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Die Welt · 1912-09-11 · 37 (11.9.1912) · page 24

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1148 DIEÄELT: auf den National fonds keine besonderen Büchsen herausgegeben. Wenn man aber versuchen sollte, uns zu kommandieren, so werden wir es tun. Ich erkläre, daß auch unsere Föderation den hier gefaßten Beschluß als nichtig erachtet. Struck gibt folgende Erklärung ab: Ich bitte es nicht als Insubordination aufzufassen, aber icli erkläre ihnen, daß wir uns an diesen ungesetzlichen Beschluß nicht halten werden. Mantke: Namens der Organisation spreche ich mein tiefes Bedauern darüber aus, daß solche Erklärungen auf der Zentralkomitee-Sitzung abgegeben werden. Nun noch einige Mitteilungen. Zunächst möchte ich Ihnen eine Resolution vorlesen: Das Zentralkomitee erkennt die Notwendigkeit an, die körperliche Furtbildung der jüdischen Jugend durch Turnen und Sport in national jüdischen Organisationen zu fördern und empfiehlt den Landesverbänden sich bei Maßnahmen hierfür mit der „jüdischen Turnerschaft" ins Einvernehmen zu setzen." (Beifall.) Diese Resolution ist angenommen. Ferner habe ich mitzuteilen, daß die Vereine „Jeschurun" in Troppau und „Zion" in Mährisch-Ostrau je 100 Kronen für die Feldstein-Stiftung gespendet haben. Prot. War bürg: Geehrte Versammlung! Wir haben in den vier Tagen schwere Kämpfe miteinander ausgefochten, und zwar in wichtigen Dingen, die zum Teil von großer prinzipieller Bedeutung sind. Wir glauben, daß das Resultat unserer Beratungen trotz mancher Schwierigkeiten ein günstiges ist. Wir sind in den großen Fragen zu einer Einigung gelangt. Es soll unser Bestreben sein, in manchen Dingen innerhalb der Organisation Abhilfe zu schaffen. Wir wünschen, daß auf dem nächsten Kongreß, der hoffentlich eine große Demonstration unserer zionistischen Bewegung nach außen sein wird, die noch vorhandenen Differenzen vollständig begraben sein mögen, und daß wir dort als eine mächtige und geschlossene Einheit auftreten können. Simon: Am Schlüsse unserer Tagung haben wir noch die Pflicht, dem E. A.C., das unsere Tagung führte, unseren Dank auszusprechen, um so mehr, da es einige schwere Tage gewesen sind, die außerordentliche Anforderungen an die Leitung gestellt haben. Wir müssen einig darin sein, die Lei- Nr. 37 tung nach Kräften in der Durchführung ihrer Aufgabe zu unterstützen. So spreche ich denn die Hoffnung aus, daß das A.C. seine schweren Aufgaben durch unser aller Hilfe wird erfüllen ikönnen und daß wir uns im nächsten Jahre mit der Freude arbeitsreicher Einigkeit wiedersehen. (Beifall.) Schluß der Sitzung 7 Uhr. * * * * Am Mittwoch Abend fand im Tiergartenhof ein großes Meeting statt, bei dem mehrere Mitglieder des Zentralkomitees Ansprachen hielten. Wir werden über dieses Meeting in der nächsten Nummer ausführlich berichten. Von Herrn S. Hoofien erhalten wir folgende Zuschrift: Köln, den 6. September 1912. Geehrte Redaktion! Im Interesse unserer Palästina-Institutionen und namentlich des Bezalels, hätte ich Ihnen nur dankbar sein können dafür, daß Sie über meine Ausführungen in der Sitzung des Zentralkomitees vom ersten Tage nur mit wenigen Zeilen berichten, wenn Sie dann auch, gemäß meiner Anregung, die entsprechenden Stellen aus dem Palästina-Referat, die mich zu meinen Darlegungen zwangen, ausgelassen hätten. Da Sie dies nicht getan haben, muß ich Sie bitten, an dieser Stelle nochmals folgenden Erklärungen Raum zu geben: Ich bedaure es, daß in einer öffentlichen Sitzung Bezug genominen worden ist auf Berichte, die ich in vertraulichster Weise nur den Mitgliedern des A. C. unterbreitet hatte. Ich bedaure doppelt, daß dabei ein verhältnismäßig unwesentlicher Punkt als „Hauptbemängelung" in den Vordergrund gerückt wurde, während andere wichtigere Punkte, die nicht die „Buchführung und Kontrolle", sondern das Wesen der Sache betrafen, unerwähnt blieben. Hochachtungsvoll S. Hoofien. Notizbuch 5673. — Dnser