Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1104 NEBELT Nr. 36 p 1 o i t i e r e n s des Bodens festzustellen. Bei der beschränkten Fläche des Landes und bei der Teuerung der Arbeitskräfte, des Viehs usw., sind -wir auf intensive Kultur hauptsächlich angewiesen. Wie an verschiedenen Stellen Palästinas am vorteilhaftesten zu wirtschaften ist, mit dieser Frage beschäftigen sich jetzt planmäßig sachverständige Kräfte, in den Farmen des N.-F., in der Versuchsstation, auf manchen privaten Gütern. Und wir dürfen sehr wichtige Ergebnisse dieser Arbeit mit Recht erwarten. Schließlich sind wir der Lösung der jüdischen Bauernuncl Arbeiterfrage näher gekommen. Die Versuche mit den Genossenschaften einerseits und die Einwanderung der Jemeniten andererseits sind berufen, diese beiden Fragen, wenigstens zeitweilig, zu lösen. Ueber die Genossenschaften nach Oppenheimer (in Dagania, verschiedene s. g. „Gruppen"), sind Sie genügend informiert. Ob hier alles gerade nach dem Plan gelingen wird, kann man jetzt nicht wissen; doch ist man berechtigt zu hoffen, daß diese Versuche zur Möglichkeit der Schaffung von Bauernkolonien beitragen werden. — Die Bedeutung und der Umfang der Jemeniteneinwanderung sind Ihnen auch zur Genüge bekannt. Doch auf eines möchte ich Sie hier aufmerksam machen, was, meiner Ansicht nach, nicht richtig gewürdigt wird, gleichwohl aber von großer Bedeutung ist. Die Jemeniten werden im Lande, wie auch hier, ausschließlich als billiges und gutes Arbeiterelement betrachtet. Sie werden und sollen aber nicht immer und nur Arbeiter bleiben. Sie haben die Tendenz, Bauern zu werden und besitzen dazu alle dort erforderlichen Eigenschaften. Von ihrem kleinen Verdienst sparen sie ziemlich viel; sie arbeiten oft alle, Frau und Kinder; sie sind anspruchslos. In oder neben den Kolonien, Farmen, Privatwirtschaften werden sie sich als Bauern ansiedeln. Von ein paar Dunam bewässertem Boden werden sie einen bedeutenden Teil ihrer Bedürfnisse decken; das übrige von der Arbeit bei andern. Schaffung von solchen jemenitischen Bauerndörfern - dies ist eine Lebensfrage für die gesunde Entwicklung unserer weiteren Kolonisationsarbeit. Die Jemeniten aus Jaffa haben sich z. B. bereits an „Migdal" mit einem entsprechenden Vorschlag gewendet, der sehr ernst behandelt zu werden verdient. Die zweite neue Erscheinung im kolonialen Leben, auf die ich ebenfalls Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die neue koloniale Wache (Haschomer). Wir wissen ja alle, was die frühere arabische Wache bedeutete: sie war durchaus unzuverlässig. Die Kolonisten fühlten sich von den Wächtern abhängig und von den hinter ihnen stehenden Dörfern. Unsere tapfere Jugend hat dem 2)W eine wahre Erlösungstat geleistet. Unsere Wächter sind trotz allen Schwierigkeiten fest auf ihrem Posten geblieben. Und sie haben unserm Namen Achtung, den Kolonisten Sicherheit geschaffen. 2. Städtische Kolonisation. Diese hat sich hauptsächlich in den zwei Hafenstädten konzentriert, wo unsere Bevölkerung und Bedeutung rasch zunehmen. Jaffa hat jetzt mehr Juden, als alle Kolonien zusammen; Haifa so viel, wie die größte Kolonie, Petach- Tikwah. Und dies vollzog sich ganz von selbst, ohne besondere Mühe und Mittel, außer etwas Kredit. Die inneren Stadtviertel, denen die frühere Chaluka-Immigration ausschließlich zufloß, haben sich wenig oder gar nicht entwickelt. Ja, sogar eine merkbare Emigration ist da zu konstatieren. Diese hat zwei Ursachen: die Militärpflicht für die jungen und noch mehr der Reservedienst für die älteren Männer einerseits, und Mangel an Erwerbsmöglichkeit andererseits. Um der Chalukah-Bevölkerung dieser Städte, wenigstens der Jugend, Arbeit