Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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über Kulturpolitik treiben und alle Schroffheiten vermeiden. Andererseits ist zu bedenken, daß wir nicht die Rolle einer fürsorglichen Regierung spielen können, sondern uns selbst durchsetzen müssen. Die Palästina-Arbeit geht allen anderen zionistischen Arbeiten vor, denn sie ist die Realisierung des Zionismus. Wir fordern ständige Palästina-Arbeit unter allen Bedingungen, und zwar vom Standpunkte einer Realpolitik, die sich aller Gefahren und Schwierigkeiten bewußt ist, die aber auch erkannt hat, daß nur unermüdliche Arbeit unsere Sache weiterbringen, politische und nationale Erfolge verbürgen kann. Die Palästina-Arbeit steckt heute noch in den Anfängen. Viele Aufgaben erfordern Mittel, über die wir noch nicht verfügen. Andere aber können gelöst werden, wenn die Zionisten weit mehr, als dies bis heute geschehen ist, die Palästina-Arbeit zu ihrer persönlichen Aufgabe machen. In der Nachmittagssitzung vom Sonntag referierte Dr. Tschlenow, Moskau, über die Beobachtungen und Eindrücke, die er auf seiner kürzlich unternommenen Palästinareise gesammelt hat. Referat Dr. Tschlenows Geehrte Versammlung! Fünf Jahre sind vorüber, seit ich Palästina zum erstenmal besucht habe. Als ich damals zurückkam, habe ich keine Berichte erstattet und mich darauf beschränkt, daß ich dem VII. Kongreß den Gruß von der Jubiläums-Volksversammlung* in Rischon übergeben habe. Mein damaliges Schweigen war, selbstverständlich, kein zufälliges. Es war durch diejenigen Antworten hervorgerufen, die mir meine Beobachtungen auf die drei Hauptfragen, die ich mir damals, wie auch jetzt, stellte, gegeben haben. Diese Fragen werden Sie leicht erraten: 1. Was haben wir, unsere Organisation, im Lande geleistet? ■— 2. Ist das vor uns, hauptsächlich von Rothschild, Geleistete fest und lebensfähig? — und 3. Gibt es dort, im Lande, einen Plan der Arbeit, dessen erste Schritte das bereits Geschaffene darstellt? Die Antworten auf alle diese Fragen haben leider nichts Erfreuliches ergeben. Wir haben nur die Bank geschaffen. Das war sehr wichtig, aber — furchtbar wenig. Außerdem waren noch einige wenige Initiativen (Bezalel, Gymnasium), deren Entwicklung und Lebensfähigkeit damals noch ganz unklar war. Von Rothschild, teilweise von den Chowewe Zion waren schöne Anfänge gemacht worden. Leider hatte ich nicht den Eindruck gewonnen, daß das Geschaffene fest besteht und existieren würde, wenn die Nährquelle versiegen sollte. Schließlich mußte ich konstatieren, daß das Geschaffene keinesfalls als Anfang einer weiteren Entwicklung betrachtet werden könnte. Es war kein Plan und kein planmäßiges Arbeiten. Was sollte ich also berichten? Jetzt, zum Glück, habe ich die Verhältnisse anders getroffen. Und ich bin gerne der Einladung des E. A. C. mit diesem Berichte gefolgt. Das erste, was Sie jetzt im Lande so angenehm berührt, ist das Gefühl der Stand h aftigkeit, welches Sie in den Kolonien und in den zwei Hafenstädten so ausgeprägt finden. Unsere Pioniere fühlen sich jetzt dort so befestigt, daß sie sogar oft uns, das ganze Diasporavolk, fast vergessen. Die Hauptursachen, die diese Metamorphose gebracht haben, sind zwei: die ökonomische Lage hat sich bedeutend gebessert und das Leben ist an Inhalt viel reicher, fesselnder geworden. — An diesem Fortschritte haben wir mit unseren Mitteln und Kräften, direkt und indirekt, uns segensreich beteiligt. — Und, schließlich, was unsere Organisation geleistet hat, ist wertvoll nicht nur an und für sich, sondern hauptsächlich deshalb, weil viele Fragen unserer ganzen kolonisatorischen Arbeit dadurch, wenn auch teilweise, geklärt werden. Wir sind auf dem Wege der planmäßigen Arbeit, was in meinen Augen das Wichtigste ist. Es ist mir leider jetzt unmöglich, das ganze Material zu berücksichtigen. Ich tue es in einer besonderen Abhandlung, die in kurzer Zeit erscheinen dürfte. Hier und jetzt kann ich nur das Wichtigste berühren. Ich will das Geleistete nach der natürlichen Gruppierung Ihnen vorführen. 