Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 37 (11.9.1912)
- Date
- 1912-09-11
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316551--56473-3350353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
systematischer Weise in die ganze Judenheit den zionistischen Gedanken tragen und auffrischen und die durch ihre Erfahrung (und das unterscheidet die besoldeten Sekretäre von zufälligen Propagandarednern) besonders wertvolle Ratschläge für den Ausbau der Organisation gehen können. Wir haben in einem ziemlich geordneten Lande wie Deutschend durch Beobachtung dieses Systems bereits hervorragende Erfolge erzielt, und in Deutschland sind die Verbindungen leicht, die Verständigungsmöglichkeiten vielfach und freiwillige Propagandaredner in ziemlicher Zahl vorhanden. Um wieviel mehr muß dieser Vorteil in jenen Ländern zu finden sein, wo diese besonderen Vorzüge Deutschlands nicht zutreffen, wo man keine Kenntnis von den notwendigen Formen der Organisation hat, die wir, eben wir, vermitteln müssen. Gerade durch diese Art der Propaganda ist Wesentliches erreicht worden. Ich erwähne nur die Ausgestaltung der galizischen Landsmannschaft nach dem Muster der deutschen. Es ist ein Fehlschluß, wenn man schon bei diesen ersten Keimen, die erst in nächster Zukunft wachsen müssen (es sind erst dreiviertel Jahre her, seit wir arbeiten) die Frage stellt: Was habt ihr erreicht? Haben Sie doch etwas Geduld! Wir betrachten den Schekel als eine Abgabe, die nur von denjenigen geleistet wird, die sich zum Baseler Programm bekennen, und es ist eben unsere Aufgabe, nach Maßgabe unserer Mittel und Kräfte das jüdische Volk zu diesem Programm zu nationalisieren. Wir sind der Meinung, daß diese Aufgabe so wenig vernachlässigt werden darf, daß sie schließlich sogar, wenn es nicht anders geht, durch Opferwilligkeit einzelner erfolge. fch hätte von Herrn Wolffsöhn erwartet, daß er wenigstens den Versuch des A. C, die Garan'tiezeichner der letzten Periode aus der Haftung zu entlassen, als Beweis von dem Verantwortungsgefühl unserer Leitung annehmen würde, denn eines größeren Beweises dafür bedarf es nicht. Herr Wolffsohn hat das nicht getan, sondern er hat noch versucht, die Art der Regelung in einer Weise herabzusetzen, die nur durch ein Verspinnen in demagogische Anschauungen erklärlich ist. Er hält es z. B. für eine eigentümliche Gebarung, 6700 M., über die der Jüdische Verlag in den nächsten Tagen verfügt, und als seine Schuld an das A. C. abführen wird, als einen Eingangsposten des A.C. zu buchen. Das verstehe ich nicht, denn die Geschäfte des Verlages mit der Bank sind auf einem ganz anderen Blatt, und daß das Geld zufällig aus der Bank ins E. A. C. kommt, ist ganz gleichgültig. Herr Wolffsohn sieht uns als Leute an, die fähig sind, die Gelder der Jüdischen Kolonialbank ihren Zwecken zu entziehen. Das war der Sinn ihrer Rede, Herr Wolffsohn. darüber kann man nicht polemisieren. Es ist aber kränkend für uns, das hier anhören zu müssen, ehe noch Sie die Möglichkeit hatten, uns bei der Arbeit zu sehen und das Maß unserer Verantwortung zu prüfen, lieber den Kredit sei folgendes bemerkt: Die Jüdische Kolonialbank wird prüfen, ob die Unterschriften, die iIir vorgelegt werden, für einen Kredit genügen. Wird sie das finden, so hat sie vom geschäftlichen Standpunkt keinen Anlaß, diesen Kredit zu verweigern. Ich nehme an, daß politische Anlässe für sie nicht vorhanden sind. Wenn nun dieser Kredit da ist, so ist die Schuld bezahlt. Dann haben wir die Mittel für die nächste Zeit, und wir haben das Zutrauen zum E. A. C., daß es die ihm zur Verfügung stehenden Mittel dazu verwenden wird, um die Schekeleingängc und die Eingänge des Zentralfonds so auszugestalten, daß die nächste Bilanz die Erwartungen rechtfertigt. Wird sie sie aber nicht rechtfertigen, so wissen alle Garanten, daß sie für den Fehlbetrag aufzukommen haben. Wir alle wollen mit Ihnen, Herr Wolffsohn, jeden einzelnen Posten erwägen, ob da eine Aenderung und Kürzung möglich ist, nur muß dabei das Prinzip festgehalten werden, daß alles zur Ausgestaltung der Organisation geschehen muß, und daß, wenn die Mittel nicht vorhanden sind, wir Kredit brauchen. Dr. Marmorek: So sehr ich die Opferwilligkeit der kapitalistischen Gesinnungsgenossen hoch einschätze — ich bin kein Kapitalist — mir "wäre es viel wichtiger, wenn Sie anstatt der Garantien mehr Schekel aufgebracht hätten. Ich kann Ihren Optimismus nicht teilen, wonach Sie erwarten, daß im Kongreßjahre 124 000 Schekel eingehen werden, während Sie jetzt nur 52 000 Schekel haben. Aber das ist nicht die Hauptsache, es gibt viel höhere Fragen, das ist Ihre gesamte Stellung im Zionismus. Wenn ich das ganze Jahr Ihre Tätigkeit beobachte, so frage ich mich, sind das wirklich diejenigen, die das