Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 37 DIEÄELT 1145 Brief des Herrn Feldstein an das Zionistische Zentralkomitee. Unter den Fragen, die im Komplex: der jüdischen Renaissancebewegung enthalten sind, ist die Frage der Wiederbelebung der hebräischen Sprache und der hebräischen Kultur von großer Wichtigkeit, sie bildet auch seit den letzten Jahren den Gegenstand des lebhaften Interesses seitens der Zionnisten wie aller Jüdischnationalen und nimmt den wichtigsten Platz unter allen Arbeiten der Bewegung in Galuth und ganz besonders in Erez Israel ein. Zu unserem Bedauern müssen wir leider konstatieren, daß die Partei und ihre Institutionen dieser Sache noch fern stehen. Alle unsere Institute, wie der 'J. C. T., der J. N. F., die P. L. D. C. und alle anderen wurden zwecks Gewinnung des Bodens gegründet. Für die kulturelle Arbeit, die Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache und ihre Entwicklung gibt es leider kein eigenes Partei-Institut. Den ersten Schritt, den wir auf dem Haager Kongreß gemacht haben, indem wir die hebräische Sprache als offizielle Sprache der zionistischen Organisation erklärten, folgten keine konkreten Taten. Inzwischen erweiterte und entwickelte sich die hebräische Sprache in Rußland, wurden der Verein Chowewe-Sefath-Ewer in Petersburg mit ca. 40 Filialen in verschiedenen Städten Rußlands, die „Histadrurh lassafa welatarbuth haiwrith" gegründet, Schulen und Kindergärten in vielen Städten und bei manchen von ihnen auch Kurse für hebräische Kindergärtnerinnen eingerichtet. Man begann sogar hebräische Schauspiele aufzuführen, wie dies beispielsweise in Lodz geschehen ist. Die hebräische Sprache hören wir immer häufiger in den Straßen und im Hause, es mehren sich die Vorträge, Vorlesungen in schönem Hebräisch, und die Sache geht soweit, daß wir einen hebräischen Tag aut dem letzten Kongresse erlebten. Leider geschieht das meiste außerhalb unserer zionistischen Organisation und ohne deren Leitung. Es irren jedoch diejenigen, welche der Leitung Vorwurfe machen wollen, daß sie die Beschlüsse des letzten Kongresses in betreff der Kulturarbeit in Palästina und dem Orient nicht ausgeführt habe. Man könnte höchstens beanstanden, daß die Leitung sich nicht selbst an die Spitze der hebräischen Bewegung stellte, die verstreuten Kräfte nicht selbst sammelte, sondern die Arbeit einzelnen Privatorganisationen überließ, deren Kräfte gering, deren Einflüsse beschränkt und deren Tasche leer ist. Ein so großer, mächtiger und umfassender Gedanke, wie die Verbreitung und Wiederbelebung der hebräischen Sprache, muß in die Hände einer starken und einflußreichen Organisation gelegt werden. Die Schaffung eines solchen Instituts für die gesamte Kulturarbeit kann und darf nur von einer so autoritativen Stelle ausgehen, wie die zionistische Organisation. Wie der Nationalfonds für die Erlösung des Bodens geschaffen wurde, und es durch unablässige Agitation nicht nur in den Reihen der Zionisten und Zionsfreunde, sondern auch in den unserer Organisation ganz ferne stehenden Volksmassen zu großer Popularität und zu einem jährlichen Einkommen von ca. einer halben Million Mark gebracht hat, so soll der Kongreß auch eine Art Nationalfonds für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache und der hebräischen Kultur in Palästina und im Orient schaffen. Der erste Schritt auf diesem Wege ist bereits dadurch gemacht worden, daß die Kulturarbeit in Palästina und im Orient laut Beschluß des letzten Kongresses in den Wirkungskreis der Zentralleitung gestellt wurde. In logischer Konsequenz muß auch der zweite Schritt gemacht werden und die materielle Basis für diesen neuen Arbeitszweig geschaffen werden. Nach der bei uns geltenden Ordnung der Dinge gibt es keine andere Art der Verwirklichung dieses Kongreßbeschlusses, als daß ein jeder Arbeitszweig mit einem besonderen materiellen Institute verknüpft werde. Ich bin überzeugt, daß ein solches Institut für die Zwecke der hebräischen Kulturarbeit sich schnell die Sympathien des Volkes erobern wird. Der jüdische N.