Neujahr wird im Assimilationsjargon als das synagogale bezeichnet. Das ist falsch. Wohl ist die äußerliche Feier an altehrwürdige und geheiligte Formen geknüpft, und Gebete, wunderschöne üebete werden mit tiefer Andacht am Rosch-ha-Schunah verlesen, aber die Grundlage des jüdischen Neujahrs und der Inhalt seiner Gebete haben nur sehr wenig mit der eigentlichen Synagoge gemein. Es ist das Neujahr des Kosmos, wie er sich im jüdischen Ethos wiederspiegelt. Das Weltgericht, das Walten Gottes in der Schöpfung und in der Menschheit. Das sittliche Prinzip, groß und aufrichtig, einheitlich, ohne pro und contra, ohne Vorbehalt, wird als Mittelpunkt des Alls dargestellt. National? Gewiß ist jeder Blutstropfen in den Adern, jede Regung des Geistes, jedes Wort und jeder Hauch national. Aber es ist die species a eiern et atis in der Vorstellungswelt der jüdischen Nation, die im Neujahr zum Ausdruck gelangt. Es ist das jüdische Pathos, das jüdische cor cordium, das mit allumfassender Liebe hervortritt. Unser Neujehr ist seinem Charakter nach eine so ausgeprägte Sonderart wie unsere Propheten; auch seine Adlerflügel sind ebenso breit und umfassen das All —- alle Geschöpfe, alle Lebewesen, alle Menschen, die Einzelnen und die Gesamtheiten! Unsere Neujahrsgebete sind eine Symphonie, wie sie nur das monotheistisch empfindende und begreifende jüdische Volk schaffen konnte. Ueberall wechseln Ereignisse, aber das einigende sittliche Prinzip schwebt wie der Geist Gottes über den Gewässern. Auch die Staatengeschicke sind Gegenstand des Gerichts. Das jüdische Neujahr ist auch politisch; es gibt uns Winke für eine tiefere Auffassung. Die Staaten blühen und welken, die Starken überwinden die Schwachen. Aber trotzdem wird das Räderwerk der praktischen Politik nicht nur durch die Fluten wirtschaftlicher Notwendigkeiten getrieben, sondern es betätigt sich in der Politik auch das, was die Alten „Haschgachah Klalith" (allgemeine Vorsehung) genannt haben: Ideale, die sich im Volksleben inkarnieren wollen, sittliche Pflichten, an die sich der Volksgenius gebunden weiß, große Gedanken, große Hoffnungen, die mit jedem Geschlecht geboren werden. Die Politik ist recht verstanden nicht die Kunst virtuoser Berechnung, kluger Spekulation in der Beurteilung der Summe der öffentlichen Angelegenheiten, sie ist ein sittliches Tun im höchsten Sinne dieses Wortes, die Realisierung eines abgeklärten reinen Wollens für das Gemeinwohl, eine hohe Schule für die geistige und ethische Höherentwicklung und Ausreife einer nationalen Gesamtheit. Realpolitik ist das Losungswort unserer Zeit, aber wir können nur die Realpolitik gutheißen, für die sich das Sittliche von selbst versteht. Auf die Dauer ist nur diejenige Politik die erfolgreichste, die sich in dem Gerechtigkeitssinn der zivilisierten Welt einen starken Bundesgenossen erwarbt. Denn die idealsten Dinge sind die allerrealsten Faktoren in der geschichtlichen Entwicklung der Völker. Gerechtigkeit! In jeder Menschenbrust liegt unausrottbar der Glaube an die Möglichkeit einer gerechten Gestaltung des Staatslebens, und wenn die Menschen das Ideal in der Wirklichkeit nicht herausfinden können, so suchen sie es in einer Traumwelt. Ihr Auge wird schließlich blind gegen alles das, was an sittlichen Gedanken bereits verwirklicht ist, wie die Schwärmer, die mit ihren Idealen in das Jenseits geflüchtet sind, in der wirklichen Welt nur ein Konglomerat widergöttlicher Kräfte zu erblicken vermögen. Aber das ist nicht die Art jüdischen Geistes. Jüdischer Geist verbindet das Ideal mit dem Leben. Der Jude erhofft vom neuen Jahr „das Verschwinden der Herrschaft der Bosheit" und die Gründung des „Gottesreiches", aber zugleich läßt er das Weltgericht darüber entscheiden, wie sich die Geschicke der Staaten gestalten sollen. Das jüdische Volk projizierte nicht sein Ideal in ein jenseitiges Utopia, das dereinst sich aus den Wolken auf diese

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