große Erbe Herzls zu verwalten haben? Sie wollen praktische Arbeiten in Palästina, und es ist die Legende verbreitet worden, daß nieine Freunde und ich Gegner der praktischen Arbeit wären. Ich selbst habe privatim für die praktische Palästina-Arbeit nach meinen Verhältnissen mitgewirkt. Aber praktische Arbeit ist nur ein Mittel zuin Zweck, und sie kann nicht Selbstzweck sein. Zunächst wollen wir wirkliche politische Arbeit, Sie wollen sie nicht. Wir müssen die politische Arbeit fähigen Mannern übergeben. Und ich habe Ihnen in der ersten" Sitzung des großen Actions-Gomtes einen Antrag gebracht, den Sie abgelehnt haben. Ich habe Ihnen damals unseren Meister N ord au als aktiven Mitarbeiter gebracht, Sie aber haben es abgelehnt. Ich haben Ihnen ferner Mr. Greenberg gebracht, den ich für einen unserer fähigsten politischeil /Mitarbeiter halte, und ich wünschte, daß auch Freund Sokolow in dieses Komitee einträte. Herr Sokolow wird sagen, daß ein großes politisches Komitee gebildet wurde, aber dieses ist kein richtiges Mittel, um politische Arbeit zu leisten. Was tun Sie mit dem Nationalfonds? Zunächst beschließen Sie, drei Viertel seines Kapitals in Palästina zu investieren. Auf diese Weise werden die Gelder unserer Institutionen festgelegt, und die Folge wird sein, daß sich die Einnahmen des Nationalfoncls verringern. Dann beginnt der Abstieg auf der abschüssigen Bahn. Man hat mich als den Mann, der auf den großen Moment wartet, in der „Welt" verspottet. Aber wir haben bereits einen solchen Moment gehabt: die türkische Revolution. Hätten wir das Glück gehabt, in diesem Moment noch einen Herzl zu haben, so hatte er gewußt, ihn auszunutzen. Wenn Sie immerwährend vor Geldnöten stehen, dann gibt es nur eins, nämlich zu sparen. Wir können sparen beim Nationalfonds, bei der Bank und bei den allgemeinen Ausgaben. Wenn Sie politische Zionisten wären, so würden Sie sich bestreben, die Fonds zu verstärken. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, daß in der Türkei Konzessionen von anderen erworben werden, und wir nicht dabei sind. Wir müssen wieder trachten, die zionistische Bewegung zu einem Machtfaktor und zur führenden Körperschaft im Judentum zu machen. Der Redner wendet sich auch gegen die Angriffe, die man in der „Welt" gegen Zangwill anläßlich der Ito-Konferenz gerichtet hat, und führt u. a. aus:1 Wenn sie sagen, daß uns von dem Zionismus Achad-Haams nur Nuancen trennen, so bedauere ich, 15 Jahre in dieser Bewegung verbracht zu haben. Dann sind Sie keine politischen Zionisten und nicht befugt, das Herzische Erbe zu verwalten. Sokolow: Ich erwidere auf die Bemerkungen des Herrn Dr. Marmorek über Dr. N o r d a u und Mr. Greenberg. Diese Ausführungen könnten den Eindruck erwecken, daß beide sich weigern, an unseren Arbeiten teilzunehmen. Herr Dr. Nordau steht in lebhaftem Briefverkehr mit uns über alle politischen Fragen, und ich bin überzeugt, daß er uns jederzeit seine wertvollen Ratschläge nicht versagen wird. Ich habe Herrn Dr. Marmorek oft gebeten, uns seine Anregungen zu geben, wenn er Ideen bezüglich unserer Politik hat. Wie mit Herrn Dr. Nordau, so ist es auch mit Mr. Greenberg. Wir möchten gern auch von unserem geschätzten Dr. Marmorek Anregungen empfangen. Dr. Stand: Wir sind schon seit zwei Tagen in einer unerquicklichen Debatte. Wir müssen die Differenzen untersuchen und aus der Welt schaffen. In diesem Sinne komme ich auf die Ausführungen des Herrn Kann. Herr Kann beschwert sich über die. Institutionen, Oelbaumspende, P. L. D. C. und Bezalel, daß sie nicht produktiv seien. Es besteht aber die Frage: Welche Motive haben uns veranlaßt, die Oelbaumspende in Angriff zu nehmen? Waren es geschäftliche Motive? Ich glaube kaum, sondern es waren nationale Beweggründe. Wir werden uns verständigen, wenn Sie auch auf dem geschäftlichen Standpunkte stehen. Wir sind nach Palästina gegangen, nicht, um dort Privatgeschäfte zu machen, denn wir haben in Palästina das Geschäft der jüdischen Nation zu besorgen. Aber auch rein geschäftlich liegt kein Anlaß zur Unzufriedenheit vor. Es gibt Gesellschaften, wie z. B. die Immobilien-Gesellschaft, die 6 °/o Dividende zahlt. Das Industrie-Syndikat hat 4 % Dividende gegeben. Herr Kann sagt, die P. L. D. C. habe Verluste, und doch hat sie im Laufe "der letzten Monate für 44 000 M. neue Aktien verkauft. Herr Wolffsohn fragt, wieviel Schekel wir haben. Wenn die Zahl der Schekel zurückgegangen ist, so müssen wir berücksichtigen, daß Rußland in einem Ausnahmezustand ist. Herr Dr. Marmorek hält uns in jeder Versammlung mystische Vorträge über politischen Zionismus und spricht immer vom großen Augenblick. Wir aber sind bescheidener, älter und reifer geworden, und wir müssen sagen, die Politik des Herrn Marmorek, von der er spricht, ist uns