Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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gut gelernt wird. Die Schulen haben vielleicht den Fehler, daß sie ein zu Teiches Programm für eine Volksschule haben und dafür zu wenig sich den praktischen Lebensverhältnissen anpassen. Die Schulen in Aegypten z. B., die unter dem Einflüsse von England gegründet oder geleitet werden, rechnen sehr mit den Bedingungen des Dorflebens. Wir besitzen ferner eine Reihe spezieller Schulen, wie Handels-, Ackerbau-, Lehrer¬ und Gärtnerin-Schule usw. Dann kommen die zwei oder drei Gymnasien und schließlich wird jetzt das Technikum gebaut, das schon eine Art Hochschule darstellen wird. Außer diesen wissenschaftlichen Schulen sind im Lande bereits Anstalten für Musik, Kunst, Turnen entstanden. Wir haben verschiedene Preßorgane, Verlagsanstalten, Anfänge von Schauspielkunst. Am meisten aber, dies alles überragend, tritt die Entwicklung unserer nationalen Sprache hervor, nicht nur in der Schule, wo sie auch früher gepflegt wurde, sondern im öffentlichen Leben, auf der Straße. Jeder von Ihnen, der nach Palästina gehen will, tut schon jetzt gut, wenn er einige Kenntnisse in der Sprache, neben dem Trietsch und Bädeker, sich anschafft; die Zeit ist nahe, wo es überhaupt nicht anders gehen wird, wenn man nicht nur sehen, sondern auch verstehen, eindringen wollen wird. Das national-geistige Leben entwickelt sich stark und rasch. Die Zahl der Anstalten nimmt immer zu. Ja, wenn das Land nicht Palästina wäre, und das Volk nicht unser Volk des Buches, wir 'könnten fürchten, dieses Tempo der Entwicklung sei zu rasch und vielleicht nicht ganz gesund. Wir müssen aber nicht vergessen, daß was geschaffen wird, nicht von einer äußeren Gewalt, die künstlich pflanzt, stammt, sondern vom Leben hervorgerufen wird, von den Kräften des Volkes gebildet und ernährt wird; gewiß entspricht es auch den Eigenschaften des Volkes und seinen Bedürfnissen. 4. Innerpolitische Situation. Diese hat mich leider am wenigsten befriedigt. In der Zwischenzeit nach meiner ersten Reise hat im Reiche ein Ereignis von der größten Tragweite stattgefunden, die Türkei ist ein konstitutioneller Staat geworden. Die Verhältnisse, das Leben an Ort und Stelle haben sich, gegen das Erwarten, im Wesen kaum geändert. Der schmerzlich berührende rote Zettel ist in Kraft geblieben. In manchen Schichten macht sich eine antisemitische Tendenz deutlich merkbar. Die Wecker und Pflanzer sind gewiß die Vertreter der „Religion der Liebe*'; aber die muselmanische Bevölkerung ist bereits teilweise infiziert. Gegnerische Artikel in der Presse kommen nicht selten vor. Es fehlt auch nicht an sympathischen; wir denken aber, für die gegnerischen sollte überhaupt keine Veranlassung sein. Die letzten Wahlen, denen ich dort beiwohnte, haben unsere Isoliertheit bewiesen. Zwar haben wir die Zahl unserer Wahlmänner von 3 auf 13 gebracht, was sehr erfreulich ist und das Wachsen unseres Verständnisses für die politische Arbeit beweist; doch Tatsache bleibt, daß für unseren Kandidaten kein arabischer Wahlmann gestimmt hat, nur die jüdischen Stimmen hat er erhalten. — Das Verhalten der lokalen Behörden bei Streitigkeiten ist nicht immer zufriedenstellend. Leider sind wir selbst im Lande fast gar nicht organisiert. Wir können nicht die Kraft ausnützen, die wir unbedingt besitzen.