1. Landwirtschaftliche Kolonisation. Wir haben in den letzten Jahren eine Reihe von Grundstücken in jüdischen Besitz übergeführt und einige Grundstücke, die wir früher hatten, die aber brach lagen, in einen Kulturzustand gebracht. Die Gesamtfläche ist leider klein, zu klein. Wir dürfen aber nicht vergessen, mit welchen Mitteln wir arbeiteten und welche Schwierigkeiten wir zu bekämpfen hatten. Im Verhältnis zu den früheren Zeiten, wo unbeschränkte Mittel zur Verfügung standen, darf das Erreichte aber ganz wesentlich erscheinen. Wegen anderer wichtiger Grundstücke stehen wir in ernsten Unterhandlungen, die in nicht allzu langer Zeit abgeschlossen werden dürften. Aber was, von meinem Standpunkte, bei dieser Arbeit besonders hervorzuheben ist, ist, daß wir gelernt haben, Land zu kaufen, zu okkupieren und zu verkaufen. Wer die Mißstände der früheren Zeiten kennt, wird es mit Freude begrüßen, daß jetzt der Landkauf ohne Lärm, ohne Konkurrenz, mit Takt und konzentriert geführt wird. Manche sagen, wir kauften teuer. Es ist richtig, daß die Bodenpreise steigen. Aber nicht wir haben Schuld daran. Wenn wir jetzt nicht kaufen, werden wir nachher teurer kaufen müssen, nicht billiger. Es ist jedenfalls richtiger, teurer zu kaufen, als billiger - nicht zu kaufen. Und was wir kaufen, okkupieren wir gleich. Das ist in Palästina sehr wichtig und durchaus nicht leicht, manchmal mit Lebensgefahr verbunden. Der Araber trennt sich nicht leicht vom Boden, den er bearbeitet hat; außerdem ist er gegen fremdes Eigentum nicht immer gleichgültig. Unsere jungen Pioniere haben sich aber in der Aufgabe von tPHD f*ixn als wahre Helden bewiesen. Die Beispiele der „Bilu" sind nicht vereinzelt in unserer jungen Kolonisationsgeschichte geblieben. Endlich haben wir es gelernt, wie Boden zu v e r k a u f e n ist. Um dies würdigen zu können, will ich Sie nur daran erinnern, daß, als ich zum erstenmal in Palästina war, wir einige Grundstücke bereits besaßen, aber nichts davon veräußern konnten. Von einigen Vertretern unserer Sache hörte ich dann, daß man Boden wohl geben kann, wie Rothschild es getan hat, dabei volle Einrichtung usw., aber nicht verkaufen. Die P. L. D.C., teilweise „Agudath Netaim", haben es in der letzten Zeit bewiesen, auf welchem Wege man verkaufen kann. Leider geht diese Veräußerung nicht rasch vorwärts; aber die Hauptursache, wenn nicht die einzige, liegt darin, daß vom Käufer verlangt wird, die ganze Summe im voraus zu zahlen, was bei uns, wie überall, die Mobilmachung des Bodens sehr erschwert. Mangel an Geld beim K a u f, Mangel an Kredit beim Verkauf - dies sind die Hauptschwierigkeiten, die unsere wichtigste Arbeit T^IN^l hemmen. Dazu kommen noch die rechtlichen Schwierigkeiten, unter denen wir unaufhörlich leiden. Es wird in dieser Richtung vorsichtig vorgegangen; das hilft manche Schwierigkeit zu lösen, nimmt aber viel Zeit, Mühe, oft Mittel in Anspruch. Und wenn es bei all diesen Hindernissen vorwärts geht, haben wir das Recht, zufrieden zu sein. In den letzten Jahren haben wir aber auch Arbeiten unternommen, die nicht minder von Bedeutung sind; sie verfolgen den Zweck — die Art des vorteilhaftesten Ex-