-F. hat den Boden in Palästina zu befreien, die Befreiung des jüdischen Geistes hängt nicht voia fremdem, sondern ausschließlich von unserem eigenen Willen ab. Ueber die Notwendigkeit und Dringlichkeit dieser Arbeit ist überhaupt kein Zweifel vorhanden. Wir wissen alle ganz genau, wie sehr es der hebräischen Sprache manchmal an Worten des täglichen Gebrauches mangelt, wie wichtig die Schaffung einer Nomenklatur auf allen Gebieten des Wissens ist. In der Erziehungsarbeit in Palästina herrscht eine Verwirrung, ein jeder schafft und baut nach seinem Gutdünken, es gibt kein Institut, welches an der Spitze stehen, die Aufsicht übeir die Schulen und die Leitung derselben übernehmen würde. Dies ist um so bedauerlicher, da das Leben in Palästina und im Orient über alle Zweifei einen Beweis für die Tatsache liefern kann, daß es kein besseres Mittel gibt, tun unseren Einfluß im Orient zu verstärken, als die Erziehungsarbeit in hebräischem Geiste. Allen diesen Anforderungen der hebräischen Kulturarbeit stehen wir leider ohne Vorbereitung gegenüber, weil es uns an einem besonderen Institut für die Kulturarbeit mangelt. Ein solches muß geschaffen werden, damit die bereits erweckten Kräfte verwendet und zu einer großen und konsolidierenden Arbeit verbunden werden können. Solch ein Institut, mit tüchtigen Leitern und Mitteln versehen, wäre ein Riesenfortschritt auf dem Wege zur hebräischen Renaissance. Das Institut, dessen Schaffung ich beantrage, soll sich bemühen, in Palästina eine hebräische Akademie für Sprache und Wissen zu gründen (ein kleiner Ansatz wurde schon im Waad halaschon gemacht), neue Schulen aller Stufen zu errichten, Lehrbücher für alle Gebiete des Wissens herauszugeben, Preise für gute Bücher festzusetzen, Stipendien den Schülern zu gewähren usw., mit einem Worte, die zukünftige zionistische Schulbehörde für Palästina zu werden. Seine Einkünfte würden aus Gaben und Geschenken aller Art, größeren Spenden, testamentarischen Vermächtnissen, welche von manchen Gönnern entweder für genau bezeichnete Zwecke literarischer, kultureller, erzieherischer Art oder zugunsten des Institutes im allgemeinen zur Verewigung ihres Andenkens gemacht würden, und aus ähnlichen Quellen. Es ist klar, daß dieser Brief keine Details enthalten kann. Die Ausarbeitung von Statuten, wie überhaupt aller Details, soll einer durch die jetzige Jahreskonferenz zu wählenden Konimission übergeben werden. Ich erlaube mir deshalb, der geehrten Jahreskonferenz folgende Anträge vorzulegen: 1. Die zionistische Jahreskonferenz beschließt, ein Kulturinstitut zu gründen, dessen Aufgabe es sein soll, irn Einklänge mit den Beschlüssen des X. Kongresses die gesamte Kulturarbeit, wie auch die Arbeit für die Verbreitung der hebräischen Sprache in Palästina und im Orient zu leiten. 2. Die Jahreskonferenz wählt ein fünfgliederiges Komitee, dessen Aufgabe es sein soll, alle Vorarbeiten zu leisten und sie dem E. A. C. zur Bestätigung vorzulegen. Für die Vorarbeiten erlege ich 2000 Frcs. Gleichzeitig fühle ich mich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß ich eine Summe v o n 40 000 Frcs. als eisernen Fonds erlege, deren Zinsen von dem Kulturinstitut für Zwecke der Verbreitung der hebräischen Sprache und der hebräischen Kultur verwendet werden sollen. Dieses Geschenk, über dessen Verwendung ich noch mit dem zu wählenden Ausschuß die Details besprechen werde, soll den Grundstein zu einem großen Bau bilden, dessen Inangriffnahme ich der geehrten Konferenz aufs wärmste empfehle. Zu Mitgliedern für den neuen Ausschuß erlaube ich mir dem Zentralkomitee folgende Herren vorzuschlagen: Sokolo w, Dr. L e v in, Feldstein, S 1 a t o p o 1 s k y und Dr. Klee als juristischen Beirat des neuen Instituts. Dr. Hantke: Ich glaube nicht, daß es im Sinne unseres Freundes Feldstein wäre, ihm hier mit großen Lobeserhebungen zu danken. Es ist mehr in seinem Sinne, wenn ich konstatiere, daß die gesamte zionistische Organisation ihm für die Initiative dankbar ist, mit der er für ein großes national-kulturelles Werk in Palästina den Grundstein geiegt hat. Wir haben mit Herrn Feldstein über die Einzelheiten seines Planes gesprochen und werden selbstverständlich seine Vorschläge annehmen. Die Ausführung derselben wird der Kulturkommission gemeinsam mit dem E. A. C. übergeben. Es wird Sache des nächsten Kongresses sein, einen definitiven Beschluß darüber zu fassen. (Der Antrag des Herrn Feldstein wird unter lebhaften Beifallskundgebungen angenommen.) Mittwoch Nachmittag. Dr. Hantke eröffnet die Sitzung um 2:: i Uhr. Zlatopolskv hält sein Referat über die Histadruth in hebräischer Sprache. Hantke: Wir haben nun noch zwei kleine Punkte zu erledigen. Zunächst die Bibliothekkommission. die auf dem Kongreß eingesetzt wurde. Die beiden Kiewer Herren, die hineingewählt wurden, haben uns mitgeteilt, daß sie nicht in der Lage seien, diese Kommissionsarbeiten zu leisten, und gebeten, diese Kommission nach Berlin zu -erlegen. Wir schlagen Ihnen daher zur Nachwahl in die Kommission die Herren Dozent Weil und Bibliothekar Pick, beide in Berlin, vw. — Der Antrag wird angenommen.