und Brot zu verschaffen, hat unsere Organisation wesentliche Schritte unternommen. Sie kennen diese Schritte und ich will sie nur nennen und hinzufügen, daß sie segensreich wirken. Der Bezalel und die Spitzenateliers des „Kulturvereins" beschäftigen jetzt zusammen ca. 700—800 Menschen. Neue Arbeitszweige sind geplant oder eingeführt: Perlmutterarbeiten, Diamantenschleiferei, Ausarbeitung von Gobelins. Alle diese Arbeiten haben das Wichtige gemein, daß der Absatz nicht auf Palästina, sondern auf die ganze Welt berechnet ist. Man könnte ihn noch vielfach vergrößern, wenn man genügend Betriebskapital hätte. Filialen des Bezalel und Ateliers des Kulturvereins müssen in nächster Zeit in den inneren Städten Palästinas eröffnet werden. Dann wird ein gesunder Zug in das städtische Leben kommen. Vergessen wir dabei nicht, daß alle diese Arbeitsstätten gleichzeitig eine geistigkulturelle Arbeit leisten, welche gerade in diesen Städten besonders wichtig ist. Ich möchte Sie noch auf ein Bedürfnis aufmerksam machen, welches mir dort von einem unserer Vertreter vorgebracht wurde und mir als wichtig erscheint. Ich kann leider nicht die Realisierbarkeit dieses Gedankens beurteilen. Ich sagte bereits, daß unsere Förderung der städtischen Kolonisation in Kreditgewährung bestand. Unsere Bank kann aber nur denjenigen Kredit gewähren, die kreditfähig sind, die also ihre Existenz bereits geschaffen haben. Gerade in der ersten, schwersten Zeit, gerade bei Durchführung irgendwelcher, wenn auch aussichtsvoller Pläne fehlt der Kredit. Als Bank können wir nicht mit Risiko vorgehen. Aber als Kolonisations- Organisation müßten wir gerade hier helfend und kontrollierend eintreten. Vielleicht sollten wir eine gewisse Summe unserer Mittel oder Dividende für persönlichen Kredit der Bank zur Verfügung stellen; oder auf andere Weise die Mittel aufbringen — das Bedürfnis nach persönlichem, nicht immer ganz sicherem, Kredit scheint mir unbedingt vorhanden und wichtig zu sein. Ich denke, daß, bei Beobachtung der nötigen Vorsicht natürlich, nicht viel verloren gehen würde. Die Tendenz unserer städtischen Kolonisation hat sich in der Schaffung von abgesonderten jüdischen Stadtvierteln manifestiert. Dies hat seine positiven, aber auch negativen Seiten. Es ist uns nicht möglich, in ganz Jaffa hygienische Verhältnisse zu schaffen; wohl aber können wir uns ein gesundes Stadtviertel dort einrichten. Das Aufbauen unseres nationalen Lebens ist durch die Schaffung eines jüdischen Milieus sehr erleichtert. Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir uns dadurch von der arabischen Bevölkerung ganz absondern, daß unsere Ansprüche auf eine dominierende kulturelle Rolle im Lande dadurch wesentlich erschwert werden. Außerdem wird die nationale Atmosphäre etwas verdichtet, was bei manchen schon jetzt zu Chauvinismus führt, von dem wir viel gelitten haben und den wir bei uns nicht kultivieren möchten. Für das jetzige, erste Stadium des Aufbauens sind diese Viertel und ihre Isolierungstendenz eine Notwendigkeit. Die Zukunft wird uns hoffentlich über die nötigen Aenderungen belehren. 3. Kulturelle Erscheinungen. In den Städten ist der Fortschritt in der geistig-kulturellen Entwicklung am meisten merkbar. In dieser Richtung sind wir in den letzten Jahren am meisten vorwärts gekommen. Diesem Fortschritt entspricht leider der materielle nicht; doch an und für sich ist er sehr erfreulich, in manchen Dingen erstaunlich. Herr Dr. Levin wird Ihnen darüber ausführlich berichten, ich werde darum dieses Gebiet nur ganz vorübergehend berühren. Das Land zählt jetzt eine Reihe von Kindergärten und Volksschulen, in den Städten und Kolonien, wo ernst und