Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-09-11 · 37 (11.9.1912) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
37 (11.9.1912)
Date
1912-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316551--56459-3350339
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1126 DIEÄELT Nr. 37 daß unsere Organisation die Trägerin der jüdischen Volkssache ist und daß sie alle Aufwendungen machen muß, die diese fördern könnten. Propaganda, Politik, kulturelle Arbeit, - das alles kostet Geld, viel Geld. Wir haben es nicht ■— folglich muß es beschafft werden. Auf andere Weise kommen wir nicht vorwärts. Wie wir es beschaffen? Wir fordern es! Wir appellieren an alle Zionisten und zionistischen Organisationen, daß sie unverzüglich an die Arbeit gehen, daß sie Schekel und Centraifondsbeiträge sammeln, um der Leitung die Durchführung ihrer Aufgaben zu ermöglichen. Wir haben keine Steuerexekutoren, um die Beiträge einzutreiben, aber wir haben etwas besseres: die zionistische Gesinnung aller unserer Freunde. An diese wenden wir uns voll freudigem Vertrauen, mit ihrer Hilfe wollen wir arbeiten und weiterkommen. Auf der Sitzung des Central-Comites haben wir gesehen, was der Appell an die Opferfreudigkeit unserer Gesinnungsgenossen vermag. Für das am 30. Juni abgelaufene Rechnungsjahr wird sich kein Defizit ergeben, da die voraussichtlichen Einnahmen die Ausgaben decken werden. Die für dieses Jahr gezeichneten Garantien werden daher mit keinem Pfennig in Anspruch genommen. Für das laufende Jahr benötigt aber die Leitung naturgemäß wiederum einen Bankkredit, da sie ja über eigenes Vermögen nicht verfügt und ein großer Teil der Schekel erfahrungsgemäß erst vor dem Kongreß eingeht. Und sogleich fanden sich fünfzehn Gesinnungsgenossen, die für einen Betrag von 100 000 M. der Bank gegenüber Bürgschaft übernahmen, Sie taten es, nicht um der Organisation ein Geschenk zu machen, sondern in dem ernsten Bewußtsein, daß die vom Aetions-Comite vorgesehenen Ausgaben notwend i g sind, und sie vertrauten auf die Opferfreudigkeit der Zionisten, die solches Vertrauen gewiß durch Taten lohnen werden. Durch einen Akt großartiger Opferwilligkeit trat auf der Tagung des Central-Comites Herr Feldstein aus Warschau hervor, der für einen dem A.-C. unterstehenden Fonds zur Förderung der hebräischen Sprache und Literatur und für kulturelle Zwecke in Palästina 42 000 Francs spendete. Liebe zur Sache und Vertrauen in die Zukunft befähigen zu solchen Opfern, für die das jüdische Volk dem edlen Spender seinen herzlichen Dank abstattet. Liebe zu unserer Sache und Vertrauen in die Zukunft werden uns weitertragen, werden für die ständig wachsenden Erfordernisse Deckung schaffen und über alle Schwierigkeiten und Hemmnisse hinweg zum Erfolge führen. Diese Auffassung, dieser echt jüdische Optimismus belebte auch die Tagung unseres Central-Comites, und in arbeitsfreudiger Stimmung, voll Hoffnung für die Zukunft, gingen die Teilnehmer der Tagung auseinander. Das neue Jahr wird neue Lasten, neue Sorgen bringen. Wir wollen sie tragen — wir alle — in der unzerstörbaren Hoffnung auf den endlichen Sieg unserer Sache. " R. L. Sitzung des zionistischen Zentralkomitees (Schluß.) Montag, den 2. September, vormittags. Professor Warburg eröffnet die Sitzung um 10 Uhr vormittags. K a p I a n s k y setzt seine gestrige Rede fort. Er bedauert, sprechen zu müssen, bevor er das Referat von Dr. B od c n h e i m e r gehört hat. Es wurde schon öfter erklärt, daß es die Aufgabe des Nationalfonds sei, in Palästina eine seßhafte H a u e r n k 1 a s s e zu schaffen. Professor Warbürg habe die Frage der jüdischen Arbeiter in Palästina als eine Grundfrage bezeichnet. Was ist nun das ausschlaggebende bei der jüdischen Arbeiterfrage? Herzl hat einmal eine