nationen, aber statt eines sittlichen Stimulans konnte es nur ein Narkotikum werden. Die Gläubigen bliükten sehnsüchtig gen Himmel und warteten darauf, daß eine neue Weit der sittlichen Vollendung sich durch ein Wunder bald herniedersenken werde. Solange dies nicht geschah, walteten sie auf Erden in einer Weise, die den Kontrast zwischen der Zukunft und der Wirklichkeit in abschreckend greller Farm hervortreten läßt. Das Gottesreich, d. h. das Reich der Thora, die das Licht und die Gerechtigkeit ist, soll sich im Volksleben in Zion und Jeruscholajim — nicht symbolisch, sondern konkret aufbauen. Darin schauen wir das Weben der Gotteskräfte, hier sproßt der Rhythmus einer Voliksgeschichte. Wir fühlen die Kräfte, wie sie sich in uns gestalten, fesseln, erzeugen. Der Wille, der in unserer Seele glüht, der uns Himmel und Erde zu. eigen macht, ist ein Teil jener schaffenden Kräfte. Der kühnste Traum, der für die Menschheit gehegt werden kann, ist die Erlösung der Bedrängten und Schwerbeladenen, die Befreiung, die Gleichheit, die friedliche Gemeinschaft emsiger Arbeiter, der Läuterungs- und Veredelungsprozeß einer nationalen Gruppe. Dies ist die Moral des zionistischen Schaffens, die hinreißend, nachdrücklich und allgemein wirken muß. Unser Neujahr sagt uns WrGrte des Trostes und der Stärkung: Also, o Gort, gib Deinem Volke Ehre und denjenigen, die Dich fürchten, Ruhm. Wir sollen also ein Volk bleiben, Volkselire und Volksruhm haben. Die Homiletik mag daran drehen und deuteln, es hilft nichts: die nationale Hoffnung wird hier mit tausend Zungen in die Welt gerufen. Wir sind ein Volk und wir sollen um unsere Volksehre besorgt sein, und dies vorzugsweise in Zion und in Jeruscholajim. Das ist es, was wir in die Sprache des Lebens übersetzen. Unsere Feiertage und unsere Gebete sind uns zu einem Lebensinhalt geworden. Deshalb hat der Zionismus keinen Anlaß, griesgrämig die Gegenwart zu betrachten und besorgt in die Zukunft zu blicken. Er wird sich von überschwängücher Vertrauensseligkeit ebenso frei wissen wie von pessimistischer Schwarzseherei. So kindisch ist er nicht, daß er meinen sollte, fortan werde er das große Werk nationaler Auferstehung so leicht durchsetzen, wie man Gemeindeangelegenheiten erledigt. Mit nichten, es wird der Regsamkeit und Beharrlichkeit in einem viel höherem Maße als bisher bedürfen. Auch weiter wird der Kampf der Vater aller Dinge sein. Wir werden sämtlichen Richtungen im Judentum gegenüber unseren Charakter in aller Reinheit wahren. Die Grenzlinien dürfen nicht verschwimmen, die LJnterschiede nicht verwaschen werden. Es gilt, für den Zionismus nachdrücklich Zeugnis abzulegen gegen jede Erscheinung des Sklavengeistes. Mühsam und beschwerlich ist der Weg, der zum Ziele führt. Aber über kurz oder lang wird es erreicht werden, wird der Zionismus im ganzen Judentum den .Einfluß gewinnen, der ihm zukommt. Mit diesen Wünschen treten wir in das neue Jahr. N. S. PALÄSTINA-RUNDSCHAU f k MJ Der neue Gouverneur von Jerusalem in Rischon le-Zion Zum Besuch des neuen Gouverneurs von Jerusalem im Beth-Am von Rischon le-Zion wird uns von dort geschrieben: Im Beth-Am (Gemeindehause) waren die Waadim (Kolonievorstände) der jüdischen Kolonien R i s c h o n I e - Z i o n , Pethach-Tikwah, Rechoboth, Katra, Ekron, Ness-Zionah und B'er-Jakob anwesend, als Muli a d i Bey, wie verabredet, um vier Uhr nachmittags mit seiner Begleitung erschienen. Nach der üblichen Begrüßung erbat sich ein Mitglied des Waad von Rischon das Wort und beleuchtete in einer haltstündigen Rede die Leistungien der jüdischen Kolonisation; er hob auch die treue Anhänglichkeit der Juden an die Türkei hervor, deren Gesetze sie respektieren, sowie sie stets den staatsbürgerlichen Verpflichtungen getreulich nachkommen. Nachdem der Redner einen Ueberblick über die allgemeine Lage der Landwirtschaft in Palästina gegeben hatte, kam er auch auf die Störungen zu sprechen, die die Landwirtschaft durch den O s c h e r (Bodenertragssteuer) sowie durch die schlechten Transportverhältnisse zu erleiden hat, die auch das neue Regime noch nicht beseitigt habe. Auch die schlechten Hafenverhältnisse in Jaffa schädigen die Landwirtschaft, weil sie die rechtzeitige Ausfuhr der Produkte erschweren. Von diesen allgemeinen Verhältnissen ging der Vertreter der Kolonien auf die Lage der ottomanischen Juden über, berührte die judenfeindliche Presse, die unter den Bürgern die Saat des Hasses ausstreue, ferner die Unsicherheit des Lebens und des Besitzes, die infolge der letzten traurigen Vorfälle Platz gegriffen haben. Besondere Beunruhigung habe die grausame Ermordung des jüdischen Wächters Sacharow in Rischon le-Zion hervorgerufen. Der Gouverneur hörte aufmerksam zu und begann seine Erwiderung mit Dankesworten an die jüdischen Kolonien für den herrlichen Empfang, den man ihm überall bereitet hat. Er verwies dann auf die kritische Lage des Vaterlandes, die einen festen Zusammenschluß aller Bürger gebieterisch heischt, und sagte dann u. a.: Der türkische Staat ist aus verschiedenen Nationen zusammengesetzt. Jede dieser Nationen, Türken, Albanier, Araber und Juden, haben ihre eigenen geistigen Kräfte zu entwickeln und zugleich für den Fortschritt des gemeinsamen Vaterlandes tätig zu sein. Ich freute mich sehr, fuhr der Gouverneur fort, über den agrikulturellen Fortschritt, den ihr in euren Kolonien erzielt habt. Ihr habt die Wissenschaft in die Landwirtschaft hineingetragen und wäret somit ein Vorbild für eure Umgebung. Ihr sollt nun alle Rechte genießen, die die bestehenden Gesetze gewähren. Dazu ist es erforderlich, daß ihr alle ottomanische Staatsbürger werdet. Der Gouverneur besprach dann die Beschwerden bezüglich des Oscher, der Verkehrswege und des Hafens und führte dann mit Bezug auf die Schaffung von Ordnung und Sicherheit folgendes aus: Vorläufig hat die Gendarmerieschule in Beyruth in der kurzen Zeit ihres Bestehens noch keine vollständigausreichende Anzahl von Zöglingen hervorgebracht. Wenn es unter euch ottomanische junge Leute gibt, die in diese Schule eintreten wollen, so werden sie dort mit offenen Armen aut-

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