• Wir haben auch bis zur letzten Zeit die Bedeutung unserer Beziehungen zu der arabischen Bevölkerung nicht zu würdigen und in richtige Bahn zu leiten verstanden. Wir haben vielleicht auch in mancher Beziehung gesündigt. Bei Pionieren ist ein gewisser Fanatismus ja begreiflich; vielleicht sogar unentbehrlich. Es beginnt aber in dieser Richtung klares Verständnis hervorzutreten. Dies ist erfreulich und kommt zur rechten Zeit. Wie es im Zentrum des Landes aussieht, kann ich aus eigener Beobachtung nicht beurteilen, da ich durch die Sperre der Dardanellen verhindert war, meine Reise mit Konstantinopel abzuschließen. Sie werden darüber vom E. A. C, speziell von unserm Vertreter dort, ausführlich informiert werden. Eine Bemerkung möchte ich mir doch gestatten. — Wir sprechen immer von der Kraft der Logik, der Tatsachen, und legen darauf viel Wert und Hoffnung. Leider müssen wir konstatieren, daß der Zionismus dort ein Objekt der Taktik geworden ist, durch welches man die gegnerische Partei zu schwächen, verdächtig zu machen sucht. Hier hilft Logik wenig; nur die Zeit und die Kraft der Ereignisse. Wir müssen suchen, im Lande eine Macht zu werden. Ausdehnung unserer Positionen, türkische Untertanschaft und Organisation — dies sind die Mittel dazu. Die Konsolidierung der Kräfte wird uns jetzt eher möglich sein als früher, da die Stellung der Bevölkerung zu unserer Organisation, seitdem wir im Lande mehr arbeiten, sich wesentlich gebessert hat. Gleichzeitig müssen wir den größten Wert auf unsere politischen Schritte außerhalb Palästinas legen, sie planmäßig und sorgfältig nach unseren Zielen richten. Bei dieser Sachlage taucht bei manchem die Frage auf, ob es gut ist, daß wir dort arbeiten, und nicht zuerst die rechtlichen Grundlagen schaffen. Diese Frage kann nur hier, außerhalb Palästinas, auftauchen. Dort sieht man, fühlt man, daß die Arbeit — der einzig mögliche und einzig richtige Weg für uns ist. Ein anderer Weg ist politisch ausgeschlossen, wie bereits Herzl konstatiert hat, und praktisch unmöglich. Wir sind unbedingt auf dem richtigen Wege und arbeiten planmäßig. Dies bedeutet keineswegs, daß wir keine Fehler machen. Wir haben sie begangen und werden sie auch in der Zukunft begehen, wie es anders gar nicht möglich ist. Nicht darin liegt das Uebel. Die Hauptsache ist, daß unsere Leistungen, unsere Kräfte, unsere Mittel zu klein und zu schwach sind. Für das Anfangsstadium reichten sie vielleicht aus. Jetzt ist dieses Stadium überwunden. Jetzt reichen sie nicht mehr. Große Aufgaben harren unser. Wir müssen: 1. eine Kolonisationsgesellschaft, wie wir sie in der Form einer Agrarbank planten, je eher desto besser ins Leben rufen. Alles im Lande schreit einfach danach. Der N. F. vertritt einigermaßen diese Gesellschaft; aber nur sehr teilweise. Wir müssen ferner die rechtlichen Grundlagen mit allen Kräften günstiger zu gestalten suchen. Wir müssen schließlich die Kräfte im Lande konsolidieren und zweckmäßig ausnutzen. — Zu alledem brauchen wir — Mittel und Arbeitskräfte. Das Volk muß und wird uns diese beiden geben, wenn wir nur fest unsern Glauben, unsere Energie und Ausdauer bewahren. Dazu gibt es keinen besseren Weg, als das Land zu besuchen und die Arbeit selbst anzusehen. Dort erst versteht man den Wert der Arbeit, wenn auch der langsamen, richtig zu schätzen. Gleichzeitig wird man von dem Willen, dem festen Willen durchdrungen, da mitzuschaffen. Und noch einen Eindruck, ja eine Ueberzeugung gewinnt man dort, im Lande, im ganzen Reiche, daß dem, der schafft, immer schafft und baut, ihm allein und keinem anderen, die Zukunft gehört. Generaldebatte (Beginn Sonntag nachmittags 5 Uhr) Kann: Ich möchte meinen Ausführungen eine Frage an den Präsidenten des E. A.C. vorausschicken. Ich habe in einem Schreiben an den Baseler Kongreß gewarnt vor der Weise, in welcher die Oelbaumspende verwaltet wurde, und habe eine Reorganisation des Bezalel und der P. L. D. C. verlangt. Der Präsident hat meine Warnungen Angriffe genannt und meine Behauptungen dem Kongreß als irrig dargestellt. Nun ist meine