wenig bekannte Definition des Zionismus gegeben, indem er sagte: der Zionismus sei eine große Arbeitsgelegenheit für das jüdische Volk. Dies sei eine Definition, die jedem verständlich sein müsse. Bei unserer Palästinaarbeit müssen wir vor allem Arbeits g e 1 e g e n h e i t e n schaffen. Der jüdische Bauer in Palästina ist heute noch ein unerreichtes Ideal. Es gibt dort zwar einzelne Kolonisten, die jüdische Bauern sind, aber in der Hauptsache sind die Kolonisten in Palästina kleine Grundbesitzer, die mit nichtjüdischen Arbeitskräften arbeiten. Durch meine Beobachtungen in Palästina bin ich in der Auffassung, die ich früher bereits über die jüdische 'Arbeiterfrage hatte, nur bestärkt worden. In den größeren Kolonien, wie z. B. Pethach Tikwa, werden unter den Landarbeitern höchstens 10% Juden beschäftigt. Aehnlich sieht es in Galiläa aus. Der jüdische Arbeiter hat eine höhere Lebenshaltung als der arabische und muß daher einen höheren Lohn verlangen. Auch hat der arabische Arbeiter in seinem Dorfe einen Rückhalt und kann sich daher mit dem niedrigen Lohn begnügen. Der jüdische Arbeiter hat nicht die Möglichkeit, eine Familie zu erhalten. Man sollte aber von den jüdischen Kolonisten erwarten, daß sie jüdische Arbeiter beschäftigen, trotzdem sie etwas teurer sind; der jüdische Arbeiter ist ja infolge seiner Intelligenz auch produktiver. Herr Lichtheim sagte gestern, daß in der Palästinaarbeit alle programmatischen Gegensätze des Zionismus verschwinden. Das stimmt nicht, denn es gibt einen Gegensatz der Interessen, der nicht durch programmatische Dinge aufgehoben werden kann. Alle Institutionen, an denen z. B. die Besitzenden Interesse haben, wie P. L. I). C., Agrarbank usw., sind für die besitzlosen Arbeiter wertlos. Das wichtigste Problem sei die Schaffung einer wirklichen Bauernklasse. Die Kreditfrage sei erst die zweite Frage. Durch den Agrarkredit werde eine Grundbesitzerklasse geschaffen, die Bauernklasse aber auf andere Weise. Die Kolonisation könne nur geschaffen werden mit Juden, die früher Landarbeiter waren, und es fragt sich nun, woher wir sie nehmen sollen. Die einwandernden Arbeiter müssen Gelegenheit haben, landwirtschaftlich erzogen zu werden. In den jüdischen Kolonien habe nun der ungeschulte Arbeiter keine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Auch die freien Arbeitergruppen, die ohne Administration die Bearbeitung eines Grundstückes übernehmen, können das Problem der Erziehung zur Landwirtschaft nur in geringem Maße lösen, denn sie müssen das Inventar unversehrt zurückerstatten und deshalb bedacht sein, möglichst intensiv zu arbeiten. Daher können sie nicht einen großen Teil ihrer Mitglieder aus ungeschulten Arbeitskräften nehmen. Das System der Siedlungsgenossenschaft löst das Problem in höherem Maße, weil sie ungeschulte Arbeitskräfte aufnehmen und anlernen kann; das ist aber erst eine Frage der Zukunft. Die hauptsächlichste Möglichkeit bieten die Betriebe des Nationalfonds und der Oelbaumspende. Wir verlangen nationale Betriebe, es gibt keine andere Möglichkeit, das Problem der* Landarbeiterschaft zu lösen. Die Oelbaumspende ist ein kostbarer Betriebsfonds des Nationalfonds, weil sie die Möglichkeit hat, in jüdischen Administrationsbetrieben den Proletariern Arbeit zu verschaffen und sie zu Landarbeitern zu erziehen. In dem Arbeitsplane Dr. Bodenheimers wird nun als einzige Methode die Schaffung von Häuslern gegeben, die kleine Grundstücke erhalten und sie in ihrer freien Zeit bearbeiten. Wenn auch die palästinensischen Arbeiter gegen dieses Häuslersystem nichts einzuwenden haben, so empfindet der Redner es doch als Versündigung am sozialen Geiste, wenn wir nicht Besseres vorzuschlagen hätten, als die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.